Meine Einstellung zum Judentum hat sich geändert

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Ich habe vor kurzem vier Romane des amerikanischen jüdischen Schriftstellers Chaim Potok wieder gelesen: “Die Erwählten” (The Chosen), “Das Versprechen” (The Promise), “Mein Name ist Ascher Lev” (My Name is Asher Lev), sowie The Gift of Asher Lev (m.W. nicht auf Deutsch erschienen). In den letzten paar Jahren habe ich auch viele andere Sachbücher und Artikel über Juden und Judentum gelesen, und das hat bei mir ein Umdenken ausgelöst:

Umso mehr ich über das Thema lese, umso weniger bin ich davon überzeugt, wie die Religion des Älteren Testaments im evangelikalen Christentum verstanden wird, nämlich als eine Religion, deren Anhänger bemüht sind, sich Erlösung durch ihre eigenen Taten, durch ihre Gesetzestreue, zu verdienen, statt auf Gottes Barmherzigkeit und Gnade zu vertrauen. Dieses Verständnis des Judentums erscheint mir zunehmend unzutreffend und unsinnig.

Natürlich gibt es “Namensjuden“, genauso wie es in allen christlichen Kirchen “Namenschristen” gibt. Natürlich gibt es sehr gesetzliche Juden, die glauben, daß sie gut genug sind, um ihr Heil zu verdienen, so wie es ja auch genug Christen gibt, die diesem Irrglauben anhangen. Natürlich gibt es Gruppen innerhalb des Judentums, die den Glauben an einen eingreifenden Gott aufgegeben haben, und deren Religion sich auf ethische Grundsätze reduziert – genauso, wie es soche Gruppen auch innerhalb des Christentums gibt.

Aber gläubige Juden, die bemüht sind, nach der Torah (den fünf Büchern Mose, auch Pentateuch genannt) zu leben, wissen ganz genau, daß sie von Gottes Barmherzigkeit abhängen, nicht von ihrem eigenen moralischen Verhalten — das ist schließlich das Thema von Pesach und Yom Kippur und all den anderen Festen: sie daran zu erinnern, auf Gott zu vertrauen, der sich im Verlauf der Geschichte Israels immer wieder als treu erwiesen hat. Sie sehen ihren Gehorsam den Geboten der Torah gegenüber nicht als eine ärgerliche Last, sondern als Quelle der Freude, deshalb feiern sie ja auch das Fest Simchat Torah, die Freude an der Torah, zum Abschluß des Perikopenzyklus.

Und Jesus selbst hat seine Zuh¨örer ermahnt: “Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln, denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht.” (Matt. 23:2,3) Er wendet sich hier nicht gegen die jüdische Religion an sich, sondern gegen religi¨ose Funktionäre, deren Leben nicht mit dem übereinstimmte, was sie lehrten und vom gläubigen Volk verlangten–von dieser Sorte gibt es auch in unseren Kreisen genug.

Christen beklagen natürlich, daß die meisten Juden Jesus nicht als den verheißenen Messias anerkennen. Aber ich glaube, es ist höchste Zeit, daß wir als Christen die traurige Rolle erkennen, die wir dabei gespielt haben, unsere eigene kollektive Mitschuld daran, daß die meisten Juden Jesus als Messias ablehnen. Der Apostel Paulus sagt in Römer 11, daß er es als seine — und damit letztlich auch unsere — Verantwortung sieht, in den Juden Neid zu provozieren, wenn sie nämlich Gottes Wirken in den Jüngern Jesu sehen. Dieser Verantwortung sind wir überhaupt nicht gerecht geworden; stattdessen haben wir in den mehr als 2000 Jahren Kirchengeschichte unser Bestes getan, das jüdische Volk zum Zorn und zur Abscheu zu provozieren, und den Namen Jesus unter ihnen zum Schimpfwort zu machen.

Und auch diejenigen unter uns, die Israel unterstützen, tun dies allzu oft auch nicht aus einer Liebe zu den Juden als Gottes auserwähltem Volk, Seinem Augapfel, sondern aus sehr pragmatischen, eschatologischen Überlegungen, um die Wiederkehr Jesu zu beschleunigen.

Jedenfalls hat mich meine Lektüre, wie zuletzt die Romane von Chaim Potok, dazu gebracht, meine eigene Einstellung zu den Juden, zum Judentum, und zu Israel zu überdenken. Ich bin zwar kein Anhänger der “Zwei-Bünde-Lehre” (ein Bund für die Juden, ein anderer für die restlichen Menschen), aber es ist für mich nicht unvorstellbar, daß ein barmherziger, gnädiger Gott sehr wohl in Betracht ziehen wird, wie das Verhalten derer, die sich auf Jesus berufen, es den Juden sehr schwer gemacht hat, Jesus als den verheißenen Messias zu erkennen.

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Gerechtigkeit …

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“Sondern das Recht ströme wie Wasser,
die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Amos 5,24

Eine Freundin, Karin Laser Ristau, die in einem Altersheim in Kanada lebt und arbeitet, hat kürzlich diesen Vers auf Facebook gepostet, und als Antwort auf die Frage einer Leserin, “Was ist unsere Rolle dabei?”, hat Dr. Jerry Shepherd, Professor für Altes Testament am Taylor College and Seminary in Alberta, Kanada, den folgenden Kommentar gepostet:

Das Alte Testament spricht auf vielerlei Weise davon.

Recht und Gerechtigkeit bedeuten im Alten Testament vor allem, diejenigen gerecht zu behandeln, die ohne eigenes Verschulden in Schwierigkeiten sind, die in Not sind, die unterdrückt oder an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden.

Das Alte Testamen hat also viel dazu zu sagen, wie man gerecht oder richtig handelt:

  • für die Witwen, die Waisen, und die Armen zu sorgen;
  • denen Geld zu borgen, die in Not sind;
  • alle Menschen mit Würde und Respekt zu behandeln, weil sie im Ebenbild Gottes geschaffen sind;
  • den Nächsten zu lieben, und auch den “Fremdling” in unserer Mitte;
  • den Armen zu helfen, indem man die Felder nicht vollständig aberntet;
  • die Armen vor Gericht gerecht zu behandeln statt sie über den Tisch zu ziehen und ihnen so ihr Recht zu verwehren;
  • die Zwangsenteignung von Menschen zu verhindern und Spekulanten entgegenzutreten;
  • die Armen vor unfairen Steuern bewahren;
  • der Korruption und Bestechung ein Ende zu machen.

Das sind nur ein Paar Wege, wie Recht und Gerechtigkeit in der Gesellschaft zum Ausdruck kommen sollen.

Ich finde, das fordert uns als Jünger Jesu heraus, weil wir so manche sehen, die diese Gerechtigkeit mehr verkörpern, als viele von uns. Allzu oft neigen wir dazu, das Christ-Sein und das Evangelium in erster Linie als eine Frage unserer eigenen Erlösung zu sehen, als das Ticket für unsere persönliche Himmelfahrt. Aber Jesus hat sehr viel davon gesprochen, daß das Reich Gottes hier auf Erden sichtbar werden soll, und das ist zum Teil unsere Verantwortung.

Ich finde es bedrückend, wenn Menschen, die teilweise recht unbiblische Ansichten vertreten, mehr von dieser Gerechtigkeit verwirklichen als so manche, deren Theologie untadelig rechtgläubig ist.

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“Die Ekstatiker Gottes”: Tendenziöser Bericht in Ö1

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Dieser Artikel ist eine überarbeitete Kombination meiner beiden kritischen Facebook-Einträge zur Ö1 Radiokolleg-Reihe “Die Ekstatiker Gottes” über evangelikale Gruppen, die am 2., 3., und 4. November 2021 ausgestrahlt wurde. Neben meinen beiden Einträgen und Gedanken, die ich mir danach noch gemacht habe, sind auch Gedanken aus Facebook-Kommentaren zu meinen Einträgen eingeflossen, und ich zitiere noch einen Freund, der dem ORF (und mir) seine Stellungnahme zur Sendereihe geschickt hat.

