Ekstatisch und Asketisch — die Evangelikalen?

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Franz Graf-Stuhlhofer hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß Günter Kaindlstorfer, der bereits im November 2021 eine reichlich tendenziöse Ö1 Radiokolleg-Reihe über die Evangelikalen gemacht hat, es nicht lassen kann, und sich nun, ebenfalls in Ö1, in der Sendereihe Logos – Glauben und Zweifeln, wiederum die Evangelikalen vornimmt.

Anhand der Sendungsbeschreibung kann man schon vorhersehen, daß die Sendung, “Ekstatisch und asketisch” – Warum evangelikale Bewegungen so erfolgreich sind, die am 19. Februar 2022 ausgestrahlt werden soll, auch wieder von Ungenauigkeiten und Fehlern strotzen wird. So wie schon im November, wirft Herr Kaindlstorfer alle möglichen Gruppen in einen Topf; lediglich die Methodisten hat er diesmal, nachdem diese sich wohl nach der Radiokolleg-Reihe beschwert haben, mit einer Erklärung außen vor gelassen. Adventisten und Gemeinden Christi[1], die sich selbst nicht zur evangelikalen Bewegung zählen, sind nach wie vor in dem Mix, und der Titel läßt darauf schließen, daß er sowohl charismatisch/pfingstlerische als auch nicht-charismatische Gruppen und Gemeinden in den einen Topf namens evangelikal wirft. Das ist zwar international durchaus üblich, aber gerade im deutschen Sprachraum nicht. Den evangelikalen Flügel der Evangelischen Kirche (auch als “Fromme” oder “Pietisten” bekannt) ignoriert er geflissentlich.

Ekstase und Askese sind ja Begriffe, die in der Kirchengeschichte immer wieder vorkommen, sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht; wenn man die Freikirchen betrachtet[2], was wohl ein zutreffenderer Begriff wäre für die Gruppe, die Kaindlstorfer mehr oder weniger akkurat portraitieren möchte, dann gibt es sicher Gruppen, denen mehr Ekstase zu wünschen wäre, und andere, bei denen mehr Nüchternheit empfehlenswert wäre. Was die Askese anlangt, kann man wohl sagen, daß allen christlichen Gruppen und Kirchen in Österreich (und im “Westen” insgesamt) mehr Askese gut täte; großteils sind wir genauso Teil der Konsumgesellschaft um uns herum, wie die “Un-” oder “Andersgläubigen”, was schwerlich auf eine wörtliche Auslegung der Bibel zurückzuführen ist.

Lassen wir diese Sendung also auf uns zukommen und hoffen, daß Herr Kaindlstorfer diesmal mehr auf Frank Hinkelmann und weniger auf Bernd Vogt[3]  gehört hat; es wäre seinem Ruf als objektiver Journalist sehr zuträglich.

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  1. In der Sendungsbeschreibung werden sie als Churches of Christ genannt, obwohl sie schon seit kurz nach dem 2. Weltkrieg als Gemeinden Christi in  Österreich präsent sind[]
  2. ich verwende den Begriff hier als “Gattungsbezeichnung”, nicht bezogen auf die anerkannte Religionsgemeinschaft der Freikirchen in Österreich[]
  3. Bernd Vogt ist in einer Pfingstgemeinde in Deutschland aufgewachsen und hat dort offenbar viele Verletzungen erlitten; allerdings liegt das alles fast ein halbes Jahrhundert zurück, und die Art von Pfingstgemeinde, die er in seinem Buch schildert, war immer schon am extremen Rand der evangelikalen Bewegung angesiedelt und ist vor allem für die Evangelikalen in Österreich überhaupt nicht repräsentativ.[]
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