Die Welt, Israel, und die Kirche

Wolf Paul, 2022-02-01

CNN berichtet:

Jerusalem (CNN) Amnesty International ist die letzte in einer Reihe von Menschenrechtsorganisationen, die Israel wegen seiner Behandlung von Palästinensern der Apartheid beschuldigt, was eine zornige Reaktion von Seiten Israels hervorgerufen hat, in der dieser Bericht als anti-semitische verurteilt wird. …

Wie zwei vorhergegangene Berichte zum selben Thema — von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem und der New Yerker Human Rights Watch (HRW) untersucht der Bericht von Amnesty die israelische Politik in den Palästinensergebieten, die seit 1967 von Israel besetzt sind, aber nie formell annektiert wurden, sowie in Israel selbst.[1]

Die israelische Regierung wirft Amnesty (und den anderen Menschenrechtsorganisationen) vor, mit zweierlei Maß zu messen und so die Existenz Israels als Heimatland des jüdischen Volkes zu unterminieren. Genau das mache den modernen Antisemitismus aus.

Definieren wir mal Begriffe. Palästinenser sind in diesem Zusammehang die arabischen Bewohner der besetzten Gebiete, die keine israelische Staatsbürgerschaft besitzen.  Warum besitzen sie keine Staatsbürgerschaft? Weil diese Gebiete lediglich von Israel besetzt, aber nicht annektiert sind; das heißt, sie sind völkerrechtlich nicht Teil von Israel.

Israel könnte diese Gebiet zwar annektieren, aber das scheitert an mindestens zwei Tatsachen:

  • Erstens würde das auf heftigen Widerstand aus allen möglichen Richtungen stoßen, inklusive Europas und der USA, vor allem aber natürlich sämtlicher arabischer und muslimischer Staaten.
  • Zweitens würde eine Annektierung die dort lebende Bevölkerung automatisch zu Staatsbürgern machen, was sowohl unter dem Gesichtspunkt von Israel als jüdischem Staat als auch wegen der ungebrochen feindseligen Haltung der palästinensischen Führung, welche sich seit jeher weigert, die legitime Existenz Israels anzuerkennen. 

Der Bericht von Amnesty merkt an, was wohl zutrifft, daß diese Palästinenser nicht die gleichen Rechte besitzen, und von den israelischen Behörden nicht gleich behandelt werden, wie Israelis, und kommt zu dem Schluß, “daß der israelische Staat Palästiner als eine minderwertige, nicht-jüdische rassische Gruppe betrachtet und behandelt.

In genau dieser Schlußfolgerung liegt der Antisemitismus begraben, denn die unterschiedliche Behandlung der palästinensischen Bevölkerung läßt sich nicht nur durch israelischen Rassismus erklären, sondern auch dadurch, daß die Palästinenser nicht nur durch ihre Führung, sondern auch durch das Verhalten weiter Teile der Bevölkerung ihre feindselige Haltung gegenüber dem israelischen Staat und seiner jüdischen Bevölkerung  zum Ausdruck bringen, und daher auch als Feinde behandelt werden.

Klar kommt es in der Beziehung zwischen Besatzern und Besetzten immer wieder auch von staatlicher Seite zu Übergriffen, und diese darf und soll man aufgreifen, thematisieren und auch kritisieren, aber diese Schlußfolgerung ignoriert den de-fakto Kriegszustand zwischen Israel und den Palästinensern und ist deshalb als antisemitisch zu beurteilen.

In unserer sekularisierten Welt, in der Gottes Verheißungen nicht ernst genommen werden, kann man jetzt auch lange darüber debattieren, wie legitim die Errichtung des Staates Israel als jüdisches Heimatland überhaupt war[2], aber gerade Europäer und Amerikaner, die entweder selbst schuldig am Holocaust beteiligt waren, oder viel zu lange untätig bei Hitler’s “Endlösung” zugesehen haben, und deren Regierungen dann sozusagen als “Wiedergutmachung” den modernen Staat Israel aus der Traufe gehoben haben, sind wirklich die allerletzten, welche jetzt die Existenz und Legitimität Israels in Frage stellen dürfen, entweder durch ihre Regierungen, oder durch ihre Non-Profit “Do Gooder” Organisationen.

Aber das Problem geht viel tiefer, und hat eine Parallele zu dem Widerstand, den neben Israel auch die christliche Kirche, in all ihren Traditionen,  in dieser Welt erfährt.

Auch der Kirche werden konkrete Verfehlungen vorgeworfen, und vieles davon zu Recht. Der sexuelle Mißbrauch durch Priester und Pastoren und andere kirchliche Mitarbeiter, die Ausgrenzung verschiedener Personengruppen im täglichen Leben, die Kreuzzüge, die Inquisition, und vieles mehr, kann man völlig berechtigterweise kritisieren.

Aber letztlich liegt dem zunehmenden Widerstand, den sowohl Israel und das jüdische Volk, als auch die Kirche und Menschen, die sich zu ihrem Glauben an Gott bekennen, in der Welt erleben, etwas anderes zugrunde: Die Ablehnung Gottes, und daher auch der Vorstellung, daß irgendjemand, sei es Israel oder die Kirche, “Volk Gottes” ist. Das ist natürlich auch bizarr: einerseits leugnet man die Existenz Gottes, andererseits wehrt man sich vehement dagegen, daß sich da ein paar Gruppen einbilden, von diesem nicht existierenden Gott auserwählt zu sein.

Das wird auch nicht besser werden: die christliche Eschatologie ist da ziemlich klar, die Geschichte wird ein Ende haben, und gegen dieses Ende zu wird es zu ziemlich blutiger Verfolgung sowohl Israels als auch der Kirche kommen. Aber der Sieg Gottes steht auch schon fest!

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  1. meine Übersetzung[]
  2. das Konzept eines Heimatlandes für ein Volk, welches dort dann privilegiert ist, widerspricht modernem, progressivem Empfinden und wird als dumpfer Nationalismus gesehen[]

“Diversity and Inclusion” — a Biblical Value?

Wolf Paul,

I find it somewhat disturbing when leaders of heretofore biblically orthodox Christian organizations list diversity and inclusion among the aspects under which they plan “our future together”.