Ich habe meine ursprünglichen Einträge auch an service.oe1@orf.at geschickt; ob sie bei dem verantwortlichen Redakteur, Günter Kaindlsdorfer, landen werden, und wie weit sie bei ihm Wirkung zeigen, kann ich natürlich nicht beurteilen.


Ich habe mir gerade die drei Folgen der Ö1 Radiokolleg-Reihe “Die Ekstatiker Gottes” über evangelikale Gruppen angehört.

Ein paar Dinge fallen mir sofort auf:

  • die mangelnde Unterscheidung zwischen Evangelikalen und gemäßigten Pfingstlern einerseits und den radikalen Anhängern des Prosperity Gospel (Wohlstandsevangelium) andererseits;
  • die Auswahl von Predigt-Ausschnitten in einem extrem fanatischem Tonfall und zumeist mit stark ausländisch gefärbtem Akzent;
  • die wiederholte Behauptung, daß die Predigten in evangelikalen Gemeinden vor allem um das drohende Höllenfeuer kreisen, und damit einhergehend die Aussage, daß Evangelikale vor allem dadurch wachsen, daß sie den Menschen Furcht einjagen; und schließlich
  • die Beschreibung evangelikaler Gottesdienste als Rockkonzerte oder “perfekt inszenierte Musicals”.

Diese letztere Bild ist sehr stark von den natürlich sehr medien-präsenten Megachurches (Gemeinden mit mehreren Tausend Mitgliedern in einer Ortsgemeinde) geprägt, die aber — vor allem in Österreich — nur einen kleinen Teil der evangelikalen Bewegung ausmachen. Die Mehrzahl der evangelikalen Gemeinden sind klein bis mittelgroß; ihre Gottesdienste erinnern garantiert nicht an Rockkonzerte, nicht zuletzt deshalb, weil ihnen dafür sowohl die technischen Ressourcen als auch die musikalischen Talente fehlen.

Es kommen einige Aussteiger aus konservativen Gruppen zu Wort; die Musikkritikerin Miriam Damev, eine bulgarischstämmige ehemalige Adventistin (die Adventisten gehören eigentlich nicht zu den Evangelikalen) sowie Bernd Vogt, ein 65-jähriger Deutscher, der sich mit 16 Jahren, also vor fast 50 Jahren, von der Pfingstgemeinde seiner Kindheit und Jugend verabschiedet hat und über seine Erlebnisse in dieser Gemeinde ein Buch geschrieben hat. Beide erzählen von sehr extremen Erlebnissen, die ich gar nicht in Frage stellen will; gerade bei Herrn Vogt stellen sich jedoch ein paar Fragen:

  • Erstens liegen Herrn Vogts Erfahrungen fast 50 Jahre zurück, und es stellt sich die Frage, wie weit sie heute noch repräsentativ und daher für einen Bericht wie diesen relevant sind;
  • Zweitens sind sie meiner Erfahrung nach selbst für evangelikale und Pfingstgemeinden extrem, und Extremisten gibt es in jeder gesellschaftlichen Gruppe; und
  • Drittens ist es zwar verständlich, wenn Herr Vogt aufgrund seiner traumatischen Erlebnisse in der extremen Pfingstgemeinde seiner Jugend verallgemeinernd die gesamt evangelikale Bewegung verdammt; wenn dann der ORF dieses Pauschalurteil ziemlich unhinterfragt übernimmt, dann richtet sich das schon von selbst.

Ich selbst bin ungefähr zur gleichen Zeit zur evangelikalen Bewegung gestoßen, wie Herr Vogt sie verlassen hat, also gegen Anfang der 1970er Jahre, und kann die generelle Beschreibung der Bewegung in dieser Sendereihe (also insbesondere die Panikmache über Hölle und Endzeit, der Fokus auf weltlichen Erfolg und Reichtum als Zeichen der Zustimmung Gottes, die effektive “Verstoßung” von Aussteigern) aus eigener Erfahrung nicht als normale Situation bestätigen. Natürlich gibt es einzelne Gemeinden, wo das eine oder andere zutrifft; es gibt auch Strömungen innerhalb der evangelikalen Bewegung, wo eine Tendenz in der einen oder anderen Richtung besteht, aber generell, wenn man sich die “normalen”, nicht in den Medien auffallenden evangelikalen und Pfingstgemeinden ansieht, dann trifft eher das Bild zu, das die Musikerin Karin Bachner von ihrer Kindheit und Jugend in einer Linzer Pfingstgemeinde zeichnet.

Daß die Redaktion den evangelischen Pfarrer i.E. Frank Hinkelmann als Fachmann für Freikirchen, Evangelikale, und Pfingstler heranzieht, ist ein positiver Aspekt, denn dieser ist in Österreich sicherlich der qualifizierteste Fachmann zu diesem Thema; ich finde es allerdings etwas befremdlich, daß man ihn sowie auch den Historiker Mitchell Ash  ausschließlich zu geschichtlichen und statistischen Fragen und nicht zu theologischen Fragen zu Wort kommen ließ;  zu theologischen Fragen kommt ganz kurz der Pastor einer Wiener Pfingstgemeinde, Walter Bösch, zu Wort, sowie der voriges Jahr verstorbene Adolf Holl, der sich erstaunlich wohlwollend über die Pfingstler äußert, aber hauptsächlich neben den Herrn Vogt noch die “Religionspsychologin” Ulrike Schiesser, die auf ihrer Homepage zwar beeindruckende akademische Qualifikationen aufzählt, darunter aber keine in Religionspsychologie, die Professorin an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, Anne L, Koch, sowie Susanne Heine, Wiener evangelische Theologin (die sich ebenfalls eher positiv äußert).

Mir fällt an den theologischen Kritiken auf, daß hier Dinge kritisiert werden, die auch in der katholischen und evangelischen Kirche vor gar nicht allzu langer Zeit zur offiziellen Lehre gehörten und teilweise noch gehören.  Auch in der katholischen Pfarre, wo ich aufgewachsen bin, galt die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau als der einzige legitime Ort für sexuelle Betätigung; wurde daher Homosexualtiät als unnatürlich und sündig  betrachtet, und Abtreibung als Ermordung eines ungeborenen Kindes. Auch in der katholischen Kirche meiner Jugend gab es keine “Priesterinnen”. Die katholische Kirche hält immer noch an diesen Lehren fest, auch wenn ihr “Bodenpersonal” sie nicht mehr ernst nimmt, sich an die umgebende sekulare Gesellschaft angepaßt hat, und mehr oder weniger militant gegen die eigene Kirchenführung rebelliert.

Auch von der Hölle, als dem nicht erstrebenswerten Ort, wo Ungläubige die Ewigkeit verbringen werden, habe ich zuerst im katholischen Religionsunterricht gehört, sowie in Lesungen und Predigten in der sonntäglichen Messe. Extra Ecclesiam nulla salus (“Nur in der Kirche ist das Heil”) habe ich gelernt, und Angehörige von “Sekten”, wie die Freikirchen damals pauschal genannt wurden, waren nicht in der Kirche und daher vom Heil ausgeschlossen. Die tolerantere Gesinnung von Vatikan II drang erst langsam in der österreichischen Kirche durch.

Aber in jeder normalen Freikirche, ebenso wie in den Volkskirchen, wird die Predigt von der Hölle ja immer ergänzt von der Predigt über das Heilsangebot Gottes, der uns einen Ausweg anbietet.

Und wenn kritisiert wird, daß nicht nur der gn¨¨adige Gott gepredigt wird, sondern auch das Böse in der “Welt” thematisiert wird, muß man sich die Frage stellen, ob das nicht tatsächlich der Realität entspricht.

Natürlich kann man in Frage stellen, ob Harry Potter und Bibi Blocksberg wirklich so gefährlich sind; gute und wertvolle Literatur ist gerade Bibi Blocksberg sicher nicht. Meine Kinder haben Harry Potter gelesen und die Filme gesehen, und wir hatten nie Bedenken deswegen. Wenn man Kinder einigermaßen vernünftig erzieht, können sie sehr wohl zwischen Fantasie und Realität unterscheiden.

