Wer sagt die Wahrheit?

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Eine Facebook-Freundin (anonymisiert) fragt:

Die Antwort lautet: Wahrscheinlich stimmen beide Aussagen.

Die israelischen Raketen waren wahrscheinlich die (traurige aber verständliche) Reaktion auf den Raketenbeschuß durch den Islamischen Dschihad.

Wie Thomas M. Eppinger auf MENA-Watch berichtet,

In der Nacht zum Samstag hat der Islamische Dschihad über 160 Raketen aus Gaza auf Israel abgefeuert. Jede einzelne von ihnen zielte auf Zivilisten, jede einzelne ist ein terroristischer Akt. Nur dem Iron Dome und den öffentlichen Sicherheitseinrichtungen ist es zu verdanken, dass solche Terrorakte nicht mehr Opfer fordern. 

Demgegenüber unternimmt Israel mehr als jede andere Armee der Welt, um die Zivilisten des Gegners in der Kampfzone zu schützen. Dennoch sind in jedem Krieg unbeteiligte Opfer unvermeidlich. Die palästinensische Taktik, sich hinter der eigenen Zivilbevölkerung zu verstecken, kann nicht zur Folge haben, die eigene Bevölkerung widerstandslos dem Terror auszuliefern

Das Infame an der CNN-Überschrift ist, daß sie die Ursache für den israelischen Raketenbeschuß, nämlich den vorausgegangenen Beschuß aus Gaza, verschweigt (auch wenn der Artikel dann beides erwähnt).

Diese Art der Überschrift entspringt der unter westlichen Medien und vor allem linken Politikern und Organisationen weit verbreiteten Leugnung, direkt oder indirekt, des israelischen Rechts auf Selbstverteidigung in diesem Krieg, der von palestinensischen Terror-Organisationen wie PLO (die im Westjordanland regiert), Hamas (die im Gazastreifen regiert) und Islamischer Dschihad (die für den aktuellen Raketenbeschuß verantwortlich ist) am Leben erhalten wird.

Diese Leugnung, die durchaus nicht auf englischsprachige Medien begrenzt ist, sondern unter Anderem auch in österreichischen und deutschen Medien gut vertreten ist, ist zu einem gesellschaftsfähigen Antisemitismus geworden, der sich als Sorge um die unterdrückte palästinensische Bevölkerung geriert, dabei aber die Rolle der palästinensischen Führung, insbesondere der Hamas, in dieser Situation verschweigt. Diese hält sich zwar derzeit mit direkten Angriffen auf Israel zurück, läßt aber andere Terrorgruppen wie den Islamischen Dschihad weitgehend unbehelligt im von ihr konrollierten Gazastreifen agieren.

Man muß nicht die gesamte israelische Politik im Westjordanland, im Gazastreifen, und in den besetzten Gebieten gutheißen, aber es muß schon ganz klar gesagt werden, daß der Staat Israel die ständigen Angriffe auf die eigene Zivilbevölkerung nicht einfach so hinnehmen kann. Dies auch dann, wenn aufgrund der Taktik der Terrororganisationen jeder Verteidigungsschlag Israels Opfer unter der palästinensischen Zivilbevölkerung fordert: Leider verstecken die Terrororganisationen ihre Raketenwerfer und Munitionslager ebenso wie die Eingänge zu ihren Terrortunneln in zivilen Siedlungen, um die resultierenden zivilen Opfer dann propagandistisch auszuschlachten. Dazu gehört auch, daß die Opfer der eigenen Raketen (wenn diese z.B. zu kurz fliegen und noch im Gazastreifen einschlagen), grundsätzlich immer Israel in die Schuhe geschoben werden.

Nun werden einige diesen ganzen Narrativ in Frage stellen, und trotzdem die Verantwortung für die Gewalt im Nahen Osten primär Israel in die Schuhe schieben. Darauf kann ich nur sagen:

Ich finde den demokratischen Staat Israel, der als einziger in der Region faire und geheime Wahlen sowie eine unabhängige Presse hat, in seiner Darstellung der Situation wesentlich glaubwürdiger als die autokratischen bis diktatorischen Regimes von PLO und Hamas, die in ihren Herrschaftsbereichen keine Opposition zulassen.

Und obwohl ich kein Freund von Krieg bin, und ihn als Mittel der Politik kategorisch ablehne, muß ich doch Staaten das Recht auf Selbstverteidigung zugestehen, dem Staat Israel ebenso wie der Ukraine.

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Des vielen Büchermachens ist kein Ende

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Kürzlich stieß ich auf folgende Konversation auf Facebook (Namen und Bilder anonymisiert):

Dies hat mich zum Nachdenken gebracht über meine eigene Einstellung zu Büchern. Mein Vater hatte eine riesige Bibliothek von mehr als 2500 Bänden: von allem etwas, von Politik und Philosophie (z.B Mein Kampf und Das Kapital), über Geschichte, Medizin, usw., zu Belletristik (vor allem deutschsprachige Klassiker sowie Autoren der Zwischenkriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit wie Kraus, Kästner, Tucholsky, Grass, usw), und ich fing sehr bald an, es ihm gleich zu tun und meine eigene Büchersammlung anzulegen.

Dann starb mein Vater; ein paar Jahre später mußten wir aus familiären Gründen unser Elternhaus an einen Bauunternehmer verkaufen, und keines von uns Kindern hatte das Interesse oder den Platz, die Büchersammlung unseres Vaters (bis auf ganz wenige Ausnahmen) zu übernehmen. Die Mehrzahl der Bücher blieb im Haus zurück und als es abgerissen wurde, um Platz für eine Reihenhaussiedlung zu machen, wurden sie Teil des Bauschutts.

Als Büchernarr und begeistertem Leser tat mir das sehr weh. Im Laufe meines Lebens mußte ich wegen mehrmaliger Übersiedlungen (sowohl innerhalb Österreichs, als auch nach USA und zurück) viele meiner Bücher aus praktischen Gründen weggeben. Dann bin ich schließlich auf eBooks gestoßen und habe größtenteils aufgehört, gedruckte Bücher zu kaufen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen kaufe ich inzwischen nur mehr elektronische Bücher, in den Kindle-, ePub-, oder PDF-Formaten. Inzwischen habe ich habe auch einiges, was ich mal in Papier hatte, elektronisch nachgekauft.

Meine ganze Bibliothek paßt jetzt auf einen USB-Stick, und wenn meine Zeit gekommen ist, werden sich meine Erben nicht den Kopf zerbrechen müssen, wo sie hunderte vergilbter Bücher unterbringen sollen; und falls sie kein Interesse an meiner Büchersammlung haben, können sie den Stick einfach neu formatieren.

So sehr ich Bücher liebe (und gerade auch Kunstwerke der Typografie-, Buchdrucker- und Buchbinderkunst, die ich mir ohnehin nicht leisten kann), bin ich doch zur Erkenntnis gelangt, daß ich Bücher, ebenso wie Geld, all mein Computerzeugs, usw., letztlich nicht mitnehmen kann, und daß diese Dinge leicht zur Last werden können, wenn nicht für mich, dann für die, die nach mir kommen.

Den Titel dieses Beitrags stammt übrigens aus Kohelet (Prediger, Ecclesiastes) 14,12:

Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde.

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Biblisch? Christus-Ähnlich?

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Diesen Text habe ich von Craig Greenfield übernommen und übersetzt:

Auf dem Berg der Verklärung steht Jesus mit Moses und Elija (als Verteter von Gesetz und Propheten im AT) (Matt 17:1-9).

Gottes Gebot lautet, “Dieser ist mein Sohn, Ihn sollt ihr hören!”

In diesem mächtigen Augenblick,
mit diesen mächtigen Worten,
wird Jesus über alle anderen Lehrer gestellt, und auch über alle anderen Stellen in der Schrift.

Deshalb müssen wir die Bibel durch die Linse von Jesu Leben und Lehre lesen.

Deshalb kann Jesus sagen, “Ihr habt gehört, dass gesagt ist ( 2. Mose 21,24): Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, Liebet eure Feinde.”

Deshalb streben wir
nicht so sehr danach, biblisch zu sein,
sondern vielmehr danach, Jesus-ähnlich zu sein.