I have nothing against diversity or against inclusion; properly understood these terms can be expressive of biblical principles; but in this particular combination the phrase has become a buzzword for all manner of unbiblical ideas, such as erasing legitimate distinctions between men and women as well as between appropriate and inappropriate sexual inclinations, and making group identity the primary focus when looking at human beings.

We have in the past seen Christian groups, even whole denominations, slide into theological revisionism and even outright heresy, and this process usually started when they adopte cool-sounding values and ideas of the world around us.

This should seriously give us pause.

(I am intentionally not mentioning any specific organizations as I think this concern applies cross the board. The temptation to curry favour with the world by adopting its buzzwords is one all of us face.)

Die Erodierung meiner pro-amerikanischen Einstellung und Gefühle

Wolf Paul,

Wie ein unbewachsener Hügel oder eine Klippe am Meer, die beide dem Wind und Regen ausgesetzt, immer mehr abgetragen oder unterspült werden, bis sie schließlich fast verschwunden sind, so erodiert derzeit auch meine pro-amerikanische Einstellung; die entsprechenden Gefühle haben sich schon länger verabschiedet und sind einer tiefen Enttäuschung gewichen.

Ich gebe gern zu, daß meine Sympathien teileweise ohnehin auf Sand, auf Fiktionen gebaut waren, aber gerade in den letzten zehn Jahren oder so kam es zu Veränderungen und Entwicklungen im selbst-definierten “Land of the Free and Home of the Brave”[1], die auch den letzten Rest dieser Sympathien zu vertreiben drohen.

Ihren Ursprung hat meine Sympathie für Amerika in der Rolle der USA im Zweiten Weltkrieg — gar nicht aus einem idealisierten Heldenmythos heraus, sondern aus der Erkenntnis, daß wir ohne den Kriegseintritt der Amerikaner und ihre Beteiligung bis zum Ende, und schließlich als wesentliche Vertragspartei am österreichischen Staatsvertrag heute entweder immer noch in einer Nazi-Diktatur, oder aber in einer Diktatur nach sowjetischem Vorbild leben würden.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs kam sehr viel materielle Hilfe aus den USA in unser kriegszerstörtes Land; das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, haben meine Eltern mit eigenen Händen und einem ERP-Kredit[2] gebaut, und bis in meine Schulzeit hinein erhielten wir immer wieder Kartons mit Nahrungsmitteln aus dem C.A.R.E-Programm[3], die seit der Nachkriegszeit in irgendeinem Pfarrhauskeller überlebt hatten, und deren Inhalte in Konservendosen aus Blech teilweise immer noch genießbar waren. Das waren meine ersten Erfahrungen mit Corned Beef, SPAM, Trocken– und Kondensmilch, sowie mit Kaugummi mit Zimtgeschmack.

Dann lernte ich lesen, und entdeckte die Bücher von Karl May. Fragt mich nicht, warum ich mehr vom Wilden Westen als vom wilden Kurdistan, de¨r nordafrikanischen Sahara oder dem peruanischen Urwald fasziniert war, und natürlich war das eine sehr idealisierte und unrealistische Sicht dieses Landes jenseits des Atlantik, die unter anderem sowohl die Unterdrückung der Ureinwohner als auch die ganze Sklavereithematik ausblendete oder beschönigte. Damals wußte ich natürlich nicht, daß May nie in den Ländern gewesen war, die er so faszinierend beschrieb; als ich vor ein paar Jahren meinen ersten Kindle erwarb und kostenlose Bücher entdeckte, stieß ich auf Friedrich Gerstäcker und mir wurde klar, woher May seine Schilderungen und auch Teile seiner Geschichten hatte.

Als ich älter wurde, las ich dann viele andere Geschichten: Klassiker wie die Bücher von Mark Twain, die Perry Mason-Romane von Erle Stanley Gardener, die “87. Revier”-Krimis von Ed McBain, aber auch viele “Schund-Krimis” wie die Jerry Cotton und Kommissar X Hefte.

Fernsehen und Kino hat mein frühes Bild der USA fast nicht geprägt, weil wir bis ins Teenager-Alter ohne Fernseher aufwuchsen, und aus finanziellen Gründen auch fast nie ins Kino gingen. Hin und wieder habe ich bei Schulfreunden Serien wie “Lassie” gesehen, aber nicht oft genug, um viel davon zu behalten.

Ein reiferes Bild dieses “Landes meiner Träume” entwickelte sich erst, als ich mit 17 Jahren Evangelikale Christen traf, eine persönliche Glaubensentscheidung für Jesus traf, und begann, mich in der evangelikalen Szene in Wien zu bewegen. Die ersten evangelikalen Christen, die ich kennenlerte, kamen aus Deutschland, Holland und Kanada, aber nach sechs Monaten in England, wo ich Engländer, Schotten, und Südamerikaner kennen lernte, lernte ich dann nach und nach amerikanische Missionare in Wien kennen. Mit manchen von ihnen hatte ich meine liebe Not, andere jedoch haben mich sehr beeindruckt und sowohl mein christliches Leben als auch mein Bild von Amerika nachhaltig beeinflußt. Auch die Bücher, die ich durch sie entdeckte (sowie auch in England, wo ich in einer Buchauslieferung arbeitete), und dann das breite Spektrum amerikanischer Taschenbücher, auf die ich dann durch meinen Job bei der damals größten Verlagsauslieferung für englischsprachige Bücher in Wien stieß, haben meinen amerikanischen Horizont erweitert.

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  1. “Land der Freien und Heimat der Tapferen”, die jeweils letzte Zeile aller Strophen der US-Nationalhymne, “The Star-Spangled Banner”[]
  2. European Recovery Program oder Marshallplan, ein historisch bedeutendes Wirtschaftsförderungsprogramm der USA für den Wiederaufbau der Staaten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zeitraum von 1948 bis 1952 wurden Hilfen im Wert von insgesamt 13,12 Milliarden Dollar (entspricht 2020 rund 141,67 Milliarden Dollar) an viele, insbesondere westeuropäische Staaten geleistet. Unter den am Programm teilnehmenden Staaten befanden sich neben den im Zweiten Weltkrieg mit den USA verbündeten Staaten wie Großbritannien, Frankreich und den Beneluxländern auch die Kriegsgegner Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Den mittel- und osteuropäischen Staaten und der Sowjetunion wurden die Hilfe ebenfalls angeboten. Allerdings zog sich die Sowjetunion bald aus den Verhandlungen zurück und verbot auch den unter ihrem Einfluss stehenden europäischen Staaten die Teilnahme.[]
  3. zunächst Cooperative for American Remittances to Europe (kurz C.A.R.E.), heute Cooperative for Assistance and Relief Everywhere, eine 1945 in USA gegründete Hilfsorganisation, die in Deutschland und Österreich durch die in der Nachkriegszeit versandten CARE-Pakete bekannt wurde.[]

Matura abschaffen?