Was man an der Berichterstattung noch anmerken sollte: stellenweise ist sie im Ton schon so unpassend, daß ich mich gefragt habe, wie weit sich die Autoren hier  der “Herabwürdigung religiöser Lehren” annähern, einem Straftatbsestand, der anerkannte Religionsgemeinschaften in Österreich schützen soll. Und ein Freund von mir, der sich ebenfalls mit seiner Reaktion auf die Sendereihe an den ORF gewandt hat, meint, angesichts der intensiven Verfolgung der Täufer in Österreich vor fast 500 Jahren, wofür offiziele Vertreter von Gemeinden, Ländern, Kirchen und auch der Bundesregierung im Zuge des Reformationsgedenkens 2017 Abbitte getan haben, hätte er sich vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine freundlichere und ausgeglichenere Berichterstattung erwartet.  Er weist auch darauf hin, daß sich Bernd Vogt, welcher der wesentliche Informant für diese Reportage gewesen zu sein scheint, im Unfrieden von der Freikirche seiner Jugend getrennt hat; die unhinterfragte Übernahme seiner Aussagen ist etwa so, als würde man eine Reportage über den ORF auf den Aussagen eines fristlos gekündigten Mitarbeiters aufbauen.

Die Geschichte, die Frau Schiesser erzählt, daß “Aussteiger” aus evangelikalen Gemeinden generell gewissermaßen mit dem Bann belegt werden und alle Freunde verlieren, kann ich aus eigener Erfahrung nach über 40 Jahren im evangelikalen Umwelt gar nicht bestätigen – ich wurde nie gedrängt, den Kontakt mit Aussteigern oder auch mit “nicht gläubigen” Verwandten  zu vermeiden oder abzubrechen. Die Gruppen und Gemeinden wo das zutrifft, gibt es zwar, die sind allerdings der extreme Rand der evangelikalen Bewegung und in der Minderheit. Das ist wieder so ein Pauschalurteil, von denen diese Serie nur so strotzt.

Fanatiker und Extremisten gibt es in allen Kirchen. Man sollte sich hüten, von solchen extremen Erfahrungen auf eine Bewegung insgesamt zu schließen.

Oh, und noch etwas: Auf das Radiokolleg-Segment über die Evangelikalen folgt eines über Tarot — die magische “Religion”, die sich rund um das Tarock-Kartenspiel entwickelt hat. Der Host des Radiokolleg, Heinz Janisch, zieht am Anfang jeder Sendung eine “Tages-Tarot-Karte” und liest die Erklärung dazu vor. Das ist für mich durchaus sinnbildlich für die Verdrehtheit unserer Gesellschaft: traditionelles Christentum wird belächelt bzw als gefährlich, bedrohlich und einschränkend empfunden, egal ob in Freikirchen oder in Volkskirchen (wie z.B. die katholische Loretto-Gemeinschaft), dafür bauen wir uns unsere eigenen, neuen Religionen wie Tarot und New Age. Ich vermute, der Grund dafür liegt darin, daß diese neuen Religionen nur versprechen und nichts fordern, und das paßt in die heutige Zeit.

Mein Sohn hat auf dieses Radiokolleg mit der Beobachtung reagiert: “Das ist kein sehr gutes Stück Journalismus. Zumindest, wenn das Ziel eine faire Berichterstattung gewesen wäre.”

Und ich fürchte, das ist genau der Punkt: ich glaube nicht, daß das Ziel eine faire Berichterstattung war. Es geht ja hier um eine Gruppe, die Sex außerhalb der Ehe, Homosexualität, Abtreibung, usw. ablehnt; um eine Gruppe, die klar sagt, daß Männer und Frauen tendeziell unterschiedliche Aufgaben und Berufungen haben und nicht beliebig austauschbar sind; die in Frage stellen, ob man Gender vom biologischen Geschlecht trennen und beliebig wechseln kann; um eine Gruppe, die den Menschen sagt, daß sie Sünder sind und ohne den Glauben an Jesus eine Bestrafung zu gewärtigen haben, usw. All das sind Ansichten, die von unseren “progressiven”, “fortschrittlichen” Zeitgenossen für abstoßend, unmoralisch, und gefährlich gehalten werden, und Menschen, die solche Ansichte vertreten, die verdienen keine faire Behandlung.

So ein tendenziöser, negativer Bericht stellt natürlich keine Verfolgung dar, wie mich eine Leserin aufmerksam gemacht hat. Aber für mich ist sehr klar:

Der Widerstand, den wir erleben, und der sich auch in solchen tendenziösen und unfairen Berichten manifestiert, ist nicht nur die Folge von Mißbrauch und Extremismus in unseren Reihen. Er entspringt der Tatsache, daß die Werte, die wir vertreten, und auch die Lehre selbst, der normativen Auffassung in unserer Gesellschaft diametral entgegen stehen und daher von immer mehr Menschen abgelehnt werden. Deshalb dann werden wir zunehmend Widerstand und unfaire, tendenziöse Berichterstattung erleben, und daher ist diese Warnung des Apostels Paulus durchaus relevant:

Aber auch alle, die in der Gemeinschaft mit Christus Jesus ein frommes Leben führen wollen, werden verfolgt werden.” (2. Tim. 3,12 EÜ)

P.S.: In diesem Zusammenhang (warum wir als Kirche, als Christen zunnehmend auf Ablehnung stoßen) fand ich vor kurzem diesen Artikel des reformierten Theologen und Kirchenhistorikers Carl Trueman interessant, für alle unter Euch die Englisch lesen: The Failure of Evangelical Elites

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My view of Judaism has changed

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I have just re-read four novels by American Jewish author Chaim Potok: The Chosen and The Promise, and My  Name is Asher Lev and The Gift of Asher Lev. Over the course of the past few years I also have read other, non-fiction, books and articles about Jews and Judaism, and in the process my views have shifted:

The more I read about the subject the more I am convinced that the typical evangelical Christian reading of the religion of the Older Testament, as a religion whose followers try to earn their salvation by works, rather than relying on God’s mercy and grace, is nonsense.

Of course there are nominal believers in Judaism, just as in all Christian traditions; of course there are legalists and others who think that they are good enough to earn their salvation, just as there are Christians like that; of course there are groups within Judaism who have abandoned faith in a God who acts in this world and who have reduced their religion to ethical principles—just like we have in Christianity as well.

But faithful, Torah-observant Jews know that they depend on God’s mercy, not on their own goodness—that’s the point of Pesach and Yom Kippur and all the other feasts, to remind them to depend on God who has shown Himself to be faithful before, time and time again throughout Israel’s history. They view their obedience to the commandments of Torah not as an annoying burden but as a joy — hence the feast of Simchat Torah, the joy of the Torah, at the end of the reading cycle.

Of course Christians lament that most Jews do not recognize Jesus as the promised Messiah. But it is high time that we as Christians recognize our own part in that, our own collective culpability in that regard. The Apostle Paul says in Romans 11 that he regards it as his — and thus by extension our — responsibility to provoke the Jews to jealousy as they observe God’s life in the followers of Jesus. In this we have spectacularly failed. Instead, throughout 2000+ years of church history we have excelled at provoking the Jews to anger, to revulsion, turning Jesus’ name into a curse word among them.

And even those among us who support Israel all too often do so not from a love of Israel as God’s chosen people, as the apple of His eye, but from rather utilitarian eschatological calculation.

Anyway, my reading, most recently the novels by Chaim Potok, has caused me to re-evaluate my attitude towards Jews, Judaism, and Israel. While I do not embrace any sort of “two covenants” theology (one covenant for the Jews, another for the rest of us) I can well imagine a merciful, gracious God taking into account how the behaviour of many of those who claim the name of Christ has made it difficult for Jews to recognize Jesus as their Messiah.

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Die Taliban und “christliche Fundamentalisten”

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Warum ich auch den nur angedeuteten Vergleich von konservativen Christen und islamistischen Fundamentalisten für skandalös halte

Vor ein paar Tagen wurde dieser Facebook-Post kommentarlos von einem österreichischen christlichen Leiter geteilt:

“Women can work but not be leaders” (Taliban). Now where have I come across that before?