Anmerkung von Wolf: Und ja, mir ist schon klar, daß dieses Auslegungsprinzip auch verdreht und mißbraucht werden kann und wird, was aber nichts an seiner Gültigkeit ändert. Und man kann darüber streiten, was in dem Bild hier oberhalb “biblisch” bedeutet, aber jeder Leser guten Willens versteht das schon.

Und schließlich besteht immer die Gefahr, daß wir die Schrift nicht durch die Linse von Jesu Leben und Lehre lesen, sondern durch die Linse des Bildes von Jesus, das wir uns zurechtgelegt haben.

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Lobpreis-Enunziation

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Es gibt sie immer noch, die christlichen Gemeinden, die kein professionelles Lobpreis- oder Musikteam haben, zumindest nicht jeden Sonntag. Da kommen dann “Amateure” zum Einsatz.

Für die erfordert es meist einigen Mut, sich vorne hinzustellen und zu singen, und ich will da ganz vorsichtig sein mit Kritik, will aber trotzdem etwas erwähnen, was mir in solchen Situationn immer wieder auffällt:

In normaler Konversation neigen wir alle dazu, die einzelnen Laute, aus denen sich Worte zusammensetzen, seien es Vokale oder Konsonanten, nicht allzu genau auszusprechen. Teilweise ist das auch mundart- oder dialektbedingt – wir Österreicher neigen z.B. dazu, ‘t’ und ‘d’ ziemlich gleich auszusprechen. In normalen Gesprächen funktioniert das auch ziemlich gut; wenn es jedoch über eine Soundanlage im für Gemeinden erschwinglichen Preissegment läuft, und erst recht, wenn es sich um Gesang handelt, wird es schnell schwer verständlich.

Wir brauchen keine Schauspielausbildung, kein Burgtheater-Deutsch, aber wir sollten so sprechen oder singen, daß man zwischen ähnlichen Lauten unterscheiden kann, und daß die Konsonanten am Ende von Worten nicht verschluckt werden. Man nennt das “Enunziation“.

Ein paar Beispiele: ‘u’ und ‘ü’ sind zwei unterschiedliche Laute, ebenso ‘ei’ und ‘eu’; “Herr” hat ein r am Schluss, oder zumindest ein ‘a’ (“Hea”); und “Gott” hat ein ‘t’ am Ende, welches von Soundanlagen leicht unterschlagen wird, wenn man es als ‘d’ ausspricht.

Wenn Du also selbst als Amateur in der Gemeinde Lobpreis leitest, achte ein wenig auf die deutliche Enunziation: kann man verstehen, was du singst, auch wenn man den Text nicht kennt oder vorne auf der Leinwand sieht?

Und wenn Du für die Gottesdienstgestaltung oder die Bedienung der Soundanlage zuständig bist, achte darauf, wie verständlich die Sänger oder Sängerinnen auf der Bühne singen und nütze die Autorität Deiner Position, um konstruktive Verbesserungsvorschläge zu machen – genauso, wie du den Leuten erklärst, daß sie das Mikro vor den Mund halten und hinein singen sollen, statt es irgendwo vor den Brustkorb zu halten und darüber hinweg zu singen.

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“Unser Kardinal”

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Bei allen Schwächen, die er als Mensch natürlich hat, und trotz all meiner theologischen Differenzen mit seiner Kirche, bin ich sehr dankbar für den Wiener Erzbischof, Christoph Kardinal Schönborn OP.

Er hat die staatliche Anerkennung der Freikirchen in Österreich unterstützt, die täuferische Bruderhof-Gemeinschaft in Österreich und seinem designierten Alterswohnsitz in Retz willkommen geheißen, und fördert in seiner Diözese ein Verständnis von Christsein, das eine bewußte Glaubensentscheidung (Bekehrung/”Lebensübergabe”) und Jüngerschaft umfaßt.

Als evangelikaler Christ, dem die katholische Kirche nicht egal ist, bin ich auch sehr dankbar für seine klare Stellungnahme zum sogenannten “Synodalen Weg“, einem revisionistischen “Reformprozeß” in der katholischen Kirche in Deutschland, der von der Mehrzahl der deutschen Bischöfe unterstützt wird, und der, ob absichtlich oder nicht, immer mehr in die Richtung geht, die katholische Kirche an den liberalen Protestantismus der EKD anzugleichen, komplett mit der Normalisierung “alternativer Sexualitäten”.

Unter anderem wirft Schönborn dem “Synodalen Weg” vor, die klerikalen Mißbrauchsfälle für eine über das legitime Ziel hinausschießende Kirchenreform zu instrumentalisieren, und viel zu wenig von Umkehr (Bekehrung) und Nachfolge Jesu zu reden:

Mit Blick auf das Thema Klerikalismus sagte der Kardinal, das “Heilmittel gegen den Klerikalismus ist, pardon, es so schlicht und deutlich zu sagen, die Nachfolge Jesu”.

“Von Umkehr und Nachfolge ist auf den Debatten des Synodalen Weges zu wenig zu hören”, so Schönborn. Der Maßstab für das kirchliche Amt müsse “die dienende Gestalt Jesu” sein.

“Der Missbrauch, der durch Priester geschehen ist, ist sicher die schlimmste Form von Missbrauch”, erklärte der Wiener Erzbischof. “Aber das als Argument dafür zu nehmen, dass die Stiftung Jesu geändert oder korrigiert werden muss, scheint mir verfehlt.”

Vor drei Jahren (2019) wurde Kardinal Schönborn 75 Jahre alt, das Alter, in dem Bischöfe laut Kirchenrecht dem Papst ihren Rückblick anbieten müssen; Scönborn tat dies, Papst Franziskus nahm das Angebot jedoch nicht an und beließ Kardinal Schönborn bis auf weiteres im Amt. Aber das Ende seiner Amtszeit ist absehbar, und kein Mensch weiß, wer ihm als Wiener Erzbischof nachfolgen wird. Viele konservative, bewußte Christen, auch in den Freikirchen, werden “unserem Kardinal” nachtrauern.

Titelbild: Kardinal Schönborn beim Festgottesdienst anläßlich 150 Jahre Baptisten in Österreich in der Baptistengemeinde Mollardgasse, 23. November 2019.

 

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Sounds Like Reign

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Vor ein paar Jahren bin ich auf YouTube auf den Kanal einer christlichen Familie in North Carolina (USA) gestoßen, die musiziert und alle ihre Alben sowohl als CDs verkauft als auch kostenlos zum Download anbietet, sowie die einzelnen Tracks auch als Musikvideos auf YouTube einstellt.

Als ich auf Lindsay und Bracken Kirkland stieß, waren sie gerade dabei, mit damals drei Buben aus einem Tiny House in ein normales Haus zu übersiedeln, um dann ein paar Jahre später mit vier Buben in ein großes, teilweise desolates 100jähriges Bauernhaus zu ziehen, welches sie renovieren sollten, statt Miete zu zahlen. Seither sind noch zwei Buben und zuletzt ein Mädchen dazugekommen.

Nachdem die notwendigsten ersten Renovierungsarbeiten erledigt waren, haben sie mit Hilfe von Freunden ein Tonstudio errichtet, um sowohl ihre eigene Musik aufzunehmen, als es auch anderen Musikern kostengünstig oder sogar gratis anzubieten.

Sie sehen ihre Musik und ihre zwei YouTube-Kanäle als einen mehr oder weniger vollzeitigen christlichen Dienst, und werden dafür von ca 400 Leuten über die Plattform Patreon unterstützt. Auf YouTube-Werbung (eine wichtige Einnahmequelle für die meisten YouTuber) verzichten sie, weil sie den Inhalt solcher Werbung nicht beeinflussen können.

Neben ihrer Musik und dem, was man aus den Videos über ihr Familienleben sehen kann, beeindruckt mich vor allem, daß sie es schaffen, sich ganz und gar aus den politischen Steitereien herauszuhalten, welche die evangelikale Bewegung in USA inzwischen prägen.

Hier sind Links zu ihren YouTube-Kanälen sowie der Website, wo man die Alben downloaden kann, und dann möchte ich ein paar von meinen Lieblingsliedern präsentieren.

Links

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Olga Misiks Rede vor Gericht: “Ihr verurteilt nicht mich, ihr verurteilt euch selbst!”