Wolf Paul,

Der österreichische Philosoph und Publizist Konrad Paul Liessmann hat sich kürzlich zu den Protesten einiger Schüler gegen die Weisung des Bildungsministers, die mündliche Matura wieder verpflichtend durchzuführen und nicht mehr zur Wahl zu stellen, in einer Kolumne geäußert, die in mehreren Tageszeitungen erschien.

Ein paar brilliante Zitate daraus:

“Was bedeutet es, wenn die zukünftige Elite des Landes jeder Schwierigkeit aus dem Weg gehen möchte und gar nicht auf die Idee kommt, selbstbewußt und stolz zu verkünden, daß man bereit und fähig sei, eine mündliche Matura abzulegen, auch und gerade in Herausfordernden Zeiten?”

“So richtig es ist, Schüler nicht grundlos zu überfordern, so falsch ist es, in ihrer Entlastung einen kategorischen pädagogischen Imperativ zu sehen.”

“Daß großzügige Bildungsangebote hierzulande eher als eine lästige Zumutung denn als eine veritable Chance begriffen werden, ist höchst irritierend.”

“Die Matura hat dramatisch an Wert verloren, auf ein Prüfungsgespräch mehr oder weniger kommt es da nicht an. … Seit die Universitäten ihre eigenen Aufnahmeverfahren definieren, berechtigt die Matura in vielen Fällen nur mehr dazu, sich für einen Studienplatz bewerben zu dürfen. Das einst strenge und sinvolle Ritual der Reifeprüfung ist leer geworden.”

“Das Ende der Schullaufbahn könnte unspektakulär durch das Zeugnis der Abschlußklasse bescheinigt werden. Möglich, daß es gegen solch ein Ansinnen wiederum Demonstrationen gäbe, den immerhin stünden damit auch die Maturareisen mit ihren berühmten feucht-fröhlichen Partys zur Disposition. Aber keine Sorge, kreativ wie junge Menschen nun einmal sind, werden sie schon für einen trendigen Ersatz sorgen. Denn eines ist klar, Matura hin oder her, Spaß muß sein.”

(Diese Zitate geben sicher nicht die Kernaussage des Artikels von Konrad Paul Liessmann wieder, aber wie er selbst sagt, Spaß muß sein. Und ja, ich schreibe Deutsch größtenteils in der alten Rechtschreibung, auch in Zitaten aus Artikeln, die in der neuen Schreibweise vorliegen.)

(HT für den Artikel: Rudolf Mitlöhner via Emanuela Sutter.)

Diversity? Shmiversity!

Wolf Paul, 2022-01-31

Gregor Kucera beklagt in der Wiener Zeitung die innovative Lähmung im “Silicon Valley” und erwähnt dabei, als ein bereits lange bestehendes Problem, das einer Lösung harrt, die mangelnde Diversität unter den Entwicklern.

Diversität ist dabei ein Maß für equality of outcome, und wie auch Jordan Peterson aufzeigt, ist das ein zweifelhafter Parameter, viel nützlicher und fairer wäre equality of opportunity. Denn equality of outcome beruht auf der zwar politisch korrekten, aber wissenschaftlich nicht haltbaren Annahme, daß Männer und Frauen, sowie Menschen verschiedenster Ethnien, Kulturen, und auch sexueller Neigungen, alle genau die gleiche Vorstellung davon haben, wie ein gutes und erfülltes Leben aussieht, bzw. daß sich sämtliche Neigungen und Talente in all diesen verschiedenen Gruppen in jeweils gleicher anteiliger Verteilung finden.
Im Fall von EDV-Entwicklern ist das die Annahme, daß der Prozentsatz derer, die mit Algorithmen und Programmiersprachen herumtüfteln wollen und das befriedigend finden, unter Frauen und Männern genau gleich ist, und es daher ein Zeichen von illegitimer Diskriminierung ist, wenn es mehr Männer als Frauen unter den Entwicklern gibt. Oder daß diese Berufsgruppe für Menschen unterschiedlichster Kulturen genau gleichermaßen anziehend ist, usw.

Es ist für mich zwar durchaus nachvollziehbar, daß emanzipatorische Bewegungen von dieser Annahme ausgehen und sie propagieren, und auch davon ausgehen, das dort wo verschiedene Kulturen unterschiedliche Wertvorstellungen haben, die dieser equality of outcome entgegenstehen, die Kulturen verändert werden müssen; erstens heißt das noch lange nicht, daß diese Annahme richtig ist, und zweitens zeugt die Tatsache, daß dabei die Wertvorstellungen “progressiven” weißen Elite als Maßstab vorausgesetzt werden, letztlich von ziemlich kolonialistischer und paternalistischer Arroganz.

So gesehen erscheint Diversität nicht wirklich als erstrebenswert an sich, sondern scheint die Forderung danach vielmehr ein Werkzeug zu sein, um die sogenannte Identitätspolitik und die kritische Theorie, die ihr zugrunde liegt, als permanentes Feature der Gesellschaft zu verankern, im Interesse eben genau der bereits genannten “progressiven” weißen Elite.

(Der Großteil von Gregor Kuceras Artikel behandelt natürlich ganz andere Themen; ich bin hier einfach einem “rabbit trail” gefolgt.)

Viel Lärm um nichts: der koalitionäre Side-Letter

Wolf Paul,

UPDATE: Meine Reaktion auf das ZiB-Interview mit dem Korruptionsexperten Martin Kreutner am Abend des 31. Januar.

Ich halte die Aufregung über den “Side Letter” der türkis-grünen Koalition für gekünstelt, übertrieben und absolut verzichtbar.

Natürlich werden in Koalitionsverhandlungen auch Absprachen über Personalbesetzungen getroffen, das war bei türkis-grün genauso wie bei türkis-blau, und natürlich auch bei rot-schwarz, und ist auch bei allen anderen Koalitionen, in Österreich und anderswo, genauso.