Meine Kritik an diesem Post wurde von diesem Leiter als “mehr als überzogen” zurückgewiesen, und andere stimmten ihm zu oder bestritten, daß dies ein Vergleich sein sollte. Wieder ein anderer meinte, meine Kritik lege nahe, daß an dem Vergleich was dran ist. Ein einziger Kommentar stimmte mir zu und fand dies auch unpassend.

Ich habe meinen kritischen Kommentar inzwischen wieder gelöscht, weil ich nicht wirklich Wert darauf lege, mir mit diesem Bruder eine öffentliche Debatte darüber zu liefern; da ich aber vermute, daß es nun, da die Taliban in Afghanistan wieder an der Macht sind, vermehrt zu solchen Vergleichen kommen wird, möchte ich hier darlegen, warum ich sie für unpassend halte.

Zu allererst möchte ich mich bei denjenigen bedanken, die wenigstens zugegeben haben, daß dieser Post, so kommentarlos geteilt, auf konservative Christen gemünzt war; das zu leugnen, ist einfach unehrlich.

Dann möchte ich klarstellen, daß es mir gar nicht darum geht, die eine oder andere Seite in dieser Diskussion um die Rolle der Frau in der Kirche/Gemeinde zu verteidigen; ich selbst habe eine differenzierte und nicht abschließend formulierte Meinung zu diesem Thema.

Es ist mir auch klar, daß “die Welt”, die dem Christentum ohnehin kritisch gegenüber steht, solche Vergleiche anstellt und konservative Christen in die Nähe von islamistischen Extremisten rückt; das kommt schon dadurch zum Ausdruck, daß der Begriff “Fundamentalisten”, der ursprünglich eine Selbstbezeichnung war für Christen, die an den “fundamentalen Wahrheiten” des christlichen Glaubens festhalten wollten, inzwischen wahllos für Extremisten jeder Art verwendet wird, von radikalen Umweltschützern bis hin zu islamistischen Terroristen wie ISIS, Al Kaeda, oder den Taliban.

Was mich an diesem geteilten Posting und den darauf folgenden Kommentaren gestört hat, war erstens, daß dies von Christen kam, und zwar zunächst mal von jemandem, der in diversen ökumenischen Gremien aktiv ist, wo es darum geht, als Christen aus unterschiedlichen Traditionen, die durchaus unterschiedliche theologische Positionen zu allen möglichen Themen vertreten, respektvoll miteinander umzugehen. Dieser Vergleich, auch nur angedeutet, ist kein respektvoller Umgang.

Die Position von konservativen christlichen Gemeinden, welche die Leitungsfunktion von Frauen einschränken, basiert auf ihrem Schriftverständnis; spezifisch auf auf ihrem Verständnis der Worte des Apostels Paulus z.B. im ersten Brief an Timothäus, “Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still.” (1.  Timothäus 2,12 Luther-Bibel 2017). Man mag dieses Verständnis, diese Interpretation, teilen oder nicht – aber man sollte dabei nie außer Auge lassen, daß es sich bei den Menschen in diesen konservativen Gemeinden um Christen handelt, um Brüder und Schwestern in Christus, für die Christus gestorben ist. Deshalb kommt mir in diesem Zusammenhang sofort die Stelle im Römerbrief in den Sinn, wo Paulus sagt, “Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten.” (Römer 14,4 Luther-Bibel 2017).

Der zweite Grund, warum mir dieser Vergleich so unpassend erscheint, ist die Tatsache, daß die Taliban und andere islamistische Extremisten Frauen ja nicht nur von Leitungsämtern ausschließen, sondern sie auch in vielerlei anderer Weise unterdrücken, mit Zwangsverheiratung, Gewalt und sogar mit dem Tod bedrohen. Indem man diesen Vergleich anstellt, rückt man konservative Christen unweigerlich auch in die Nähe all dieser weitergehenden Unterdrückung.

Das gleiche gilt auch für Versuche, die Ablehnung gelebter Homosexualität durch konservative Christen in die Nähe der islamistischen Verfolgung homosexueller Menschen, die unter dem Regime von ISIS im Irak z.B. von hohen Gebäuden in den Tod gestürzt wurden: Christen haben sich in der Vergangenheit einiges zuschulden kommen lassen in ihrem Umgang mit diesen Menschen, aber die sachliche Feststellung, daß die Bibel gelebte Homosexualität als gegen die Schöpfungsordnung bezeichnet, mit der gewalttätigen Verfolgung auf eine Stufe zu stellen, ist nicht angebracht.

Zu meinem persönlichen Schriftverständnis und meiner Haltung in diesen Dingen:

Ich habe mir noch kein abschließendes Urteil gebildet über die Rolle von Frauen in der Gemeinde. Ich halte die Ablehnung des Frauenpriestertums in der römisch-katholischen Kirche für in sich schlüssiger als die Ablehnung von predigenden Frauen im evangelikalen Umfeld;[1]  die Frage nach Leitung ist für mich weniger klar.  Aber ich finde die Art, wie beide Seiten in diesem Streit agieren, höchst destruktiv, sowohl in der katholischen Kirche als auch in evangelikalen Kreisen. Leider stellen die evangelischen Kirchen in Deutschland und Österreich[2] ebenso wie die anglikanischen Kirchen auf den britischen Inseln[3] und Nordamerika [4] geradezu ein Paradebeispiel für das dar, was  konservativere Evangelikale schon immer gesagt haben: daß die Akzeptanz von Frauen im Pastoren- und Bischofsamt einhergeht mit allen möglichen Abweichungen von biblischem Christentum, und daß dort, wo man eine Glaubenswahrheit als optional, also freigestellt, erklärt, sie früher oder später ganz geleugnet wird.

Ich glaube, daß dieser ganze Streit letztlich auf einem großen Mißverständnis beruht: daß nämlich eine Person, die ein Leitungsamt ausübt, besser oder mehr wert ist, als alle anderen. Das ist eine zutiefst unbiblische Idee; die Bibel sagt uns, daß, wer Leiter sein will, zunächst der Diener aller sein soll (Matthäus 20,26-28); sie sagt auch, daß man Leitungsfunktionen nicht anstreben soll (Jakobus 3,1).

Frauen, die partout eine Leitungsfunktion in einer Gemeinde ausüben wollen, wo dies der offiziellen Position der Gemeinde widerspricht oder, aus welchem Grund auch immer, von der Leitung abgelehnt wird, statt sich entweder der Leitung zu unterzuordnen oder sich eine andere Gemeinde zu suchen, sind meiner Meinung nach genauso destruktiv wie konservative Christen, die in einer Gemeinde, wo Frauen leiten dürfen, mit allen möglichen, agitatorischen Mitteln versuchen, diese Gemeinde nach ihren Vorstellungen umzumodeln, oder wie Christen beider Überzeugungen, die sich lautstark öffentlich urteilend über die jeweils anderen Gemeinden äußern.

Und es ist ja nicht so, daß diese nur Frauen betrifft. Schließlich sind auch die Mehrzahl der Männer keine Leiter. Und Männer, die aus welchem Grund auch immer nicht in ein Leitungsamt berufen werden, müssen sich auch damit abfinden; letztlich kann niemand, der nicht von der Gemeinde berufen wird, auf seiner/ihrer Berufung zu diesem Amt beharren.

In diesem Zusammehang fällt mir auch ein, was in unserer Gemeinde in Texas immer betont wurde: daß nur eine begrenzte Anzahl von Männern von der Gemeinde in das Ältestenamt berufen werden, daß es jedoch durchaus auch andere Menschen gibt, die, geistlich gesehen, Führunspersönlichkeiten sind, aufgrund ihres vorbildlichen Lebens, aufgrund des weisen Rates, den sie Jüngeren geben, usw.  Wir können alle daran arbeiten, solche Führungspersönlichkeiten zu werden.