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Yuly Rybakov schreibt am 2. Mai 2021: Dieses M¨ädchen wurde soben 20 Jahre alt. Olga Misik wurde bekannt nach den Protesten im Sommer 2019 rund um die Wahl zur Moskauer Stadt-Duma, wo sie die russische Verfassung laut vorlas. Ihr drohen zwei Jahre Gefängnis für diese Aktion vor dem Gebäude der Generalstaatsanwalt.
(Source: Yuly Rybakov, Facebook: ‘With children like this, Russia has a future!’)

Anmerkung des Übersetzers:

Am 11. Mai 2021 wurde Olga Misik[1] zu zwei Jahren und zwei Monaten Hausarrest verurteilt, ihre zwei Freunde Ivan Vorobievsky and Igor Basharimo erhielten ähnliche Strafen. Nachdem ich den Text von Olgas Abschlußerklärung vor Gericht nirgends in deutscher Übersetzung gefunden habe, habe ich ihn selbst übersetzt und poste ihn hier, in der Hoffnung, daß er zumindest einigen Leuten, die für Vladimir Putin und sein Regime schwärmen, die Augen öffnen wird.

Der englische Text ist z.B. hier zu finden.


Olga Misiks Abschlußerklärung vor Gericht.

Über die Angst

Ich werde oft gefragt, ob ich nicht Angst habe. Diese Frage wird vor allen von Menschen außerhalb Rußlands gestellt, weil sie die näheren Umstände unseres Lebens nicht kennen. Sie kennen die Gefangenentransporter nicht, die Festnahmen und Gefängnis ohne gutem Grund und ohne Begründung. Sie kennen das Gefühl der Verzweiflung nicht, das wir mit der Muttermilch aufgesogen haben. Und es ist dieses Gefühl der Verzweiflung, das alle Angst vertrocknen läßt und uns mit einer gelernen Hilflosigkeit infiziert. Wozu Angst haben, wenn man ohnehin keine Kontrolle über die Zukunft hat?

Ich hatte nie Angst. Ich fühlte Verzweiflung, Hilflosigkeit, Frustration, Beunruhigung, Enttäuschung und Burnout, aber weder die Politik noch der Aktivismus haben mich je mit Angst angesteckt. Ich hatte keine Angst, als bewaffnete Banditen in jener Nacht ins Haus gestürmt sind und mir mit dem Gefängnis gedroht haben. Sie wollten mich erschrecken, aber ich hatte keine Angst. Ich habe gescherzt und gelacht, weil mir klar war: in dem Moment, wo ich zu lächeln aufhöre, habe ich verloren.

Als ich mit diesen Banditen in ihrem Gefangenentransporter nach Moskau fuhr, dachte ich, ich hätte meinen letzten Sonnenaufgang für viel Jahre gesehen. Ich dachte an meinen Vater, den ich heute das erste Mal weinen sah, und an meine Mutter, die mir ins Ohr flüsterte, “Gestehe nichts,”, an meinen Bruder, der zur Dacha gelaufen kam und mich warnte, an Igor, der auf dem Boden lag und die Fragen der Agenten ignorierte. Ich war traurig und verletzt, aber ich hatte keine Angst.

Ich hatte keine Angst, als sie mich in eine Zelle steckten. Ich war besorgt um Igor, und habe den Brief von meinen Freunden immer wieder gelesen, aber mein Schicksal war die kleinste meiner Sorgen. Es ist komisch, vielleicht irgendein Abwehrmechanismus, aber ich habe im Verlauf dieser Tage kein einziges Mal Angst verspürt.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich zu diesem Protest gefahren bin. Ich versprach mir selbst, daß dies die letzte Aktion meiner Aktivistenkarriere sein würde, daß ich mich aus der Politik zurückziehen und mich auf mein Studium konzentrieren würde. Ich war besorgt und unsicher, wie es gehen würde, aber ich hatte keine Angst. Auch als ich die Straf- und Verwaltungsgesetze studierte, und all die Präzedenzfälle für ähnliche Aktionen, hatte ich keine Angst. Es war eine herrliche Nacht, und mir war klar, daß es meine letzte Nacht in Freiheit sein könnte, aber das hat mich nicht geängstigt.

Aber seit der Hausdurchsuchung, und während der letzten neun Monate, hatte ich ständig Angst. Seit dieser ersten Nacht in der Zelle habe ich kein einziges Mal normal geschlafen. Jede Nacht weckt mich das leiseste Geräusch auf, ich bilde mir ständig ein, daß ich Schritte am Gang höre, und Panik überkommt mich bei dem Geräusch von Autorädern auf dem Schotter vor meinem Fenster.

Und es scheint mir, daß all die Angst, die sich in den letzten neun Monaten in mir angesammelt hat hier und jetzt in meinem Abschlußstatement konzentriert ist, weil ich viel mehr Angst davor habe, in der Öffentlichkeit zu reden, as vor einem möglichen Urteil. Mein Puls ist gerade bei 150, und mir scheint, mein Herz würde zerreissen, und ich habe sogar unter meinen Haaren eine Gänsehaut.

Manche sagen, wenn man weiß, daß man Recht hat, kann man  keine Angst haben. Aber Rußland lehrt uns, ständig Angst zu haben. Ein Land, das jeden Tag versucht, uns umzubringen. Und wenn du außerhalb des Systems stehst, dann bist du so gut wie tot.

Und vielleicht hatte ich ja Angst, als ich zu diesem Protest fuhr. Aber ich habe verstanden, daß ich nichts anderes tun konnte. Ich habe verstanden, daß alles andere unmöglich ist. Daß, wenn ich jetzt schweigen würde, ich mir nie mehr in den Spiegel schauen könnte. Wenn mich meine Kinder einmal fragen, wo ich war, als all das passierte, und was ich dagegen getan hatte, warum ich das geschehen ließ und was ich unternommen habe, um die Situation zu reparieren, könnte ich ihnen nicht antworten. Was könnte ich schon sagen? Ich stand in einer Protestschlange außerhalb des FSB[2]? Das wäre ein Witz. Eine lustige  Selbsttäuschung, die ich mir nicht erlauben konnte.

Und wie ist es mit euren Kindern? Wenn sie euch fragen, wo ihr wart, als all das passierte, was werdet ihr ihnen sagen? Daß ihr Schuldsprüche verteilt habt?

Natürlich war ich bei dem Protest. Ich bedaure das nicht; ich bin vielmehr stolz über das, was ich getan habe. Tatsächlich hatte ich keine Wahl, ich mußte alles mir mögliche tun, und daher habe ich auch kein Recht, es zu bedauern. Und wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, würde ich es wieder tun. Wenn mir die Todesstrafe drohen würde, würde ich es wieder tun. Ich würde es wieder tun, immer wieder, ein ums andere Mal, bis es nichts mehr gäbe, das man verändern könnte. Leute sagen, immer wieder das gleiche zu tun in der Hoffnung, daß es anders ausgehen wird, ist der Wahnsinn. Ja, Hoffnung ist Wahnsinn. Aber aufzuhören, das zu tun, was man für richtig hält, nur weil es alle um dich herum für nutzlos halten, ist angelernte Hoffnungslosigkeit. Ich bin lieber in euren Augen wahnsinnig, als in meinen Augen hilflos.

Über die vermeintliche Verschwörungsgruppe “Neue Größe”

Randfiguren im Fall der “Neuen Größe”[3] haben mir diesen Sonntag gesagt, daß es nicht umsonst war. Daß es ihnen Hoffnung gegeben hat. Daß sie es schätzen. Und auch, wenn das nur zur Hälfte stimmt, heißt das, daß alles aus einem bestimmten Grund geschehen ist. Wenn nur eine einzige Person, die derzeit hinter Gittern ist, die Dinge leichter findet, weil diese Protestversammlung sie unterstützt hat, dann war es nicht umsonst. Das heißt, daß ich kein Recht habe, mich darüber zu beklagen, daß ich hinter Gitter landen könnte.

Maslov hat die an ihn gerichteten Plakate persönlich gesehen. Krasnov hat persönlich verlangt, daß ein Gerichtsverfahren gegen uns eröffnet wird. Das bedeutet, daß meine Herausforderung angenommen wurde. Daß sie mich gehört haben. Daß es nicht alles umsonst war.