Daß das in den Koalitionen unter dem sich modern und mondän gebenden Sebastian Kurz dann “Side Letter” heißt, ist ein rein kosmetisches Detail und sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß das ein völlig normaler Teil von Koalitionsabkommen ist. Ebenso ist inzwischen klar, trotz gegenteiliger Ankündigungen bei seinem Amtsantritt an der ÖVP-Spitze, daß diese Koalition im wesentlichen genauso funktioniert, wie jede andere.

Das einzige, was bei der ÖVP nach dem Farbwechsel von schwarz nach türkis anders ist: bei der ehemals christlich-sozialen Volkspartei ist nun von “christlich” fast nichts mehr zu bemerken (die Handvoll von gläubigen Christen unter den Abgeordneten hat leider nicht viel Einfluß auf die Politik), und auch das Soziale muß man länger suchen.

UPDATE am 1. Februar:

In der gestrigen ZiB dazu befragt, weist der Korruptionsexperte Martin Kreutner darauf hin,

  • daß es bei Vereinbarungen natürlich darauf ankommt, ob ihre Inhalte gesetzeskonform sind;
  • daß geheime Vereinbarungen nicht nur zu Zweifeln daran führen, sondern auch zur steigenden Politikverdrossenheit in der Bevölkerung beitragen;
  • daß bei manchen der angesprochenen Personalentscheidungen eine Ausschreibung gesetzlich vorgeschrieben ist, welche durch solche Vereinbarungen zu teuren Alibiaktionen verkommen, die letztlich nichts als Verschwendung von Steuermitteln sind;
  • und daß der Hinweis, es hätte derartige Vereinbarungen zu Personalentscheidungen immer schon gegeben und sie wären Teil jedes Koalitionsabkommens, gerade dann besonders problematisch ist, wenn man sich Transparenz und “eine andere Art der Politik” (und damit auch die Abkehr vom üblichen Postenschacher) auf die Fahnen geschrieben hat.

All dem kann ich durchaus zustimmen; dennoch halte ich vor allem die Empörung von Oppositionspolitikern für unehrlich und gekünstelt, weil sie aufgrund der langen Geschichte von Koalitionen in diesem Land erst einmal beweisen müßten, daß ihre Parteien das jetzt radikal anders machen. Die Herren Kickl und Co von der FPÖ waren schließlich alle Teil der türkis-blauen Koalition, in der es ebenfalls einen “Side Letter” gab, und die SPÖ hat ja gemeinsam mit der ÖVP “große Koalitionsgeschichte” geschrieben, wo es auch nur so gewimmelt hat von nicht-öffentlichen Absprachen.

Daß die größere Transparenz und “andere Art der Politik” in der ÖVP unter Kurz nur Augenauswischerei war und vielmehr einher ging mit einer Abkehr von den traditionellen christlich-sozialen Wurzeln/Werten dieser Partei habe ich ja auch geschrieben.

Pope Benedict does not deserve this mud-slinging campaign

Wolf Paul,

In view of the public outrage about Pope emeritus Benedict on the occasion of the recently published Munich Report on Clerical Abuse[1] I find this  Statement by  Bishops Stefan Oster of Passau[1] very helpful and fair.

Die relevante Stelle in Peter Seewalds Buch

Of course Pope Benedict / Joseph Ratzinger has to be held accountable for what he did or failed to do, but the assessment of these facts ought to be fair. The “Report” accuses Benedict of having intentionally lied in order to mislead the investigators when in a statement on the matter he denied having been present at a specific meeting; Bishop Oster points out that Benedict’s attendance at the meeting is documented in Peter Seewald’s biography of the Pope emeritus which was written with Benedicts cooperation. And he further points out that, contrary to the claims in the “Report”, the meeting was not concerned with permitting a priest accused of having sexually abused adolescents to minister in the diocese, but rather with deciding whether to permit him to attend therapy in the diocesan territory.

It seems perfectly normal to me that a 94-year-old who is no longer completely fit physically will rely on assistants for correspondence, especially when it concerns important legal matters; that a mistake made by such an assistant is then used for frenzied mud-slinging campaign which also mis-characterizes the meeting concerned says more about the authors of the “Report” and journalists who exploit it.

As an evangelical Christian there are many things where I do not see eye-to-eye with the Pope emeritus, but his Jesus books have impressed me as the testimony of a man with a profound faith in Jesus, of a brother in the Lord[2], and I would like to remind all those who now excessively condemn him of Romans 14,4:

“Who are you to judge another’s servant? Before his own Lord he stands or falls. And he will stand, because the Lord is able to make him stand.”

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  1. sorry, German only[][]
  2. despite the fact that I did not agree with everything in the books[]

Diese Schmutzkampagne hat Papst Benedikt nicht verdient!

Wolf Paul,

Angesichts der öffentlichen Empörung über den emeritierten Papst Benedikt aus Anlaß des kürzlich veröffentlichten Münchner Mißbrauchs-Gutachtens finde ich diese Stellungnahme des Passauer Bischofs Stefan Oster sehr hilfreich und fair.

Die relevante Stelle in Peter Seewalds Buch

Natürlich muß auch Papst Benedikt / Joseph Ratzinger Verantwortung übernehmen für das, was er getan oder auch verabsäumt hat, aber man sollte bei der Beurteilung dessen fair bleiben. Das Gutachten wirft Benedikt vor, seine Anwesenheit bei einer bestimmten Sitzung bewußt geleugnet zu haben, um die Ermittler in die Irre zu führen; Bischof Oster weist darauf hin, daß Benedikts Anwesenheit bei und Teilnahme an dieser Sitzung bereits in Peter Seewalds Benedikt-Biografie dokumentiert ist, welche mit Benedikts Mitwirken entstanden ist, und es sich daher bei der gegenteiligen Aussage in Benedikts Einlassung tatsächlich um einen redaktionellen Irrtum gehandelt haben dürfte. Und er weißt auch darauf hin, daß es bei dieser Sitzung, anders als im Gutachten behauptet, nicht um den seelsorgerlichen Einsatz eines beschuldigten Priesters in München ging, sondern um dessen Aufenthalt zur Therapie.