Ich habe in zwei oder drei Delegiertenversammlungen[5] die Bestrebungen einer Schwester, als Pastorin anerkannt zu werden, miterlebt; ich habe mehrere Jahre lang miterlebt, wie ein Bruder in der Jahresgemeindestunde[6] einer Gemeinde versucht hat, in die Leitung gewählt zu werden. In beiden Fällen fällt mir zu diesen Bemühungen das Wort “krampfhaft” ein; diese Bemühungen haben im beiden Fällen nicht zum Frieden beigetragen und schienen mir auch nicht zur Ehre Gottes zu sein.

Und zum Thema Homosexualität:

Die Bibel sagt ziemlich klar, daß Sex nur in die Ehe von jeweils einem Mann und einer Frau gehört. Ich habe mehr Respekt vor homosexuellen Menschen, die das zugeben und klar sagen, daß sie der Bibel in dieser Sache nicht folgen wollen oder können, als vor Menschen, die diese Tatsache leugnen.

Diese Aussage der Bibel schließt alles mögliche aus, sowohl vor- und außerehelichen Sex zwischen Männern und Frauen, als auch Sex zwischen Männern oder Frauen. Es schließt auch eine gleichgeschlechtliche Ehe aus. Wenn sich also eine Gemeinde zur Bibel als Grundlage ihres Glaubens bekennt, dann sind diese Dinge in der Gemeinde nicht akzeptabel. Es schließt nicht aus, daß der Staat, der ja heute zumeist ein rein sekularer Staat ist, und zumindest in unseren Breiten, demokratisch verfaßt ist, das anders sieht; ich habe auch als evangelikaler Christ, der seinen Glauben auf die Bibel zurückführt, kein übergroßes Problem damit, daß der Staat zum Beispiel die gleichgeschlechtliche Ehe zuläßt, solange er nicht den Gemeinden und Kirchen vorschreibt, solche Beziehungen als Ehe anzuerkennen oder gar zu segnen. Ich glaube auch, daß homosexuelle Menschen, ebenso wie alle Menschen, im Ebenbild Gottes erschaffen sind, und daher mit Respekt zu behandeln sind, und es geht mich auch grundsätzlich nicht wirklich etwas an, wie Menschen außerhalb der Gemeinde ihr Leben leben. Innerhalb der Gemeinde muß es dieser überlassen bleiben, diese Dinge nach ihrem Verständnis des Wortes Gottes zu regeln, und sollte sich ein Staat, der Religionsfreiheit in seiner Verfassung verankert hat, nicht einmischen.

In beiden dieser Bereiche sollten Christen offen und ehrlich zu ihren Überzeugungen stehen und diese auch durchaus als Kritik an Andersdenkenden zum Ausdruck bringen, allerdings immer respektvoll: der mangelnde Respekt ist, was mich bei dem erwähnten Facebook-Post gestört und enttäuscht hat.

Anmerkung: Das Bild oben ist zusammengesetzt aus einem Bild von ein paar amischen Frauen als “Platzhalter” für konservative Christen und einem Bild von ein paar moslemischen Frauen, jeweils in der typischen Kleidung. Das Bild steht natürlich in keinem direkten Zusammenhang mit dem Thema dieses Posts.

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  1. Nach römisch-katholischem Verständnis handelt der Priester bei der Eucharistie in persona Christi, d.h. in der Person Christi, und Christus war nun mal ein Mann; dieses Argument ist für das Predigen nicht stichhaltig[]
  2. Evangelische Kirche in Deutschland, Evangelische Kirche in Österreich, die vereinigten lutherisch/reformierten sogenannten “Landeskirchen”[]
  3. Church of England, Church of Wales, Scottish Episcopal Church, Church of Ireland – die Mitgliedskirchen der Anglikanischen Gemeinschaft in GB und IRL[]
  4. The Episcopal Church, Anglican Church of Canada – die Mitgliedskirchen der Anglikanischen Gemeinschaft in den USA und Kanada[]
  5. Teil der jährlichen Bundeskonferenzen des österreichischen Baptistenbundes[]
  6. die jährliche Mitgliederversammlung einer österr. Baptistengemeinde, wo Entscheidungen gefällt und die Leitung gewählt wird[]
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Kirchliche Gefängnisse für Mißbrauchstäter?

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ORF Online berichtet über einen Vorschlag des (röm.-kath.) kirchlichen Experten für Mißbrauchsprävention, Hans Zollner SJ, für “kirchliche Gefängnisse” für (sexuelle) Mißbrauchstäter, wo diese nach Verbüßung ihrer Haftstrafe aufgenommen und weiter streng kontrolliert werden können, um eine Rückfälligkeit und damit Gefährdung der Gesellschaft zu verhindern.

Laut Zollner weiß man aus Studien, daß viele Täter, die schweren sexuellen Mißbrauch begangen haben, nach Verbüßung ihrer Haftstrafe und trotz Therapie und und anderen Auflagen, nach dem Auslaufen dieser Maßnahmen mit hoher Wahrscheinlichkeit rückfällig werden und wieder Mißbrauchstaten begehen.

In den USA macht man seit Jahrzehnten gute Erfahrungen mit solchen Einrichtungen, die zwar als “etwas Ähnliches wie ein Gefängnis” beschrieben werden, wo die Aufnahme jedoch freiwillig erfolgt, wenn Täter einsehen, daß sie die Kontrolle brauchen, um nicht wieder straffällig zu werden. Solche Einrichtungen befinden sich meist in entlegenen Gegenden und bieten ein strenges Regime mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen.

Dieser Vorschlag klingt zunächst mal nicht schlecht, denn diese Art von Kontrolle auch nach Strafverbüßung ist wahrscheinlich bei einer Mehrheit der Täter notwendig. Man könnte solche Täter natürlich auch lebenslang in Sicherheitsverwahrung nehmen; das ist aber, nur auf den bloßen Verdacht einer Rückfälligkeit hin, weder mit den Grundsätzen moderner Rechtsstaatlichkeit noch mit christlicher Theologie vereinbar. Einrichtungen, wo sich Freiwilligkeit und Verbindlichkeit die Waage halten, die den Tätern ihre Menschenwürde lassen und gleichzeitig die Gefahr eines Rückfalls vermindern, sind da sicher der bessere Ansatz.

Ich zweifle allerdings an, ob es ideal ist, solche Einrichtungen durch die Kirche(n) führen zu lassen.

Die Institution Kirche, in ihren verschiedensten konfessionellen Ausprägungen, hat sowohl in der Prävention und Verfolgung von sexuellem Mißbrauch in den eigenen Reihen, als auch in der Erfüllung gesellschaftlicher Aufgaben im staatlichen Auftrag kaum mehr  Glaubwürdigkeit. Praktisch alle Kirchen haben bei der Vermeidung und Aufklärung von Mißbrauch durch kirchliche Amtsträger jahrezehntelang versagt, indem sie den Ruf der Institution sowie finanzielle Überlegungen vor das Wohl der meist minderjährigen Opfer gestellt haben. Dabei denken viele Menschen zuerst an die Mißbrauchsskandale in der römisch-katholische Kirche, aber erst im vorigen Jahr wurde der fragwürdige Umgang der weltweit größten baptistischen Denomination, den Southern Baptists, mit dem Mißbrauch durch Pastoren und Jugendleiter aufgedeckt. Und die Mißhandlung von Schülern in kirchlichen Internatsschulen und anderen Jugendeinrichtungen in der nicht allzu entfernten Vergangenheit kommt immer wieder ans Tageslicht, ob es sich nun um evangelische Schulen in Deutschland, anglikanische Schulen in Australien und Kanada, anglikanische Sommercamps in England, oder katholische Schulen in vielen verschiedenen Ländern, wie zuletzt in Kanada, handelt. Oft waren das Einrichtungen, die in staatlichem Auftrag betrieben wurden, und wo “schwer erziehbare” oder straffällig gewordene Jugendliche von Gerichten oder anderen Behörden eingewiesen wurden, bzw versucht wurde, Kinder von indigenen Völkern an die “moderne”, weiße Gesellschaft anzupassen. Diese Vergangenheit wird zwar inzwischen, aufgrund der Aufdeckung durch die Medien, zunehmend aufgearbeitet, allerdings teilweise immer noch sehr zögerlich und nicht radikal genug.