Es wäre nicht nur prinzipienlos, meine eigene Teilnahme an dem Protest zu leugnen. Es würde all meine Bemühungen zunichte machen, all meine Ängste und mein Leiden, alles, was ich erreicht habe, meine Schmerzen und meinen Zorn. Ich kann mir diese Prinzipienlosigkeit nicht leisten, mit der unsere Untersuchungs- und Anklagebeamten  leben. In seinem Büro war der Leiter unserer Untersuchung so stolz über seine Prinzipientreue, wie er Fälle, die unbegründet waren, eingestellt hat; aber im Gerichtssaal hat er den Schwanz zwischen die Beine genommen wie ein Feigling und undeutlich vor sich hin gemurmelt über verbleibende Gründe. Es tut mir sehr leid, daß ich ihn nicht wiedersehen werde und ihm nicht ins Gesicht sagen kann, wie sehr ich ihn verachte. Ich verachte auch unseren jugendlichen Ankläger, der für diese Heuchelei und diese Lügen eigentlich zu jung ist. Ich kann ihn nur verachten, und ich verstehe nicht, daß er sich nicht selbst verachtet, daß er seienen Lieben in die Augen blicken kann.

Und auch ihr. Wenn ihr die Einschränkungen unserer Freiheit vor dem Gerichtsverfahren erweitert habt, die Anträge der Verteidigung ablehnt habt, und all die falschen Anschuldigungen schluckt, die euch die Staatsanwaltschaft füttert, dann wißt ihr ganz genau, welches Verbrechen ihr begeht, und ihr seid euch dessen noch viel klarer bewußt, als ich an diesem schicksalhaften Abend. Wenn ihr mir den Kontakt mit der wichtigsten Person in meinem Leben verbietet, wißt ihr ganz genau, was ihr tut. Ihr denkt, daß es menschlich ist, jemanden zu verurteilen, weil er zur falschen Zeit mit den falschen Leuten am falschen Ort war. Ihr meint, ihr könntet ein Gerichtsverfahren gegen jemanden eröffnen, nur weil ich ihn liebe, und uns dann jeden Kontakt verbieten, aber das könnt ihr nicht. Ihr könnt mir nicht verbieten, zu lieben; ihr könnt Jugend nicht verbieten, und ihr werdet niemals die Freiheit verbieten. Ihr werdet niemals die Wahrheit verbieten.

Und ihr wißt ganz genau, daß dieses Urteil ein Wendepunkt für euch ist, viel mehr als für mich. Denn ich habe miich vor langer Zeit für meine Seite entschieden, und ihr müßt jetzt entscheiden, in welche Richtung euer Leben weitergehen wird. Für mich bedeutet weder diese Debatte noch diese Ankündigung sehr viel, und sie werden nichts verändern. Ihr verurteilt nicht mich – ihr verurteilt euch selbst.

Ein faschistisches Regime scheint von innen nie faschistisch zu sei. Es gibt hier ein bißchen Zensur, hier eine kleine Unterdrückung, die dich vielleicht nie berühren wird.  Aber ich bin hier und heute nicht die Angeklagte. Ihr entscheidet nicht mein Schicksal, sondern euer eigenes, und ihr könnt immer noch den richtigen Pfad wählen. Ihr wißt genau, was hier los ist, und wie das heißt. Und ihr wißt, daß es gut und böse gibt, Freiheit und Faschismus, Liebe und Haß, und zu leugnen, daß diese Dinge existieren, wäre die größte Täuschung. Und diejenigen, die sich jetzt für das Böse entscheiden, haben bereits ihre Sitze auf der Anklagebank reserviert. Den Haag erwartet alle, die bei dieser Gesetzlosigkeit mitmachen.

Ich kann nicht versprechen, daß wir morgen gewinnen werden, übermorgen, in einem Jahr oder in zehn Jahren. Aber eines Tages werden wir gewinnen, weil Liebe und Jugend immer gewinnen. Ich kann nicht versprechen, daß ich das erleben werde, aber ich hoffe wirklich, daß ihr es erleben werdet. Und ihr täuscht euch selbst, wenn ihr euch einredet, daß ich wegen dieses Protests vor der Staatsanwaltschaft hier stehe. Ihr täuscht euch selbst, wenn ihr das hell leuchtende Schild mit der Aufschrift “POLITIK” ignoriert, das über diesem gesamten Verfahren hängt – dieses Verfahren wird nicht uns angetan, sondern dem gesunden Menschenverstand.

Ihr wißt, warum ich hier bin. Und ihr wißt, warum diese beiden hier sind – weil sie meine Freunde sind. Ihr wißt, warum ich vor Gericht stehe. Weil ich die Verfassung vorgelesen habe. Für meine Zivilcourage. Weil ich zur Person des Jahres gewählt wurde. Für meine Prinzipien. Für Reden. Vielleicht könnte ich mich ja von dieser ausdrücklich politischen Strafverfolgung geschmeichelt fühlen, wenn nicht inzwischen alle, die eine Meinung haben, unterdrückt worden wären.

All die Argumente der Staatsanwaltschaft sollen meine Schuld beweisen. Ich werde gar nicht darauf eingehen, daß sie das nicht sehr professionell machen – der Fingerabdruck-Befund ist gefälscht, und auf meiner Kleidung gibt es keinerlei Farbspuren, wie ihr selbst gesehen habt, als die Beweismittel vorgelegt wurden. Die Staatsanwaltschaft hat neun Monate darauf verschwendet, meine Beteiligung zu beweisen, die ich gar nicht geleugnet habe. Aber was bedeutet diese Beteiligung in einem Fall ohne Akte? Was macht es aus, ob ich dort war, wenn kein Verbrechen begangen wurde? Obwohl ich lügen würde, würde ich  sagen, daß kein Verbrechen begangen wurde, denn die Untersuchungs-  und Anklagebehörden haben sehr wohl ein Verbrechen begangen, und ich hoffe ganz ernstlich, Genosse Richter, daß Sie, Genosse Richter, nicht das gleiche Verbrechen begehen werden.

Deshalb bestehe ich auf einem vollen und bedingungslosen Freispruch ohne solch halbherzigen Entscheidungen wie Verfahrenseinstllung gegen Bezahlung einer Geldstrafe. Ich bin von meiner Unschuld überzeugt und bin bereit, sie ohne Kompromisse zu verteidigen.

Es ist uns allen klar, wie absurd dieser Fall ist: von Einschränkungen vor der Gerichtsverhandlung bis hin zu fabrizierten Beweisen, die von der Verteidigung als falsch entlarft wurden. Aber das ist noch nicht das Schlimmste.  Das Schlimmste sind vielmehr die Zeugen- und Expertenaussagen, die immer wieder unser Alter hervorgehoben und argumentiert haben, daß unser Verhalten einfach die Auswirkung von jugendlichem Überschwang sei. Aber die Wahrheit ist doch, daß jeder einzelne von uns erwachsener ist als Krasnov, der, wie Dimitry aufgezeigt hat, sich über ein paar Plakate kindisch aufgeregt hat. Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber ich kann und will es sagen, viel ehrlicher als jeder von euch, weil ihr darin gar nichts zu sagen habt. Die Wahrheit ist, daß trotz verschiedener Verbote und Einschränkungen unserer Freiheit, hier vor Gericht und in Gefängnissen, selbst mit GPS-Fesseln und einem rigiden Zeitplan, jeder von uns viel freier ist als ihr, denn diese drei Jahre werden einmal Vergangenheit sein, und selbst vorher werde ich immer noch sagen, was ich denke und tun, was ich für richtig halte, und ihr bringt es leider nicht über euch, das gleiche zu tun.

Die letzten neun Monate waren sehr schwierig, und ich möchte sie nicht nocheinmal durchleben. Ich habe die Zeit damit verbracht, Dinge zu bedauern, habe gedacht, “Was wäre geschehen, wenn …” und “Alles könnte ganz anders sein ….”. Aber da habe ich mich selbst belogen, denn die Dinge könnten gar nicht anders sein. Von dem Augenblick an, als ich die Verfassung in die Hand nahm, war meine Zukunft entschieden. Und ich habe das tapfer akzeptiert. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, und in einem totalitären Staat kommt die richtige Entscheidung immer mit schrecklichen Konsequenzen. Ich wußte immer, daß ich im Gefängnis landen würde; die Frage war nur, wann. Ich lese gerade ein Buch von Markus Zusak über das Leben unter einem faschistischen Regime(wahrscheinlich “Die Bücherdiebin“)), und er schreibt darin, “Du sagst, du hast Pech gehabt, aber du wußtest die ganze Zeit daß es so enden würde.”  Dieser Satz beschreibt meine Strafverfolgung vollkommen. Es war nicht Dummheit, oder Pech, oder ein Zufall – und es war ganz sicher kein Verbrechen. Ich wußt schon immer, daß dies geschehen würde, und war schon immer darauf vorbereitet. Nichts, was ihr tun könnt, wird mich überraschen.