Es ist völlig normal, daß sich ein körperlich nicht mehr ganz fitter 94-jähriger für seine Korrespondenz, insbesondere in Rechtsangelegenheiten, auf Mitarbeiter verläßt; einen Fehler eines solchen Mitarbeiters für eine derartige Schmutzkampagne zu mißbrauchen, und dabei auch den Inhalt der Sitzung falsch darzustellen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verfasser des Gutachtens sowie auf die Medien, die das jetzt ausschlachten.

Ich bin als evangelikaler Christ in vielen Dingen anderer Meinung als der emeritierte Papst, aber die Lektüre seiner Jesus-Bücher[1] hat mich beeindruckt als das Zeugnis eines zutiefst Jesus-gläubigen Mannes, als eines Bruders im Herrn, und ich kann all jene, die ihn jetzt über die Maßen verurteilen, vor allem jene, die sich selbst als Christen sehen, nur auf Römer 14,4 hinweisen:

«Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.»

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  1. wobei ich auch nicht in allem mit ihm einer Meinung war[]

Some thoughts on Covid-19

Wolf Paul, 2022-01-16

(This post is a work in progress; it is likely to get changed and updated whenever my opinions shift or I have had occasion to think more about different aspects of the subject. Last update: 2022-01-18 17:15:18)

We’re at the beginning of the third year of the global Covid-19 pandemic, and the widely differing opinons on the pandemic, and on the various measures taken by governments and businesses to deal with it increasingly divide society, affecting families, churches, workplaces, and of course politics. Here are some of my thoughts on the subject.

First a few words regarding my personal situation: I waited a long time to get vaccinated because it seemed a logistical nightmare, due to my health-related mobility problems. My GP does not vaccinate, and normally does not do house calls, either. The various vaccination stations either required long walks from the car park, or else (in the case of mobile stations) long waits outside, neither of which appealed to me. And in view of my living arrangements, in a remote village and again, due to my mobility problems, my largely house-bound state, I did not see the urgency.

In mid-December the opportunity arose, on the occasion of a visit with my daughter, to have her GP come to the house and give me a jab, and in a couple of weeks we will repeat this exercise for my second jab.

In my immediate family there are several people who are unvaccinated by conviction, and who wish to remain so, and I must and can live with that, and live well with that.

When it comes to the big discussion the first question is, of course, whether the pandemic is a thing or not, whether it isn’t simply a new variant of the flu, which we ought to treat just like the flu, with voluntary vaccinations, vitamins, and rest, and nothing more. Those who hold this opinion usually doubt official statistics on the higher mortality of Covid-19 or the strain on the healthcare system; they assume that the numbers have been manipulated by governments in order to justify those draconian restrictions of our civil rights which they impose for undefined but certainly malevolent reasons.

I find this hard to believe:

When I look at our politicians, both here in Europe, in America, and elsewhere on this earth, they do not strike me as intellectual giants, nor as the most knowledgable and able people (those typically occupy the much better paid positions in the business world). I don’t believe for one second that these basically second-rate people, across the entire political spectrum, manage to conduct a worldwide conspiracy which only a handful of cogniscenti have penetrated; that they manage to seduce the media, business (which, with the exception of vaccine and mask producers suffer from the restrictions), as well as the entire medical establishment to quietly go along with their conspiracy. After all, we are here talking about people who are surprised that their text and WhatsApp messages can be used to blow their corrupt deals wide open; we are talking about people who are surprised that the voters are not thrilled when they impose restrictions on us and then flout them, etc.

For such a conspiracy to work the majority of the world’s medical doctors would have to be corrupt and play along; business people whose companies are at risk because of lockdown etc. would have to be quiet; really all politicians would have to be corrupt.

It’s the adherents of such conspiracy theories who drive the divisions in society because they consider anyone who complies with the restrictions to be complicit and traitors who cannot be trusted.

There are others however, who do not believe in a worldwide conspiracy but have various doubts about the need for and the efficacy of the measures imposed by government, whether it is masks, social distancing, or vaccinations. Others consider the potential risks of vaccination to be greater than the risk of dying from Covid-19; or, among Christians, who do not see death as a huge tragedy and prefer it to potentially disabling permanent side effects of vaccination. I think that such considerations, such views deserve some respect even where we disagree; we should feel free, however, to restrict our contact with people who hold such views if we consider it necessary for our own safety.

So what do I think of the various measures imposed by government to deal with Covid-19?

I have absolutely no doubt that the measures are not always well thought through, and of course they are not either argued or communicated in an optimal manner. The reason for this is exactly that weakness and imperfection of our politicians which has me doubt the global conspiracy, as well as the tension between the need for measures and restricitions on the one hand, and the realization that implementing such restrictions could negatively affect a future election outcome: If government does not implement measures and restrictions to guard against the risks of the pandemic, and there is a sudden rise in the number of deaths, or a collapse of parts of the health care system, they will get blamed and may loose the next election. If, on the other hand, they implement all the measures recommended by the experts, when they, for example, require that masks be worn, or impose a lockdown, people may get so annoyed that they will vote for someone else next time around. This tension frequently causes politicians to do what is likely to result in the biggest number of votes, rather than what their conscience tells them is the right thing to do; this is one of the biggest weaknesses of democracy, however, the alternative systems of government have their own, even worse weaknesses.

Add to this the fact that politicians, both those in government and those in opposition, are typically neither medical nor economic experts but depend on expert advisers. Even when there is broad consensus on the necessary measures and restriction, there are also frequently very loud and vocal dissenters, and this makes it even more difficult to know what is the right course of action.

The other big question is how we as Christians should deal with the pandemic and with the “Covid Culture Wars”. I maintain a directory of evangelical churches in Austria, and have recently added a page summarizing the relevant government rules and regulations as they pertain to churches and church services. On this page I linked to two videos by two German Christian leaders, Johannes Reimer and Johannes Hartl, and I also linked to statements from the Evangelical Alliances in Austria and Germany (sorry, all of that is only in German).

 

Das andere große Thema ist die Frage, wie wir als Christen sowohl mit der Pandemie als auch mit dem großen Streit darüber umgehen. Auf der Covid-Infoseite auf dem Österreichischen Freikirchenatlas habe ich zwei Videos verlinkt, eines von Johannes Hartl, und eines von Johannes Reimer, sowie Stellungnahmen der Evangelischen Allianz in in Österreich und Deutschland.