Auf jeden Fall fehlt der Institution Kirche die für eine solche Aufgabe notwendige Glaubwürdigkeit. Wenn wir, als gläubige Christen, das nicht einsehen, wird uns die weltliche Gesellschaft daran erinnern.

Ich habe aber auch einen schwerwiegenden theologischen Einspruch. Wenn solchen Einrichtungen im Auftrag oder in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen agieren (was notwendig ist, wenn sie denn als Alternative zu einer lebenslangen Sicherheitsverwahrung dienen sollen), dann besteht in unserem heutigen gesellschaftlichen Klima mit Sicherheit die Erwartung, daß diese Einrichtungen zwar im Einklang mit der allgemeinen, liberalen Gesellschaftsordnung betrieben werden, daß sie ansonsten jedoch weltanschaulich neutral sind, d.h. daß die Insassen keiner ideologischen oder religiösen Beeinflussung ausgesetzt sind. Ich stelle mal in den Raum, daß eine christliche Kirche, die diesen Namen verdient, eine solche Einschränkung nicht akzeptieren darf. Das soziale Engagement der Kirche Jesu Christi muß immer mit der Verkündigung des Evangeliums einhergehen. Natürlich ist eine Zwangsbeglückung der Insassen solcher Einrichtungen, mit Vorschriften wie verpflichtendem Gottesdienstbesuch usw., nicht der richtige Weg, den Menschen muß ihr freier Wille gelassen werden; aber die Kirche darf sich nicht den Mund verbieten lassen, darf sich Evangelisation nicht verbieten lassen.

Ich weiß nicht, was die Alternative ist: solche Einrichtungen vom Staat, oder auch in staatlichem Auftrag von privaten Firmen führen zu lassen, erscheint angesichts der Zustände in den meisten Gefängnissen weltweit auch nicht ideal. Wenn es jedoch staatliche Einrichtungen diese Art gibt, daß sollen sich die Kirchen natürlich einbringen, in Form von Anstaltsseelsorge wie man das ja bereits aus dem Strafvollzug, dem Spitalswesen, oder dem Militär kennt.

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Das Erbe von Abe und Irene Neufeld

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Nachdem ich vor ein paar Tagen einen Blog-Beitrag verfaßt habe über die zwei Gemeinden, die sich vor kurzem im novum in der Wiedner Hautpstraße 146 im 5. Wiener Bezirk “Margareten” angesiedelt haben, Stadtlicht – Freikirche Margareten (ehemals Tulpengasse) und New City Wien, und dabei auch den Gründungspastor von Stadtlicht, Abe Neufeld und seine Frau Irene, erwähnt habe, begann ich über das Erbe nachzudenken, das diese beiden Diener Gottes in Wien und ganz Österreich hinterlassen haben.

Abe und Irene waren Missionare der Mennoniten-Brüdergemeinden in Kanada und kamen 1954 mit ihren drei Söhnen Tom, Charles und Gareth, nach Österreich, genauer gesagt nach Linz, um dort vor allem mit Flüchtlingen zu arbeiten. Das waren damals vor allem deutschstämmige Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ehemals deutschen oder deutsch besetzten Gebieten nach Österreich geflohen waren. Vier Jahre später kehrte Familie Neufeld sie wegen einer Erkrankung des jüngsten Sohnes nach Kanada zurück. Die nächsten Jahre dienten sie in der Schweiz, Deutschland, und Kanada, bevor sie 1969 wieder nach Österreich zurückkamen, diesmal nach Wien.

Sie begannen eine Arbeit unter Studenten, und sehr bald gab es eine Gruppe von Menschen, die sich in der Wohnung von Abe und Irene in der Fasangasse zunächst zum Bibelstudium, dann aber auch zum Sonntagsgottesdienst trafen. Als die Wohnung zu klein wurde, traf sich die Gruppe eine Zeit lang im Albert-Schweitzer-Haus, einem evangelischen Studentenheim, bevor sie dann eine langfristige Heimat und damit auch ihren Namen in einer ehemaligen Bäckerei an der Ecke Tulpengasse/Lenaugasse im 8. Wiener Gemeindebezirk fand: die Gemeinde Tulpengasse (oder kurz TUGA) war geboren.

Abe und Irene leiteten diese Gemeinde (mit kurzen Unterbrechungen für Heimaturlaube) bis 1983 und kehrten dann nach Kanada zurück. Abe diente noch sieben Jahre als Pastor einer Mennoniten-Brüdergemeinde in Winnipeg, war danach auch im Ruhestand nicht untätig.

Irene erkrankte schließlich an Krebs und verstarb 2016; drei Jahre später (2019) starb auch Abe, ebenfalls an Krebs.

Aus der Gemeinde Tulpengasse gingen im Lauf der Jahre unmittelbar drei weitere Gemeinden in Wien hervor: die Mennonitische Freikirche Wien, heute in der Hetzendorfer Straße zu Hause, die Gemeinde Floridsdorf, in der Jedlersdorfer Straße, und die Gemeinde Kagran,  am Kagraner Platz; andere Gemeinden gehen indirekt auf die TUGA zurück.

Als ich Ende 1971 durch junge Leute von Operation Mobilisation zu einem lebendigen Glauben fand, und nach ein paar Monaten in England die Bekanntschaft der “evangelikalen Szene” in Wien machte, waren die Beziehungen zwischen den evangelikalen Freikirchen zu den sogenannten “Großkirchen”, Römisch-Katholische Kirche und Evangelische Kirche, mit wenigen Ausnahmen alles andere als freundschaftlich. Die Großkirchen ordneten die Freikirchen als “Sekten” ein und warnten ihre Mitglieder und Anhänger gegen jeden Kontakt mit den “Sektierern”; die Freikirchen ihrerseits sahen in der katholischen Kirche vielfach “die größte Sekte.” Vereinzelte Ausnahmen waren “fromme” evangelische Christen, die gemeinsam mit den Freikirchen in der Evangelischen Allianz engagiert waren.

Anfang 1973 bekehrte sich ein junges Ehepaar, Johannes und Christi Fichtenbauer, durch den Dienst von Abe Neufeld. Nicht ganz ein Jahr später hatte Johannes den Eindruck, daß Gott zu ihm sagte, er solle in die katholische Kirche zurückkehren, Er wolle ihn dort gebrauchen. Etwa zeitgleich lernten Johannes und Christi die katholische Charismatische Erneuerung kennen, die gerade aus Amerika kommend in Österreich angekommen war; schweren Herzens verließen sie die TUGA und begannen mit anderen einen Gebetskreis in der Dominikanerkirche in der Postgasse in Wien.

Aus dem Gebetskreis in der Postgasse bildete sich 1977 die Gemeinschaft “Umkehr zum Herrn“, zu deren Leitungsteam Johannes viele Jahre gehörte.

1985 kam es zur Gründung des “Kreis zur Einheit“, einer Art pfingstlich/charismatischem Gegenstück zur Evangelischen Allianz, die damals nicht für pfingstlich/charismatische orientierte Christen offen war. Dort kam Johannes wieder mit Freikirchen in Kontakt, und als der Kreis zur Einheit 1992 den ersten “Marsch für Jesus” in Wien organisierte, wurde Johannes zum Vorsitzenden des Trägervereins gewählt. 1994 fand der zweite Marsch für Jesus statt, und 1995 wurde Johannes, der inzwischen katholische Theologie studiert hatte, zum Diakon geweiht.

1996 bestellt Kardinal Christoph Schönborn, der katholische Erzbischof von Wien, Diakon Johannes Fichtenbauer zu seinem Kontaktmann zu den Freikirchen.

1997 findet im Wiener Stephansdom ein ökumenisches Nachtgebet statt, bei dem der Baptistenpastor Dietrich Fischer-Dörl die Predigt hält. Aus diesem Event entsteht ein Proponenten-Kommitee, welches eine Begegnungskonferenz vorbereiten soll.