Mein Anwalt hat heute Sophie Scholl erwähnt, und ihre Geschichte ähnelt meiner aufs Haar. Sie wurde vor Gericht gestellt,  weil sie Flugblätter verteilt und Graffiti gemalt hatte; ich wurde vor Gericht gestellt für Plakate und Farbe. Genaugenommen stehe ich vor Gericht für Gedankenverbrechen, so wie sie vor langer Zeit. Mein Gerichtsverfahren ist ihrem sehr ähnlich, und Rußland ist heute dem faschistischen Deutschland sehr ähnlich. Sophie hat nie ihre  Überzeugungen geleugnet, auch nicht im Angesicht des Schaffots. Ihr Beispiel hat mich ermutigt, keinen Abmachungen zuzustimmen. Sophie Scholl hat Jugend, Ernsthaftigkeit und Freiheit verkörpert, und ich hoffe, daß sie und ich einander auch darin ähnlich sind.

Das faschistische Regime in Deutschland ist letztlich gefallen, und auch das faschistische Regime in Rußland wird fallen. Ich weiß nicht, wann das geschehen wird – vielleicht in einer Woche, vielleicht in einem Jahr, vielleicht in einem Jahrzehnt – aber ich weiß, daß wir irgendwann siegen werden, weil Liebe und Jugend immer siegen.

Über das Licht

Ich möchte meine Abschlußerklärung mit Zitaten von zwei besonderen Menschen abschließen: Albus Dumbledore und Sophie Scholl. Zu viel von dem, was ich heute gesagt habe, handelte von Furcht, daher werden diese beiden Zitate vom Licht handeln. Ich habe mit Furcht begonnen, aber ich werde mit Hoffnung enden.

In der Kriegszeit sagte Albus Dumbledore einmal: “Das Glück kann gefunden werden, selbst in den finstersten Zeiten, wenn man nur daran denkt, das Licht einzuschalten.”

Sophie Scholls letzte Worte vor ihrer Hinrichtung waren,  “Die Sonne scheint immer noch!”

Tatsächlich scheint die Sonne immer noch. Ich konnte sie zwar durch das Gefängnisfenster nicht sehen, aber ich wußte immer, daß sie da war. Und wenn wir jetzt, in diesen finsteren Zeiten, das Licht einschalten können, dann wird es uns vielleicht zumindest einen kleinen Schritt näher zu unserem Sieg bringen.

Aus dem Russischen ins Englische übersetzt von  Marian SchwartzAnna BowlesFriedrich Berg und Nina dePalma; vom Englischen ins Deutsche übersetzt von Wolf Paul.

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  1. Ich finde es bemerkenswert, daß es weder in der deutschen noch in der englischen Wikipedia einen Eintrag für Olga Misik gibt.[]
  2. Der FSB ist der Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation. Der russische Name Федеральная служба безопасности Российской Федерации Federalnaja sluschba besopasnosti Rossijskoi Federazii (ФСБ) bedeutet „Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation“.[]
  3. Diese angebliche Verschwörungsgruppe begann mit einer Gruppe russischer Teenager, die sich auf Social Media über Politik unterhalten haben. Ein Geheimagent infiltrierte die Gruppe, vermietete ihnen ein Clublokal, und ermutigte sie zu Protestaktionen. Die Polizei hat ihre Wohnungen gestürmt und die Teenager festgenommen, und sie wurden mit gefälschten Beweisen angeklagt, die Regierung stürzen zu wollen. Im August 2020 wurden die Teenager zu (teilweise bedingten) Gefängnisstrafen zwischen vier und sieben Jahren verurteilt[]
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Untersuchungs­aus­schüsse und Korruptionsvorwürfe

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Seit Monaten laufen nun in Österreich Korruptionsermittlungen. Angefangen hat es mit dem Ibiza-Video mit den Herren Strache und Gudenus, zu dem dann, trotz des Rücktritts dieser beiden FPÖ-Politiker, auf Verlangen der Opposition ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß eingerichtet wurde. Dieser Ausschuß begann ziemlich schnell, auch andere Vorwürfe zu untersuchen, die weder mit dem Ibiza-Video noch mit der FPÖ und ihren Politikern zu tun hatten, sondern die sich vornehmlich gegen ÖVP-Politiker richteten.

Seither ermitteln sowohl der Ausschuß als auch die Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen alle möglichen aktiven und ehemaligen ÖVP-Politiker und ihnen nahestehende Personen, wobei alle möglichen fragwürdigen Vorgänge aufgedeckt wurden, größtenteils durch SMS und andere Chatverläufe dokumentiert.

Vor Kurzem nun stellte einer meiner Facebook-Freunde die Frage, wie weit solche Untersuchungen, die ja sehr viel Geld und Zeit kosten, von Verantwortungsbewußtsein getrieben sind, und wie weit von anderen Motiven.

Es macht natürlich schon nachdenklich und betroffen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Unbekümmertheit sich unsere “Oberen” über die Regeln und Gesetze, die sie ja selbst beschlossen haben, hinwegsetzen[1], und zwar entweder ohne jedes Schuldbewußtsein, denn sonst würden sie ja diese Aktivitäten nicht schriftlich festhalten, oder aber mit beispielloser Naivität, falls ihnen nicht bewußt ist, daß auch ein elektronischer “Paper Trail” nachverfolgbar ist.

Momentan triffts die Türkisen, weil sie an der Macht und die anderen in Opposition sind; ich glaube jedoch keinen Augenblick, daß es bei umgekehrtem Vorzeichen wirklich anders aussehen würde. Es gibt ja nicht ohne Grund im Deutschen den Begriff “Parteibuchwirtschaft“, und zwar nicht erst seit sich die ÖVP von Schwarz nach Türkis umgefärbt hat.

Und genau deshalb glaube ich nicht, daß es beim Ibiza-Ausschuß und den daraus resultierenden strafrechtlichen Untersuchungen um Verantwortungsbewußtsein geht; vielmehr geht es darum, den politischen Gegner auflaufen zu lassen, und ihn, sozusagen am Pranger, vorzuführen.

Politik ist und war immer schon ein schmutziges Geschäft, auf allen Seiten, und wer sich darauf einläßt, auch mit den besten Motiven, bekommt unweigerlich einiges von dem Dreck ab, und sei es auch nur durch die unvermeidlichen Loyalitätsbezeugungen gegenüber Kollegen und Parteiführer, denen irgendwann mal Dreck am Stecken nachgewiesen wird.

Und Politik wird auch ein schmutziges Geschäft bleiben: der jugendliche Wunderwuzzi, der “eine andere Art der Politik” verspricht, bringt letztlich nur weniger Lebenserfahrung[2], mehr Unbedarftheit, und sehr viel jugendliche Arroganz zu seiner Aufgabe, wie unser kurzer Kanzler anschaulich demonstriert hat.

Christen waren ja immer schon gespalten über der Frage, ob und wie weit sich Christen politisch engagieren dürfen oder sollen. Ich glaube, daß wir uns nicht beschweren dürfen, daß unsere Gesellschaft immer weltlicher wird, wenn wir Christen uns nicht in allen Bereichen engagieren, wo ein solches Engagement nicht in sich gegen Gottes Gebote verstößt. Deshalb habe ich auch durchaus Verständnis für Christen, die sich in der Politik engagieren uns sich z.B. als Kandidaten aufstellen lassen, auf Gemeinde-, Landes- und Bundesebene, damit sie in diesen Institutionen christliche Werte vertreten und verteidigen können. Sie haben meine Sympathie, mein Verständnis, und meine Gebete.

Und ein wesentliches Gebet ist, daß solche christlichen Politiker nicht nur dem Dreck ausweichen können, den es in der Politik unweigerlich gibt, sondern daß sie auch vor jeder Versuchung bewahrt bleiben, das schmutzige Spiel nach den schmutzigen Regeln mitzuspielen. Die Wiederwahl ist nicht alles wert.