I also wrote the following: “As Christians we are called to regard others higher than ourselves, and to obey the laws of the state as long as they do not contradict the commandments of God. And we are not to usurp God’s role as judge, and for this reason I would like to challenge us, as followers of Jesus, to be very careful in how we express our opinions. Much of what irritates us when it comes to government measures is most likely not the result of lies or an attempt to brazenly restrict our civil rights, but rather the result of politicians being overwhelmed by the situation and the tension between possibly necessary measures and the desire to win the next election and thus not to excessively annoy voters. I am expressly not saying that we should not criticize government — that is our constitutional right — but we should not be quick to attribute malevolent motives  to people, not to mention dealing in conspiracy theories.”

On January 18 German evangelist Ulrich Parzany posted on Facebook, “In view of the painful conflicts in Christian churches regarding vaccination and Corona restrictions I recommend reading Romans 14 and 15. However, there’s still plenty of conflict potential there: Who are the strong, and who are the weak? Those who advocate vaccination? Those who oppose it? In any case, it would be helpful if both sides stopped swinging their moral baseball bats.”

That was not a very successful appeal as the comments show: with a few exceptions, both sides continued to swing their “moral baseball bats”.

And actually, one can read Romans 14 in such a way as to defuse this situation. Let me paraphrase Romans 14:2 in two different ways:

One person believes he should be vaccinated, while one who is weak does not want to be vaccinated. One who is vaccinated must not judge one who is not vaccinated, because God has accepted him.

and—

One person believes vaccination to be unnecessary and dangerous, while one who is weak considers vaccination to be good and necessary. One who is not vaccinated must not judge one who is vaccinated, because God has accepted him.

 

The argument that opposition to vaccination is objectively wrong, or that it springs from a sinful ideology (as one of the commenters writes rather judgmentally) is as irrelevant here as the fact that Paul says that the Jewish food rules absolutely don’t apply to Christians. Accepting the other because God has accepted him (or her) has absolute priority here.

We should also remember that the Apostle Paul says in 2 Corinthians 1:5 that we should take every thought captive to obey Christ. And Christ tells us in Matthew 5:22f, «Everyone who is angry with his brother or sister will be subject to judgment. Whoever insults his brother or sister will be subject to the court. Whoever says “You fool!” will be subject to hellfire.» Therefore we would be well-advised, when we think of those we disagree with, even if we consider their views wrong and foolish, to discipline our thoughts to think “This man, or this brother, is wrong!”, rather than “This idiot is wrong.” I am convinced that if we disciplined our thoughts in this way, we would end up treating each other differently.

And let us not forget that we owe each other respect not because of our correct opinions, but because we are all created in the image of God, however distorted that image might be by sin or ignorance.

Then, when some argue that love of neighbor requires one to be vaccinated, keep in mind that every one of us is responsible for our own loving or unloving actions; pointing the finger at others has never been helpful.

Here are a few more thoughts on the notion that the pandemic and the restrictive measures implemented by government are some sort of conspiracy to restrict and take away our civil rights:

Especially here in Austria I would be very careful with such accusations. Unlike in some other countries, here in Austria churches and church services are explicitly excempted from the various Covid-related regulations; the public health orders explicitly excempt “venues for the practice of religion”, and every lockdown, including the lockdown for the unvaccinated which is still in force, had as one of the exceptions the “satisfaction of basic religious needs”, with government clearly stating that that his includes attendance at church services.

Basically Christian churches (and other religious organizations) are responsible to make their own rules as seems good and necessary to them; the most elaborate such rules are the Guidelines for Church Services (sorry, German only) by the Austrian Roman-Catholic Bishops’ Conference. It contains this remarkable sentence which evangelical churches would do well to adopt: “In order to not exclude anyone a priory from attending church services participation continues to be possible without proof or minimal epidemiological risk as defined by government regulations (i.e. tested, vaccinated or recovered).”

This situation concerning church services, as well as the fact that regular public demonstrations against the government’s measures continue unhindered, despite the fact that a majority of demonstrators ignore the distancing and mask requirements, is  sufficient evidence for me that the government is not simply trying to restrict or take away our civil rights — else this is where they would have started.

Ein paar Gedanken zu Covid-19

Wolf Paul,

(Dieser Post ist eine beabsichtigte “Dauerbaustelle” – er wird mit Sicherheit laufend korrigiert und ergänzt, wenn sich meine Meinung verschiebt oder ich mir zu anderen Aspekten des Themas Gedanken mache. Letzte Aktualisierung: 2022-01-18 17:06:20)

Wir befinden uns am Anfang des dritten Jahres der globalen Covid-19 Pandemie, und die unterschiedlichen Meinungen dazu, und zu den Maßnahmen dagegen, spalten zunehmend die Gesellschaft, angefangen in Familien, in Kirchengemeinden, und natürlich in der Politik auf allen Ebenen. Hier sind einige meiner Überlegungen zu dem Thema.

Zu allererst meine persönliche Situation: Ich habe mich lange nicht impfen lassen, weil es mir angesichts meiner gesundheitsbedingten Mobilitätsprobleme zu schwierig erschien. Mein Hausarzt macht impft nicht und macht auch normalerweise keine Hausbesuche, und die diversen Impfstellen erfordern alle etweder lange Fußwege vom Parkplatz oder, im Fall von Impfbussen, längers Warten im Freien. Und angesichts meiner Wohnsituation, in einem relativ abgelegenen Dorf, und durch meine Mobilitätsprobleme ohnehin nie draußen unter Menschen, schien die Dringlichkeit nicht gegeben.

Mitte Dezember hat sich die Gelegenheit ergeben, anlässlich eines Besuches bei meiner Tochter, von ihrem Hausarzt bei einem Hausbesuch geimpft zu werden, und die habe ich wahrgenommen; in den nächsten Wochen werden wir diese Aktion wiederholen und ich werde mir meinen “zweiten Stich” holen. Es gibt in meinem unmittelbaren Umfeld auch Leute, die aus Überzeugung ungeimpft sind und es auch bleiben wollen, und damit muß und kann ich leben, auch gut leben.

