Krankenhaus-Odyssee 2022

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Zuletzt aktualisiert: 2022-05-20 06:28:15

Am 26. April bin ich hier in das Landesklinikum Mistelbach gekommen, mit einem Wiederaufflammen meines Vorhofflimmerns.

2016 wurde ich das erste Mal damit diagnostiziert; es hat sich damals als extreme Kurzatmigkeit in Kombination mit massiven Ödemen (fast 40kg) manifestiert. Man hat mir etliche Medikamente verschrieben, die tatsächlich zu rapidem Gewichsverlust führten, und auch die Symptome des Vorhofflimmerns reduzierten.

Seit einiger Zeit geht mein Gewicht wieder nach oben, insbesondere auch wieder mit Flüssigkeitseinlagerungen, und zum Wochenende 23./24. April schien ich wieder am Start angelangt zu sein: extreme Kurzatmigkeit nach minimaler Anstrengung. Bis dahin hatte ich mich weitgehend selbst versorgt und war, zumindest innerhalb unserer vier Wände, mobil; plötzlich war es aus damit und ich schaffte es z.B. nicht mehr, zu duschen.

Als wir 2016 von Wien “heraus aufs Land” siedelten, blieben wir bei unserer Hausärztin; anfang April jedoch ging ihr Chef in Pension und schloß die Praxis. Wir hatten noch keinen neuen Hausarzt gefunden. Und so ging meine Frau am Dienstag vormittag ins Dorf zum hiesigen Gemeindearzt mit einer Schilderung meiner Situation und der Frage, ob er mich (a) als Patienten annehmen und (b) einen Hausbesuch machen würde. Der hat nicht lange gefackelt, und hat mich aufgrund der Beschreibung meines Zustands durch meine Frau ins hiesige Krankengaus überwiesen und auch sofort die Abholung durch den Krankentransport veranlaßt.

Hier im Spital hat die Blutuntersuchung auf einen massiven Entzündungsherd irgendwo in meinem Körper hingewiesen; dieser wurde schnell in einer Phlegmone innen an meinem rechten Oberschenkel lokalisiert; eine Hautreizung ursprünglich verursacht durch Haut-an-Haut Reibung. Die Untersuchung zeigte auch, daß mein Blutdruck extrem niedrig war.

Zwei Einschnitte in die Phlegmone förderten nur Blut zutage, also wurde sie zunächst in Ruhe gelassen.

Es wurde sofort mit der Infektionsbekämpfung begonnen, durch eine Antibiotika-Infusion und Flüssigkeitszuführung (ich schätze ca.  10l in den ersten fünf Tagen), sowie mit der Stabilisierung meines Blutdrucks.

Am Samstag (30. April) haben wir den Punkt erreicht, wo die Entzündung weitgehend unter Kontrolle ist, und die Flüssigkeit langsam wieder entzogen wird. Gleichzeitig wird weiterhin mein Blutdruck unterstützt. Dafür bleibe ich zunächst auf der Überwachungsstation.

Hier bin ich massiv verdrahtet bzw mit Schläuchen versehen:

  • Ein Katheter für den Harn, samt Sensor und Kabel für die Temoeraturmessung;
  • Ein Arterienzugang, über den ständig der Blutdruck überwacht wird und der auch zur Blutabnahme dient;
  • Ein Pulsoxymeter-Fingerhut, wodurch die Sauerstoffsättigung des Blutes überwacht wird;
  • Fünf Kabel an Aufklebern auf meinem Brustkorb, die EKG-Daten liefern;
  • Ein Venenkatheter in meinem Hals, für Infusionen und zur Blutentnahme;
  • Ein Schlauch mit “Nasenbrille” zur Sauerstoffversorgung (dzt 2l/Std.).

All diese Kabel und Schläuche sind sehr hinderlich beim Tippen auf dem Smartphone, aber auch z. B. beim Versuch, selbständig aufzusitzen, weil immer irgendwas hängen bleibt. Aufsitzen wird auch dadurch erschwert, daß mein Bauch nach all diesen Flüssigkeitszugaben so angeschwollen ist, daß er beim Sitzen nicht mehr zwischen den Oberschenkeln runterhängen kann, sondern oben drauf liegt; wo er aber beim Sitzen im Weg ist.

Vor ein paar Tagen habe ich zu meiner Frau gesagt, daß man hier sehr gut (a) Geduld lernen kann, weil man fast nichts für sich selbst tun kann, aber auch (b) Demut bzw Ergebenheit, weil man jedes Schamgefühl aufgeben muß, wenn man nackt in einem Bett liegt, umgeben von einem halben Dutzend Menschen beiderlei Geschlechts, die einem an all die Stellen fassen, die man normalerweise verbirgt.

Nachdem es am Freitag zu Eiteraustritt an der Phlegmone kam, wurde diese aufgeschnitten und ausgespült, sowie als phlegmonöses Erysipel identifiziert;  dadurch verzögerte sich meine Verlegung auf die Normalstation.

Diese fand schließlich am Montag statt.

Der Arterien-Zugang ist weg und hat einen hübschen Bluterguß am Handgelenk hinterlassen; die Temperatursonde im Harnkatheter ist abgeklemmt; der EKG-Monitor hängt nur mehr an drei Drähten. Stattdessen wird mehrmals täglich kontaktlos oder unter der Achsel Fieber gemessen, dreimal täglich mit Aufblasmanschette Blutdruck gemessen, zwei mal täglich Blutzucker gemessen, usw.