Die 1. Begegnungskonferenz findet im Mai 1997 in Schlierbach, O.Ö., statt, und dort regt der Generalsekretär der Europäischen Evangelischen Allianz, Stuart McAllister, einen “Runden Tisch für Österreich“.

Zur Gründung des Runden Tisches im Dezember 1997 kommen 35 Leiter. In den folgenden Jahren trifft sich der Runde Tisch unter dem Vorsitz von Johannes Fichtenbauer zweimal im Jahr an unterschiedlichen Orten in ganz Österreich.

2009 wurde durch Johannes sowie andere Mitglieder des Runden Tisches die Unterstützung von Kardinal Schönborn für eine Arbeitsgruppe zum Thema “Anerkennung der Freikirchen” gewonnen; und vier Jahre später (2013) war es dann tatsächlich so weit: die “Freikirchen in  Österreich“, als Dachverband von fünf Gemeindebünden wurde von der Republik Österreich als Kirche anerkannt und damit den anderen anerkannten Kirchen gleichgestellt.

Nun kann man natürlich nicht sagen, was geschehen wäre, wenn Johannes Fichtenbauer nicht durch Abe Neufeld zum Glauben gekommen und in den fast 11 Monaten, die er in der TUGA verbrachte, stark von ihm geprägt worden wäre; Tatsache ist jedoch, daß Gott diese Bekehrung und die Vision einer Versöhnung des Leibes Christi in Österreich, die er Johannes geschenkt hat, wesentlich zur Anerkennung der Freikirchen, nach Jahrzehnten, ja Jahrhunderten der Diskriminierung durch Staat und Großkirchen, gebraucht hat, womit auch die Anerkennung der Freikirchen in Österreich ein Erbe des treuen Dienstes von Abe und Irene Neufeld ist.

P.S. Über die Arbeit von Abe und Irene Neufeld in Wien und die daraus entstandene Gemeinde Tulpengasse gibt es ein Buch Margaret Epp. Es ist leider schon seit langem vergriffen, ist aber hier antiquarisch erhältlich:
8., Tulpengasse: A church blossoms in Vienna by Margaret A Epp | OwlsBooks (abebooks.com)

Quellen: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online für biografische Details zu Abe und Irene Neufeld, meine persönlichen Erinnerungen sowie Gespräche mit Reinhard Kummer und Johannes Fichtenbauer, die Webseite des Vereins “Weg der Versöhnung/Runder Tisch für Österreich“, das Buch “Meilensteine auf dem Weg der Versöhnung“, insbesondere das Kapitel von Hans-Peter Lang über die Anerkennung der Freikirchen.

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Stadtlicht und New City Wien

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Gut katholisch aufgewachsen, hatte ich im Teenager-Alter kein Interesse mehr an Gott oder Kirche. Dann traf ich eine Gruppe junger Leute, für die Gott eine lebendige Realität war, und entschied mich selbst für ein Leben in der Nachfolge Jesu.

Nach ein paar sehr prägenden Monaten in England kam ich im Sommer 1972 zurück nach Wien und landete in einer gerade in Gründung befindlichen evangelikalen Gemeinde, die später als Gemeinde Tulpengasse (oder TUGA) bekannt wurde. Mit manchen Menschen, die ich damals kennen lernte, bin ich bis heute mehr oder weniger eng befreundet, wie zum Beispiel dem katholischen Diakon Johannes Fichtenbauer; andere sind schon verstorben, darunter das Gründungs-Pastorenehepaar der TUGA, die kanadischen Missionare der Mennoniten-BrüdergemeindenAbe und Irene Neufeld; mit vielen habe ich einfach den Kontakt verloren, nachdem ich aus verschiedenen Gründen aus der Tulpengasse in eine Reihe anderer Gemeinden, sowohl in Wien als auch im Ausland, wechselte.

Die Gemeinde Tulpengasse gehört zum Bund Evangelikaler Gemeinden und damit zur anerkannten Kirche Freikirchen in Österreich.

Vor ein paar Wochen ist nun die Gemeinde Tulpengasse in ein neues Lokal, das novum in der Wiedner Hauptstraße 146 übersiedelt, und hat sich aus diesem Anlaß umbenannt, in Stadtlicht – Freikirche Margareten.

Stadtlicht teilt sich das Lokal mit der reformierten Gemeinde New City Wien, die aus ihrem bisherigen Lokal etwas weiter stadteinwärts auf der anderen Seite der Wiedner Hauptstraße, vor kurzem ebenfalls in das novum Wiedner Hauptstraße übersiedelt ist. Mein Bezug zur New City Wien ist die Tatsache, daß mein Sohn Stephen und seine Frau dort sehr intensiv involviert sind, und ich daher in der Vergangenheit öfters dort den Gottesdienst besucht habe.

Das novum Wiedner Hauptstraße ist Teil der novum locations, die in ganz Österreich Veranstaltungsräumlichkeiten betreibt, die vor allem am Wochenende als Gemeindelokale für evangelikale Gemeinden dienen, und unter der Woche für alle möglichen Veranstaltungen zu mieten sind. Das Konzept ist nicht ohne Probleme, und die Koexistenz dieser zwei Nutzungsarten ist nicht immer ganz reibungsfrei, aber es schafft erschwinglichen Raum für evangelikale Gemeinden.

Stadtlicht trifft sich am Vormittag zum Sonntagsgottesdienst, und New City Wien am Nachmittag. Die Covid-Pandemie der letzten Jahre hat dazu geführt, daß beide Gemeinden ihre Gottesdienste auf YouTube als Livestream anbieten, weshalb ich trotz gesundheitsbedingt eingeschränkter Mobilität an beiden Gottesdiensten teilnehmen kann.

Hier sind die Links zu den jeweiligen Youtube-Kanälen, wo jeweils am Sonntag die aktuellen Livestreams zu finden sind, und auch die Predigten vergangener Sonntage nachgehört werden können:

Mein Gebet und Wunsch für diese beiden Gemeinden ist, daß sie gemeinsam noch besser ein Licht sein können als schon bisher alleine, um für die Stadt, auf die sie sich in ihren jeweiligen Namen beziehen, das Beste zu suchen ( Jeremiah  29,7 ).

In dieser ganzen Geschichte gibt es für mich zwei Wermutstropfen:

Einerseits die Tatsache, daß manche derer, die ich in der Tulpengasse und dann auch in verschiedenen anderen Gemeinden kennen und schätzen gelernt habe, aus verschiedenen Gründen vom Weg einer biblischen Jesus-Nachfolge abgekommen sind und sich anderen Heilsideen und -ideologien zugewandt haben. Ich sehe mich nicht berufen, über das ewige Heil anderer Menschen zu urteilen (dafür bin ich zusehr damit beschäftigt, “zu schaffen, dass ich (selbst) selig werde, mit Furcht und Zittern” — Philipper 2,12), wenn man dann jedoch hört, daß jemand verstorben ist, und diese Meldung in der unbiblischen Sprache von New Age oder östlichen Religionen daherkommt, befiehlt man diese Person wohl der grenzenlosen Liebe und Gnade Gottes an, hegt aber doch zumindest leise Zweifel.

Und andererseits schmerzt die Tatsache, daß es scheinbar nicht gelungen ist, das Lokal in der Tulpengasse einer christlichen Nachnutzung zuzuführen, und damit ein Stück evangelikaler Geschichte in Wien für immer verschwindet.

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Zwölf gute Regeln

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Diese “Zwölf Regeln zur Förderung von Harmonie unter den Mitgliedern der Gemeinde” stammen aus einem “Handbuch für die Mitglieder der Zweiten Presbyterianischen Gemeinde” in Charleston, SC, USA, aus dem Jahr 1838. Davor finden sie sich auch schon 1833 in einem ähnlichen Handbuch für eine Gemeinde in Petersburg, VA, USA. Der eigenliche Verfasser ist daher nicht leicht zu bestimmen; Pastor in Charleston war zu dieser Zeit Thomas Smyth (*1878-†1873), in Petersburg William S. Plumer (*1802-†1880). Das Foto stammt aus der Gesamtausgabe der Werke von Thomas Smyth.