Wenn es jetzt um die große Diskussion geht, dann ist die erste Frage, die sich stellt, ist, ob wir überhaupt eine Pandemie haben, ob Covid-19 nicht nur eine neue Variante der Grippe ist, auf die wir genauso reagieren sollten, bestenfalls mit freiwilligen Impfungen und keinen weiteren Maßnahmen. Diejenigen, die diese Meinung vertreten, zweifeln normalerweise die Statistiken über erhöhte Sterblichkeit und die Überlastung des Gesundheitssystems an, und gehen davon aus, daß die Zahlen von den Regierungen manipuliert werden, um die “drakonischen” Einschränkungen der Bürgerrechte zu rechtfertigen, mit denen sie uns aus nicht näher definierten, aber sicherlich bösartigen, Gründen nerven.

Ich kann diese Meinung ganz und gar nicht nachvollziehen:

Wenn ich mir unsere Politiker, hier in Europa, in Amerika, und auch sonstwo auf der Welt, ansehe, dann sind das alles keine intellektuellen Koryphäen, und sie gehören auch nicht zu den fähigsten Leuten (die sind auf besser bezahlten Posten in der Wirtschaft zu finden). Ich halte es für absolut unglaubwürdig, daß diese Leute, quer durch alle politischen Lager, eine globale Verschwörung aufgezogen haben, die nur von ein paar besonders Schlauen durchschaut wird; daß sie es geschafft haben, die Medien, die Wirtschaft, die ja mit Ausnahme der Impfstoff- und Maskenhersteller auch unter den Einschränkungen leidet, sowie das gesamte Gesundheitssystem, in diese Verschwörung einzubinden. Wir reden ja hier von Leuten, die erstaunt sind, daß man Jahre nach irgendeinem korrupten Postenschacher anhand ihrer SMS- und WhatsApp-Nachrichten ihre Absprachen rekonstruieren und ihnen daraus einen Strick drehen kann; von Leuten, die sich selbst nicht an die Regeln halten, die sie der Bevölkerung aufzwingen und dann ganz erstaunt sind, wenn dieses Benehmen rauskommt und die Bevölkerung dann nicht tolerant darüber hinwegsieht, usw. 

Damit das funktioniert, müsste die Mehrzahl der Ärzte korrupt sein und mitspielen; müssten Wirtschaftsbosse, deren Firmen aufgrund von Lockdown usw. den Bach runtergehen, den Mund halten; müssten wirklich alle Politiker korrupt sein.

Es sind übrigens die Anhänger solcher Verschwörungstheorien, die gr¨oßtenteils für die Spaltungen verantwortlich sind, weil sie dazu neigen, alle, die sich an die Vorgaben der Regierungen halten, für Mitverschwörer oder zumindes Mitläufer zu halten, sich von ihnen verraten fühlen und ihnen daher grundsätzlich mit Mißtrauen begegnen.

Von dieser absoluten Verweigerungshaltung gegenüber einer angenommenen Welterschwörung zu unterscheiden sind meiner Meinung nach differenzierte Haltungen, die aus verschiedenen Gründen die Notwendigkeit und Effektivitʼ¨ät der Maßnahmen, von Masken über Social Distancing bis zu Impfungen, anzweifeln, oder die für sich pers¨onlich die Nebenwirkungen von Impfungen für schwerwiegende erachten, als das Risiko, an Covid-19 zu erkranken oder gar zu sterben, oder, unter Christen, die den Tod nicht als so tragisch sehen und ihn daher möglichen Dauerschäden bevorzugen. Solche Meinungen sollte man respektieren, auch wenn man sie nicht teilt; allerdings sollte man sich in den meisten Fällen die Freiheit nehmen, nicht unbedingt notwendige Kontakte mit Leuten, die solche Meinungen vertreten, einzuschränken, wenn man es für die eigene Sicherheit für notwendig erachtet.

Wie sehe ich nun die Maßnahmen der Regierung zum Thema Covid-19?

Es steht für mich außer Zweifel, daß die Maßnahmen nicht immer gut durchdacht sind, und erst recht nicht optimal argumentiert und kommuniziert wurden und werden Der Grund dafür liegt in genau der gleichen Unvollkommenheit unserer Politiker, die mich an der Weltverschwörung zweifeln läßt, sowie in der Spannung zwischen der Notwendigkeit, Maßnahmen zu setzen und dem Bewußtsein, daß diese Maßnahmen Auswirkungen haben könnten, die einen zuk¨unftigen Wahlerfolg beeinträchtigen oder verhindern können: Wenn eine Regierung keine ausreichenden Maßnahmen gegen das Risiko der Pandemie ergreift, und es kommt zu einem drastischen Anstieg der Todesfälle oder einem Kollaps des Gesundheitssystems, dann werden die verantwortlichen Politiker garantiert geprügelt und bei der nächsten Wahl abgestraft. Andererseits, wenn eine Regierung nach bestem Wissen und Gewissen Maßnahmen ergreift, zum Beispiel eine Maskenpflicht einführt oder einen Lockdown verhängt, nehmen ihr auch dies viele Menschen übel, und stimmen bei der n¨ächsten Wahl für Politiker, die sich lautstark gegen diese Maßnahmen ausgesprochen haben. Wie bei so vielen Entscheidungen stehen Politiker vor der Wahl, das zu tun, was ihnen ihr Gewissen als richtig anzeigt, oder das, was am ehesten Wählerstimmen bringt. Das ist eine der großen Schwächen der Demokratie; die Schwächen alternativer Regierungssysteme sind allerdings größer und schwerwiegender.

Die Politiker, sowohl in der Regierung als auch in der Opposition, sind auch zumeist keine Experten, weder für Medizin, noch für Wirtschaft, sondern sind von Beratern abhängig. Auch wenn es einen breiten Konsens gibt, was die notwendigen Maßnahmen betrifft, so gibt es immer wieder laut vorgebrachte abweichende Meinungen von genausogut qualifizierten Fachleuten, die das ganze noch schwieriger machen.

Das andere große Thema ist die Frage, wie wir als Christen sowohl mit der Pandemie als auch mit dem großen Streit darüber umgehen. Auf der Covid-Infoseite auf dem Österreichischen Freikirchenatlas habe ich zwei Videos verlinkt, eines von Johannes Hartl, und eines von Johannes Reimer, sowie Stellungnahmen der Evangelischen Allianz in in Österreich und Deutschland.