 

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  1. Das ist kein rein österreichisches Phänomen, darum geht es derzeit auch im britischen Partygate-Skandal, betreffend ranghohe Politiker und Beamte, bis hinauf zu Premierminister Boris Johnson, die sich über die Covid-19 Lockdownbestimmungen hinwegsetzten und Parties veranstalteten, für die normalsterbliche Bürger von der Polizei streng abgestraft wurden[]
  2. Mangelnde Politikerfahrung gilt ja als Vorteil[]
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Österreich, Rußlands Tunnel ins Herz Europas?

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In einem Artikel im “New Statesman” mit dem Titel “Austria is Russia’s tunnel into the heart of Europe” (“Österreich ist Rußlands Tunnel in das Herz Europas“) schreibt Liam Hoare, “The country’s attachment to neutrality has led it to cultivate obsequious relations with Russian energy and espionage,” auf Deutsch, “Das Festhalten an der Neutralität hat Österreich dazu geführt, unterwürfige Beziehungen mit Russland in den Bereichen Energie und Spionage zu kultivieren,” und beschreibt dann weiter die engen Beziehungen zwischen Österreich und zunächst der Sowjetunion und dann der Russischen Föderation.

Nachdem ich von einigen Leuten gefragt wurde, was ich davon halte, hier meine Meinung dazu:

Das österreichische Neutralitätsgesetz 1955 (ein Verfassungsgesetz) definiert Österreichs Neutralität ausschließlich militärisch, und verbietet lediglich (a) die Mitgliedschaft in Militärbündnissen sowie (b) die Errichtung ausländischer Militärstützpunkte auf österreichischem Staatsgebiet.

Auszug aus dem Bundesgesetzblatt, “Bundesverfassungsgesetz vom 26. Oktober 1955 über die Neutralität Österreichs”

Im Verlauf der Geschichte der Zweiten Republik hat Österreich immer wieder betont, daß wir nicht politisch neutral sind (und auch nicht sein müssen) sondern eindeutig zum westlichen Lager gehören – wenn es denn opportun war, also z.B. im Gespräch mit westlichen Regierungen und Politikern. Andererseits hat Österreich auch immer wieder eine wesentlich breiter verstandene Neutralität betont, wenn diese opportun war, also z.B. im Gespräch mit der Sowjetunion/Rußland und den Ländern des Ostblocks.

Österreichische Regierungen beider Couleurs (ÖVP und SPÖ) haben nach innen, dem österreichischen Volk gegenüber, immer betont, “Wir sind natürlich nicht moralisch neutral,” und russische Aggressionen wie die Einmärsche in Ungarn 1956 und Tschechoslowakei 1968, oder das angedrohte Eingreifen in Polen 1988 wurden ebenso offiziell verurteilt wie der Krieg gegen die Ukraine 2022. Es wurde auch betont, daß unsere Neutralität uns zu Vermittlern in diversen Konflikten prädestiniert. Gleichzeitig hat Österreich während und trotz dieser Aktionen profitable Geschäftsbeziehungen zur Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten unterhalten. Und wie alle anderen westlichen Staaten hat auch Österreich nach dem Zerfall der Sowjetunion russische Oligarchen und ihr Geld willkommen geheißen, obwohl jedem denkenden Menschen klar sein mußte, daß so kurz nach dem Ende der Sowjetwirtschaft solche Vermögen nur durch die korrupte Aneignung von Staatsvermögen der Nachfolgestaaten zustande gekommen sein konnten.

In einer Situation, in der es nie ein Risiko feindseliger Handlungen gegen Österreich von Seiten westlicher Staaten oder der NATO gab, wohl aber ein solches Risiko von Seiten der Sowjetunion und des Warschauer Paktes, war die offizielle Position, die den Bürgern kommuniziert wurde, daß jeder der beiden Blöcke unsere Sicherheit vor den Aggressionen des jeweils anderen Blocks garantieren würde, und daß das Bundesheer, so klein und schwach es ist, neben seiner Funktion als Katastrophenhilfsorganisation, lediglich als symbolischer Beweis für unsere Bereitschaft dient, unsere Neutralität zu verteidigen, während die eigentliche Verteidigung in den Händen der Signatarmächte des Staatsvertrags lag.

Heute ist in der österreichischen Bevölkerung die Idee weit verbreitet, daß Kritik an der russischen Invasion der Ukraine durch das offizielle Österreich unsere Neutralität verletzt und daher problematisch ist; angesichts von Meldungen, daß Finnland und Schweden angesichts der russischen Aggression bereit sind, ihre Neutralität aufzugeben und der NATO beizutreten, ist der Prozentsatz der österreichischen Bevölkerung, der davon überzeugt ist, daß eine wesentlich breiter als nur militärisch verstandene Neutralität für Österreichs Existenz und Wohlergehen unabdingbar ist, auf 91% gestiegen, und zwar quer durch das ganze politische Spektrum.

Österreichs opportunistische Einstellung zur Neutralität ist aus dem gleichen Stoff geschneidert wie die langjährige Fiktion, daß Österreich das erste Opfer der Nazis war, und nicht ein integraler Teil des Dritten Reiches oder eine Nation williger Mittäter des Nazi-Regimes. Ein Lieblingsspruch meines Vaters war, “In Österreich war Hitler ein erfolgloser Anstreicher; erst die Deutschen haben ihn zum Führer gemacht” – eine Einstellung, die den Deuschen die Schuld an Hitler und den Nazis zuschiebt und dabei ignoriert, daß Hitlers Ideen sich im fruchtbaren Boden des politischen und intellektuellen Klimas der Ersten Republik entwickelt haben, und daß ein Gutteil der österreichischen Bevölkerung den Anschluß durchaus willkommen geheißen hat.

Erst 1991 hat der damalige Bundeskanzler die Rolle der Österreicher im Terror-Regime der Nazis, sowohl im Inland als auch im Ausland, offiziell eingestanden und sich dafür entschuldigt, und damit auch die Mär von Österreich als Hitlers erstem Opfer aufgegeben – ein Eingeständnis und eine Entschuldigung, die durchaus nicht von allen Österreichern goutiert wurden.

Meiner Meinung nach beschreibt der Artikel im New Statesman also durchaus die Realität, wie sie heute und bereits seit 1955 existiert.

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Christus hat den Tod überwunden. Er hat ihn nicht abgeschafft.

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von Jennifer M. Rosner

Dies ist eine Übersetzung ins Deutsche des englischen Originalartikels, der im April 2022 in Christianity Today erschienen ist.[1]. Hier veröffentlicht mit Genehmigung der Autorin.

Ich habe mir angewöhnt, jedes Jahr zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag, einen bestimmten Abschnitt aus Der Stern der Erlösung zu lesen.  Dieses Buch, das während des ersten Weltkriegs an der Balkanfront auf Postkarten geschrieben wurde, ist das wichtigste Werk des deutsch-jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, der hier die vollständigste und einander ergänzendste Deutung von Judentum und Christentum vorgelegt hat, die je geschrieben worden ist.

In Jahr meiner Hochzeit habe ich Rosenzweigs Überlegungen zur Bedeutung von Jom Kippur gelesen — nur zwei Wochen vor meiner Hochzeit — und wurde auf ganz neue Weise getroffen. Als ich die schwierigen Nachmittagsstunden des Jom Kippur-Fastens begann, wurde ich sehr bewegt von Rosenzweigs Ausführungen über das weiße Gewand, den Kittel, der üblicherweise zu Jom Kippur von den Männern (und in manchen jüdischen Kreisen, auch von den Frauen) getragen wird.

Wie alles im Judentum ist die Bedeutung dieses Brauchs vielschichtig. Der Kittel ist das traditionelle jüdische Sterbekleid; ihn an Jom Kippur zu tragen repräsentiert die kollektive Schuld des jüdischen Volkes vor Gott – und darum geht es an diesem Tag in erster Linie. Gott kann Unheiligkeit und Unreinheit nicht tolerieren, und an Jom Kippur müssen Juden ihrer eigenen Sündhaftigkeit, ihren eigenen Fehlern ins Angesicht starren. “Vergib, verzeihe, und sühne uns!” wiederholt die Liturgie von Jom Kippur immer wieder. Der Versöhnungstag ist ein Tag des Gerichts, wo jeder einzelne Jude (und das jüdische Volk als Kollektiv) sich eingedenk werden muß, wie schwer seine Sünde vor Gott wiegt.