Presbyterianische Kirchen stehen, auf dem Umweg über Schottland, in der Tradition der Reformierten Kirchen, die auf Calvin und Zwingli zurückgehen; wie die meisten protestantischen Denominationen gibt es inzwischen theologisch konservativere und liberalere/modernistischere Zweige.

Diese “Zwölf Regeln” sind allerdings nicht spezifisch presbyterianisch oder reformiert, sondern würden zu Frieden und Harmonie beitragen, in allen christlichen Kirchen, Pfarren, Gemeinden, und Gemeinschaften , egal welcher Tradition oder Konfession.

Zwölf Regeln zur Förderung der Harmonie
unter den Mitgliedern der Gemeinde

  1. Denken wir daran, daß wir alle Fehler und Schwächen, der einen oder anderen Art, haben. — Matthäus 7,1-5; Römer 2,2-23.
  2. Ertragen wir die Schwächen der Anderen, statt sie hervorzuheben. — Galater 6,1.
  3. Beten wir für einander, in all unseren Zusammenkünften, und vor allem auch privat. — Jakobus 5,16.
  4. Wir wollen nicht von einem zum anderen laufen, um Neuigkeiten zu erfragen und uns in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen. — 3.Mose 19,16.
  5. Wir wollen unsere Ohren verschließen gegenüber verleumderischem Geschwätz, und gegen niemanden ein Anschuldigung akzeptieren, die nicht wohl begründet und bewiesen ist. — Sprüche 25,23.
  6. Wenn sich ein Mitglied zuschulde kommen läßt, sprechen wir sie oder ihn zuerst persönlich an, bevor wir es anderen gegenüber erwähnen. — Matthäus 18,15.
  7. Wir wollen jeden Anschein der Distanziertheit untereinander vermeiden, und jede Handlung oder Äußerung anderer im besten Licht sehen. — Sprüche 10,12.
  8. Wir wollen die gerechte Regel Salomos befolgen, nämlich vom Streit ablassen, bevor er losbricht.Sprüche 17,14.
  9. Wenn sich ein Mitglied etwas zuschulde kommen läßt, wollen wir bedenken, wie herrlich und Gott-ähnlich es ist, zu vergeben, und wie unchristlich es ist, sich zu revanchieren. — Epheser 4,2.
  10. Wir wollen daran denken, daß es immer ein großes Bauwerk des Teufels ist, Distanziertheit und Feindseligkeit zwischen Gemeindemitgliedern zu stiften, und wir sollten uns daher vor allem hüten, was seine Ziele befördert. — Jakobus 3,16
  11. Wir wollen daran denken, wieviel mehr Gutes wir tun können, sowohl in der Welt als auch besonders in der Gemeinde, wenn wir alle vereint sind in Liebe, als wenn wir allein und mit einem streitsüchtigen Geist handeln. — Johannes 13,35.
  12. Und schließlich wollen wir, was diese wichtigen Dinge angeht, die ausdrückliche Ermahnung der Schrift und das wunderbare Beispiel Christi bedenken. — Epheser 4,32; 1. Petrus 2,21; Johannes 13,5,35.

Das Bild stammt aus einem Facebook-Post von Log College Press, müßte allerdings aufgrund des Alters bereits gemeinfrei sein.

 

 

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Christen und Verschwörungstheorien

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Wir alle haben schon die sonderbare Idee gehört, daß der Covid-19 Impfstoff (das ist übrigens nicht ein einziger Impfstoff, es gibt mehrere verschiedene, die teilweise auf unterschiedlichen Mechanismen beruhen) winzig kleine Computer-Chips, sogenannte Nano-Chips, enthält, die es erlauben, mittels 5G-Mobilfunktechnologie die geimpften Personen fernzusteuern oder zu manipulieren.

In den sozialen Medien in Italien kursiert derzeit ein Diagramm, das angeblich die Funktionsweise eines solchen 5G-Nanochips im Pfizer-Biontech Impfstoff dokumentiert. Laut dieser anonymen Webseite kann dieser Chip nicht nur Stimmen im Kopf des Geimpften erzeugen, er kann auch Stimmungen beeinflussen und Bewegungsreize erzeugen – so der anonyme Autor – der sein Wissen”von den Russen” hat, wie er meint.

Der Open-Source-Entwickler Mario Fusco studierte das Schaltbild des angeblichen 5G-Nanochips und entdeckte ein paar sonderbare Dinge: Schaltkreise zur Einstellung von Klangfarbe und Lautstärke, sowie zur Auswertung eines “Fußschalters”. Weitere Recherchen im Internet offenbarten, daß dies nicht das Schaltbild eines 5G-Nanochios war, sondern das eines Gitarren-Effektpersonals, des Boss Metal Zone MT-2.

Wie Michael Geisel vom Musiker-Portal bonedo.de schreibt,

Sicherlich kann man mit dem Boss-Effektpedal eine Menge anstellen, es lässt sich aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in einem Impfstoff verstecken, auch kann es von dort aus keine Stimmungen ändern, Bewegungen auslösen oder Stimmen hörbar machen. Das Ding ist einfach zu groß, um intramuskulär zu injiziert zu werden. Schon alleine deswegen sollte das Boss Metal Zone MT-2 Pedal da bleiben, wo es hingehört, denn es erfreut besonders Gitarren spielende Hardrock- und Heavy-Metal-Musiker.

Helmut Resch von der Vineyard Wien hat den Bonedo-Artikel auf Facebook geteilt, und ich fand manche der Kommentare interessant, insbesondere diese beiden:

Auf die Frage in einem Kommentar, warum Christen sich mit solchen Dingen beschäftigen, statt zu beten, kam die Antwort, daß Jesus sagte, wir sollen wachen und beten, und daß es daher gut sei, wachsam zu sein.

Ich fürchte nur, daß es kein Zeichen von Wachsamkeit ist, auf solche Geschichten hereinzufallen, sondern ein Zeichen von ungesunder Faszination mit Verschwörungstheorien sowie naiver Leichtgläubigkeit.

Und was die Frage angeht, warum allzuviele Christen auf solche Verschwörungstheorien hereinfallen, ich glaube das hat damit zu tun, daß viele evangelikale Christen (und auch viele konservative Katholiken, Orthodoxe, usw) die “Welt” als böse sehen, und erwarten, daß es nur noch schlechter wird, bis Jesus wiederkommt. Und während die Bibel nicht sehr viele Details dafür liefert, wie das aussieht, springen da alle möglichen christlichen Romane ein und liefern phantasievoll ausgemalte Endzeit-Szenarien, die für viele Leser fixer Bestandteil ihres Weltbilds werden.

Die Bibel beschreibt eine Schreckensherrschaft des “Antichristen” unmittelbar vor der Wiederkunft Jesu, und obwohl eine der weitest verbreiteten Auslegungen dieser Schriftstellen besagt, daß Jesus-Gläubige unmittelbar vor dieser Zeit der Schreckensherrschaft (“große Trübsal”) in den Himmel “entrückt” werden, gibt es viele Christen, die das entweder nicht glauben, oder aber befürchten, daß sie zu denen gehören könnten, die zurückgelassen werden (Matthäus 24,40), und für die daher diese “Trübsal” eine Bedrohung darstellt.

Solche Christen rechnen also mit Bedrohungen aller Art, und weil unbekannte Bedrohungen wesentlich beängstigender sind, als solche, die wir kennen, ergreifen viele Menschen (nicht nur Christen) den Stroh-halm, den solche “Erklärungen” bieten.

Letztlich ist also die Faszination mit Verschwörungstheorien ein Ausdruck eines mangelnden Gottvertrauens, mangelnder Überzeugung, daß 1. Korinther 10,13 stimmt:

Gott ist treu, der euch nicht versuchen läßt über eure Kraft, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende nimmt, daß ihr’s ertragen könnt.

 

 

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