Ich habe dort auch geschrieben, “Als Christen sind wir allerdings zur Rücksichtnahme auf andere Menschen aufgerufen, sowie dazu,  staatliche Gesetze zu befolgen, solange sie nicht Gottes Geboten widersprechen. Außerdem sollen wir uns nicht Gottes Rolle als Richter anmaßen, und daher möchte ich uns, als Jünger Jesu, dazu aufrufen, unsere Meinungsäußerungen gut zu überlegen. Höchstwahrscheinlich ist Vieles, was uns an den Maßnahmen der Regierung “aufstößt”, nicht die Folge von Lügen ist oder ein Versuch, uns mutwillig unsere Bürgerrechte wegzunehmen, sondern einfach die Folge von Überforderung und der Spannung zwischen vielleicht notwendigen Maßnahmen und dem Wunsch, auch die nächsten Wahlen zu gewinnen, und daher das “Stimmvolk” nicht zu vergrämen. Ich will damit ausdrücklich nicht sagen, daß wir Regierung und Politiker nicht kritisieren dürfen (das ist unser verfassungsgemäßes Recht), aber wir sollten niemandem vorschnell unlautere Motive unterstellen, von Verschwörungstheorien ganz zu schweigen.

Am 18. Januar hat Ulrich Parzany auf Facebook gepostet, “Angesichts der schmerzlichen Konflikte auch in christlichen Gemeinden über Impfungen und Corona-Maßnahmen rate ich Römerbrief Kapitel 14 und 15 zu lesen. Allerdings liegt auch darin Sprengstoff: Wer ist denn nun schwach oder stark – Impfbefürworter und Impfgegner? Jedenfalls, etwas weniger moralische Keule von beiden Seite wäre schon hilfreich.”

Das war leider kein sehr erfolgreicher Aufruf, denn in den Kommentaren wurde, mit wenigen Ausnahmen, weiterhin die moralische Keule geschwungen.

Dabei ist der Hinweis auf Römer 14 sehr passend. Um Römer 14:2 zweimal leicht angepasst zu zitieren:

Der eine glaubt, er soll sich impfen lassen. Der Schwache aber lässt sich nicht impfen. Wer sich impfen lässt, verachte den nicht, der sich nicht impfen lässt, denn Gott hat ihn angenommen.

und —

Der eine glaubt, die Impfung ist gefährlich und unnötig. Der Schwache aber meint, die Impfung sei gut und notwendig. Wer die Impfung für unnötig hält, verachte den nicht, der sich Impfen lässt, denn Gott hat ihn angenommen.

Das Argument, daß die Impfgegnerschaft objektiv falsch ist, oder auch einer sündigen Ideologie entspringt, wie einer der Kommentatoren leichtfertig urteilend schreibt, zählt hier genauswenig, wie die Tatsache, daß laut Paulus die Speisevorschriften für Christen nicht gelten. Den anderen annehmen, weil auch Gott ihn angenommen hat, gilt auf jeden Fall.

Dazu kommt dann noch, daß Paulus in 2. Korinther 10:5 sagt, wir sollen “alles Denken gefangen nehmen in den Gehorsam gegen Christus.” Christus sagt uns, «Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: “Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.» (Matthäus 5:22) Es wäre also wirklich gut, unsere Gedanken soweit zu beherrschen, daß wir beim Gedanken an einen Mitmenschen, mit dem wir unterschiedlicher Meinung sind, auch wenn wir seine Meinung für grundfalsch und unvernünftig halten, zwar durchaus denken, “Dieser Bruder, oder dieser Mensch, hat unrecht”, aber nicht “Dieser Idiot hat unrecht.” Ich bin absolut überzeugt davon, daß diese Disziplin, unsere Gedanken gefangen zu nehmen, dazu führen würde, daß wir anders miteinander umgehen.

Und wir sollten bedenken, daß wir unseren Menschen Respekt schulden, nicht für ihre richtige Meinung, sondern weil sie im Ebenbild Gottes erschaffen sind, wie sehr dieses auch durch Sünde und Unwissenheit entstellt sein mag.

Wenn es dann darum geht, was lieblos ist, so ist jeder für seine eigenen liebvollen oder lieblosen Handlungen verantwortlich, und das Zeigen auf andere ist erfahrungsgemäß nicht sehr hilfreich.

Noch ein Gedanke zu der Vorstellung, daß das ganze eine Verschwörung zur Einschränkung unserer Bürgerrechte ist:

Gerade in Österreich sollten wir als Christen diesbezüglich vorsichtig sein. Im Gegensatz zu manchen anderen Ländern sind hier nämlich Kirchen und Gottesdienste von den staatlichen Maßnahmen explizit ausgenommen; die Verordnung gelten ausdrücklich nicht für “Räumlichkeiten zur Religionsausübung”, und auch die diversen Lockdowns, einschließlich des noch immer geltenden Lockdowns für Ungeimpfte, haben als Ausnahmebestimmung die “Befriedigung religiöser Grundbedürfnisse”, mit klaren Erklärungen von Regierungsseite, daß dies auch den Gottesdienstbesuch umfaßt. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften sind aufgefordert, für ihren jeweils eigenen Bereich die ihnen notwendig erscheinenden Maßnahmen zu ergreifen; das ausführlichste Beispiel solcher eigener Maßnahmen ist die Rahmenordnung für Gottesdienste der röm.-kath. Bischofskonferenz. Und bemerkenswerter Weise findet sich dort dieser Satz, an dem sich auch evangelikale Gemeinden ein Vorbild nehmen könnten: Um niemanden von der Feier öffentlicher Gottesdienste von vornherein auszuschließen, ist die Teilnahme weiterhin ohne Nachweis einer geringen epidemiologischen Gefahr im Sinne der aktuellen staatlichen Verordnung zur Bekämpfung der Verbreitung von COVID-19 (d.h. ohne 2G- bzw. 3G-Nachweis) möglich. 

Diese Situation mit Bezug auf Gottesdienste sowie auch die Tatsache, daß bis heute regelmäßig Demonstrationen gegen die staatlichen Maßnahmen stattfinden, bei den diese (Abstands- und Maskenpflicht) von einer Mehrheit der Demonstrationsteilnehmer ignoriert werden, ist für mich ein ausreichendes Indiz dafür, daß es dem Staat nicht um eine allgemeine Einschränkung der Bürgerrechte geht.