Aber das Tragen des Kitels repräsentiert auch das Wunder von Gottes Vergebung, einem weiteren Aspekt von Jum Kippur. Den Kittel anzuziehen macht sichtbar, daß “wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden” (Jesaja 1,18). Für Rosenzweig ist Jom Kippur daher auf tiefster Ebene sowohl ein Tag des Lebens als auch ein Tag des Todes. Anstelle des Todes als Folge der Sünde gewährt Gott dem Volk großzügig Vergebung und das Geschenk des weiteren Lebens. Es gibt das Eine nicht ohne das Andere, und sie verleihen einander gegenseitig ihre Bedeutung.

Nach der ergreifenden Beschreibung, was das Tragen des Kittels an Jom Kippur bedeutet, bezieht sich Rosenzweig auf das Hohe Lied 8,6, wo es heißt “Liebe ist stark wie der Tod.” Rosenzweig fährt fort, “Und so trägt der Einzelne einmal schon im Leben das vollständige Sterbekleid: unterm Trauhimmel, nachdem er es am Hochzeitstag aus den Händen der Braut empfangen hat.”

Das war es, was mir in diesem für mich so besonderen Jahr den Atem stocken ließ. Ich hatte diesen Satz schon oft vorher gelesen, aber er hatte nie so eine gewichtige Bedeutung. Tod und neues Leben, Sünde und Vergebung, Umkehr und Schulderlaß – dese Aspekte von Jom Kippur sind auch die täglichen Aspekte der Ehe, eine Realität, die ich in den kommenden Jahren intensiv erfahen sollte.

Und es gibt noch eine Gelegenheit im jüdischen Kalender, wo traditionell der Kittel getragen wird: während des jährlichen Pessach-Seders, vor allem von demjenigen, der den Seder leitet. An diesem herbstlichen Tag von Jom Kippur habe ich daher nicht nur über die Verbindung zwischen Jom Kippur und dem Hochzeitstag nachgedacht, sondern auch über die Verbindung zwischen Jom Kippur und Pessach.

Viele diese theologisch reichen Verbindungen sind in Vergessenheit geraten, nachdem Judentum und Christentum sich einander entfremdet haben; damit haben sie den Stoff zerrissen, der einst die bedeutungsvollen Rhytmen des liturischen Jahres zusammenhielt. Aber heuer[2] fallen Pessach und Ostern in die gleiche Woche und das erinnert uns als Christen an die jüdischen Wurzeln unseres Glaubens.

Jom Kippur wird in der Torah eingeführt (3. Mose 16; 23,26-32; 4. Mose 29,7-11) und fällt auf den zehnten Tag des siebenten Monats im jüdischen Kalender, dem Monat Tischri. Vor Tischri kommt Elul, ein Monat, in dem Umkehr, Buße betont wird. Nach der jüdischen Tradition beginnt in Elul eine vierzigtägige Fastenzeit, die bis in Tischri geht, und welche die vierzig Tage repräsentiert, die Moses nach der Sünde mit dem goldenen Kalb für das Volk Fürbitte getan hat.

In 2. Mose 32, während Moses oben auf dem Berg Sinai war und die zwei Steintafeln von Gott empfangen hat, fing das Volk an, sich Sorgen zu machen und ungeduldig zu werden, und sie schufen sich einen Götzen und beteten ihn an – ein Ereignis, das Israels schärfste Brüskierung Gottes darstellt.

Moses kommt vom Berg herunger und sieht das Volk, wie es um das goldene Kalb tanzt, und er wirft die Steintafeln auf den Boden, wo sie am Fuß des Berges zerbrechen. Es ist der Tiefpunkt in Israels Geschichte, ein Moment, wo es scheint, als könnte die Tiefe seiner Sünde und Schuld vor Gott nie behoben werden.

Aber in reiner unverdienter Gnade läßt Gott Mose neue Steintafeln herstellen, erneuert Seinen Bund mit seinem Volk und erklärt, “HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde” (2. Mose 34,6-7). Nachdem er vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berg geblieben war, steigt Mose wieder ins Lager hinab, mit leuchtendem Angesicht.

Die Rabbis sagen, das sei die Geburt von Jom Kippur, diesem Tag, der sowohl den Höhepunkt der Sünde und Bosheit des Volkes repräsentiert, als auch die Tiefe von Gottes nicht-endender Liebe und unverdienter Vergebung. Das ist die großartige Geschichte, derer das jüdische Volk jedes Jahr gedenkt, in weißen Gewändern und immer der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade bedürftig.

Die Geschichte von Pessach steht im 2. Buch Mose, kurz vor der Ankunft des Volkes am Berg Sinai. Als Teil der göttlichen Befreiung der Israeliten aus den Ketten der Sklaverei under dem Pharao, bringt Gott zehn Plagen über die Ägypter. Bevor die zehnte Plage, der Tod der Erstgeborenen, beginnt, befiehlt Gott dem Mose, daß jede israelitische Familie ein Lamm schlachten soll und mit dessen Blut den Türrahmen ihres Hauses markieren soll. Der Engel der Zerstörung, der das Leben jedes Erstgeborenen nehmen soll, sieht das Blut am Eingang der israelitischen Häuser und geht an diesen vorbei, womit die Erstgeborenen der Israeliten gerettet sind.

Wir müssen nicht nur die Verbindungen zwischen Pessach und Ostern wiederentdecken

Und wie Gott befohlen hat, bestimmt Mose, daß Israel jedes Jahr das Pessach-Fest feiern soll, und so versammeln sich bis zum heutigen Tag die Juden am 14. Tag des ersten Monats, dem Monat Nisan, zu diesem heiligsten Festmahl (2. Mose 12). Der Tisch ist mit besonderen Dingen und Speisen gedeckt, die alle eine Rolle spielen bei dieser Erinnerung – buchstäblich, diesem Schmecken – an die Ereignisse dieser schicksalhaften Nacht und der darauffolgenden Wanderung durch die Wüste Sinai. So gedenkt Israel für immer der Tatsache, daß in dieser finstersten Nacht der Geschichte Ägyptens, das Fleisch und Blut eines Lammes die Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs gezeichnet – und gerettet – hat.

Während des Pessach-Seders erleben die Juden aufs Neue das Leid der Sklaverei, die Tränen der Verzweiflung, und auch die Schreie der Ägypter. Aber die Juden erleben auch wieder den Triumph der Befreiung, die Freude des Neuanfangs, das Geheimnis der Macht und Liebe Gottes, und die Hoffnung, auf ein richtiges Zuhause im verheißenen Land.

Die vier Evangelien machen klar, daß Jesu Einzug in Jerusalem, sein letztes Abendmahl mit seinen Jüngern, und schließlich sein Tod und seine Auferstehung, vor dem Hintergrund von Pessach geschehen. Es war Konstantin, im ersten Konzil von Nicäa, der anordnete, Ostern von Pessach abzukoppeln, eine Entscheidung, die einen langen Prozess in Bewegung gesetzt hat, mit dem die jüdischen Wurzeln der Karwoche ausgelöscht wurden.

Um diese reichen und grundlegenden Wurzeln wiederzuentdecken, müssen wir nicht nur die Verbindungen zwischen Pessach und Ostern wiederentdecken, sondern auch Jom Kippur in unser Verständnis der Karwoche einbeziehen. Im Denken Rosenzweigs, und auch generell in der jüdischen Tradition, ist der Tallit, der jüdische Gebetsschal, ein Symbol für den Kittel. Auch der Tallit ist traditionell weiß, und obwohl er normalerweise nur untertags getragen wird, gibt es eine Ausnahme: der Vorabend von Jom Kippur, wo er nach Sonnenuntergang getragen wird. Traditionell wird er an Jom Kippur sogar den ganzen Tag getragen.

Viele jüdische Männer besitzen oder tragen einen Tallit erst, nachdem sie verheiratet sind, und es ist Tradition, daß die Braut dem Bräutigam an ihrem Hochzeitstag einen Tallit (statt einem Kittel) schenkt. Mein Verlobter Yonah hat sich an diese Tradition gehalten, und bevor wir für unsere Hochzeit aus Israel in die USA zurückkehrten, besuchten wir das Ramot Einkaufszentrum außerhalb von Jerusalem und suchten einen wunderschönen Tallit aus, den ich ihm dann im Rahmen userer Hochzeitszeremonie überreichte.

“Wir wollen mit den Juden nichts gemein haben, denn der Erlöser hat uns einen anderen Weg gezeigt,” erklärte Konstantin beim ersten Konzil von Nicäa. “Insbesondere ist es unwürdig, daß dieses heiligste aller Feste den Berechnungen der Juden folgt, die ihre Hände mit dem schrecklichsten Verbrechen besudelt haben und deren Verstand verblendet wurde.” Dieser Moment in der Kirchengeschichte ist als der Osterfeststreit oder  Quartodezimanische Kontroverse bekannt, weil es um die jüdische Feier von Pessach am 14.  (lateinisch quarta decima) Nisan ging.

Die Quartodezimaner waren diejenigen, die Ostern weiterhin zeitgleich mit der jüdischen Feier von Pessach feiern wollten. Das war eine bemerkenswerte Haltung, denn es verband das christliche Kirchenjahr mit dem jüdischen Kalender. Und diese Verbindung erschien der Kirche umso unerträglicher, umso mehr sie sich vom Judentum entfremdete, und das erste Konzil von Nicäa hat diese Entfremdung zementiert.

Dadurch ging die Verbindung verloren, die in den Evangelien ganz klar und absichtlich hergestellt wird. Die Bedeutung der Karwoche kann man nur vollständig verstehen, wenn man sie im Bewußtsein von Israels Geschichte begeht. Der Tod und die Auferstehung des Messias folgen dem Muster des Auszugs aus Ägypten, jenem Ereignis, das die Geburtsstunde Israels darstellt. Und an desem grundlegenden Zeitpunkt der Entstehung der Kirche, wo sie in Israels bleibenden Bund mit Gott eingepfropft wird, wird Jesus zu dem Pessach-Lamm, durch dessen Blut das Volk Gottes gerettet wird.

Wie wir schon in anderen Zusammenhängen gesehen haben, neigt die christliche Theologie dazu, Dinge auflösen zu wollen, die in der jüdischen Theologie durchaus in Spannung nebeneinander existieren können. Diesen Unterschied sehen wir auch in der Unterscheidung von Ostern und Pessach.

Für die Kirche ist der Karfreitag für den Tod reserviert, während der Sonntag der Tag der Auferstehungsfeier, des neuen Lebens, ist. Diese zeitliche, gottesdienstliche Trennung kann zu einer Aufspaltung von Leben und Tod führen, indem sehr zuversichtlich (und dualistisch) behauptet wird, daß wir, sobald wir den Sonntag erreicht haben, den Tod vergessen können. Man sagt uns, daß wir uns am Leben festhalten sollen, und die Macht des Todes vergessen sollen, weil Jesus den Tod ein für alle mal in seinem leeren Grab zurückgelassen hat. Der Stachel des Todes ist nur mehr für diejenigen von Bedeutung, die außerhalb der Kirche sind. Das ist jedoch zutiefst desorientierend, und schlußendlich, dehumanisierend.

Wie so viele von uns erlebt haben, ist die Realität weit von der einfachen Aussage entfernt, daß der Tod durch die Auferstehung überwunden wurde. Der Tod, in all seinen heimtückischen Formen, durchdringt immer noch unser tägliches Leben. Auch nach Jesu glorreicer Auferstehung kämpfen wir weiter mit beunruhigenden Dimensionen unsere Menschlichkeit: die Traumas, die wir erleben, die Verluste, die wir erleiden, die Enttäuschungen, die wir sammeln, die Ängste, die uns lähmen. Und leider kann die Kirche dann die subtile Botschaft senden, daß es uns irgendwie an Glauben mangelt, oder wir die christliche Botschaft nicht verstanden haben, wenn wenn wir unter diesen sehr realen Kämpfen leiden.

Pessach dagegen akzeptiert die komplexe Verbindung von Leben und Tod, es stellt Leben und Tod als konvergierende, miteinander verwobene Mächte dar. Auch wenn das Leben in Israels Erzählung schlußendlich gewinnt, erinnert uns die jüdische Tradition daran, daß es nicht möglich ist, das Leben, das wir leben, von unseren individuellen und kollektiven Erinnerungen an den Tod zu trennen.

Am Pessachtisch erinnern wir uns an den Tod eines Lammes, dessen Blut unser Leben gerettet hat. Wir danken Gott für das Geschenk der Freiheit, während uns die Bitterkräuter an die bleibende Bitterkeit der Sklaverei erinnern. Wir jubeln über den Auszug aus Ägypten, während wir uns gleichzeitig bewußt sind, daß wir noch nicht im verheißenen Land angekommen und zu Hause sind. Und besonders bemerkenswert, wir vermindern unsere Freude und gedenken des Leidens der Ägypter, indem wir von dem Wein, der unsere Freude symbolisiert, Tropfen entfernen.

Aber die deutlichste Konfrontation des Judentums mit dem Tod kommt an einem anderen Tag, den die Pesachgeschichte erwartet: Jom Kippur. An Jom Kippur steht das jüdische Volk vor Gott im Todeskampf, im Sterbegewand, aber mit dem Mut zu glauben, daß Gott gegenwärtig und zugänglich ist, auch vom Grab aus.

Genauso wie bei Pessach, gibt es auch bei Jom Kippur kein Leben ohne den Tod. Auch das Leben erlaubt uns nicht, den Tod zu vergessen. Die zwei stehen in einem unmöglichen Paradox beieinander, und wir erleben sie beide, während wir auf unsere endgültige Erlösung warten.

Pessach und Jom Kippur erinnern uns daran, daß wir Leben und Tod nicht fein säuberlich auseinander sortieren oder chronologisch ordnen können

Pessach und Jom Kippur erinnern uns daran, daß wir Leben und Tod nicht fein säuberlich auseinander sortieren oder chronologisch ordnen können. Wir müssen die Spannung dieser zwei aushalten — und genau das ist der Ort, wo wir die Fülle der Liebe Gottes erfahren, in Christus unserem Pessachlamm, dessen Blut die Sünde sühnt.

Es ist ironisch, daß die Unterströme der  biblischen Auslegung, die unseren christlichen Gottesdienst zu Ostern bestimmen, den Kontext auslöschen können, der uns die Bedeutung von Jesu Tod und Auferstehung erst vollständig verstehen läßt. Indem sie das Judentum als Feindbild hingestellt hat, hat die christliche Tradition allzu oft die Einheit und den Zusammenhalt der biblischen Geschichte verstellt, in der Gottes Bund mit Israel der notwendige Zusammenhang ist für das Heilswerk Jesu und die Geburt der Kirche.

So betrachtet, sieht Golgotha immer mehr wie Sinai aus. Der zerrissene Vorhang erinnert an die zerbrochenen Steintafeln, der Tod Jesu erinnert an die Opfer von Jom Kippur, das Geheimnis des Karsamstag ruft die Fürbitte des Moses oben auf dem Berg ins Gedächtnis, und Jesu Auferstehung handelt von einem wieder erneuerten Bund, einem Zeugnis von Gottes unendlicher, nie aufhörender Liebe, für die Juden zuerst, und dann für die Nationen. (Römer 1,16)

Aus dieser Perspektive bekommt die freudige Verkündigung, “Christus ist auferstanden!”, eine völlig neue und tiefe Bedeutung. Schließlich ist der Erlöser der Welt der lang erwartete Messias Israels.


Die messianische Jüdin Jennifer M. Rosner unterrichtet Systematische Theologie am Fuller Theological Seminary in Kalifornien, wo sie mit ihrem Mann Yonah lebt. Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus ihrem Buch, “Finding Messiah“, Copyright © 2022 by Jennifer Rosner. Published by InterVarsity Press, Downers Grove, IL. www.ivpress.com.
Michael Stone hat zu diesem Artikel beigetragen.
Ins Deutsche übersetzt von Wolf Paul mit Genehmigung der Autorin.

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  1. Anmerkungen des Übersetzers: Ich habe generell “church” mit “Kirche” übersetzt, weil der Fokus auf der Institution, und nicht auf der “unsichtbaren Gemeinde” oder der Ortsgemeinde liegt; ich habe die Begriffe Karwoche, Karfreitag, Karsamstag gewählt, weil ich mit diesen Begriffen aufgewachsen bin (anstelle von Passionswoche usw.). Die Bibelzitate stammen aus der Lutherbibel 2017. —Wolf Paul[]
  2. im Jahr 2022[]
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