Es wird weiter Antibiotikum verabreicht, Flüssigkeit entzogen, und an der Anpassung meiner Medikamente gearbeitet: Betablocker für das Vorhofflimmern, Diuretikum zur Vermeidung von Flüssigkeitseinlagerungen, sowie ein Blutverdünnungsmittel zur Thrombose-Vermeidung.

Ich bekomme jetzt auch Insulin; es ist noch nicht klar, ob meine Blutzuckerwerte eine Nebenwirkung der Entzündungsbekämpfung sind, die von selbst wieder runtergehen werden, oder ob es tatsächlich Diabetes ist.

Gestern sagte der Arzt bei der Visite, daß ich voraussichtlich noch eine Woche hier bleiben müßte; wenn es gelingt, in diesem Zeitraum den Großteil der Flüssigkeitseinlagerungen abzubauen, wäre mir das sehr recht.

Update Freitag, 6. Mai morgens:

Nachdem mir meine liebe Frau gestern den zweiten meiner Spezialpolster gebracht hat, und ich auch keinen piepsenden Monitor neben dem Bett stehen habe, bin ich heute wesentlich ausgeruhter aufgewacht.

Erste Dinge wie Harnbeutel entleeren, Fiebermessen, neue Infusion anhängen, sind erledigt, jetzt warte ich aufs Frühstück.

Update 7. Mai nachmittags

An diesem Nachmittag kamen ein Chirurg, zwei Pfleger, und eine Krankenschwester, um die Rotlauf-Wunde oben an meinem Oberschenkel gründlich auszuräumen. Aus Neugier, weil ich ja keine Ahnung hatte, wie es da unten aussah, reichte ich einem der Pfleger mein Smartphone mit der Bitte, mir ein Photo der Wunde zu machen. Ich werde das Photo hier nicht hochladen, aber es handelt sich um eine etwa 4cm lange und 2cm breite “Höhle”, wie tief kann ich nicht wirklich sehen, aber ich schätze ebenfalls 2cm. Um die Heilung zu unterstützen, indem die Wunde trocken gehalten wird, wurde ein Silberoxid-beschichteter Schwamm eingelegt, mit einem Schlauch zu einer Vakuumpumpe, die alle Wundsekrete absaugt.

Das klingt alles abschreckender, als es ist; tatsächlich spüre ich den Schwamm weniger, als die vorherigen Verbandsmaßnahmen.

Am Montag (9. Mai) hat der Physiotherapeut mich wieder aufsetzen lassen; auch dabei war der neue Verband weniger im Weg aks der alte; möglicherweise hat das auch damit zu tun, daß ich bereits eine große Menge des überschüssigen Wassers in meinem Gewebe los geworden bin. Ich sollte etwa eine Stunde sitzen; allerdings spielte mein Blutdruck nicht mit und mir wurde nach ca einer halben Stunde so schwindlig, daß ich mich wieder hinlegen mußte.

Ich habe den Arzt gefragt, wie lange meine “Höhle” brauchen würde, um zu verheilen; die Antwort war “Wochen”, und sehr wahrscheinlich werde ich diese Zeit hier im Krankenhaus verbringen. 

Wir werden sehen.

Update 14. Mai

Ich habe jetzt meine definite Diagnose “Diabetes Type 2” bekommen, und wurde von einer Diätologin besucht, um meinen weiteren Speiseplan hier im Krankeñhaus zu besprechen. Ich habe ihr meine wesentlichen Beschwerden mitgeteilt, und bereits die nächste Mahlzeit war viel genießbarer.

Meine Wunde heilt weiterhin zufriedenstellend, aber ich merke, daß es noch länger dauern wird.

Update Freitag, 20. Mai

Gestern habe ich erfahren, daß ich heute aus dem Krankenhaus entlassen werde. Nachdem meine Frau gestern bis am Nachmittag in Wien unterwegs war, konnten wir erst am Abend mit Vorbereitungen zu Hause beginnen.

Näheres gibt es, sobald ich zu Hause angekommen bin, aber ganz wichtig: besucht mich nicht mehr im Krankenhaus, sondern zu Hause, nach vorherigem Anruf unter +43-699-1715-0995.

 

Fortsetzung folgt.

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My 2022 Health Story

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  • Last Update: 2022-05-20 06:25:49

I came into the hospital here in Mistelbach on Tuesday 26 April with a recurrence of atrial fibrillation.

I was first diagnosed with this in 2016 when it manifested in extreme breathlessness and was combined with massive fluid deposits (to the tune of 40kgs). I was prescibed a cocktail of meds which rapidly reduced my weight and seemed to keep the aFib under control,.

Lately the fluid deposits have gone up again and this past weekend I semed to be back at square one: extreme breathlessness after just a couple of steps.

When we moved from Vienna to Gross-Schweibarth in 2016 we had stayed with our Vienna GP, but he shut up shop a month ago.

So Tuesday morning my wife went to see our village doctor to ask if he would take me on as a patient and to make a house call. He went one better: on the strength of Geraldine’s description of my symptoms he gave her a referral to the nearest hospital and called the ambulance service to take me there.

Blood analysis suggested a massive infection somewhere in my body, which was quickly localized and identfied as being centered in a phlegmon on my inside thigh, caused by skin rubbing against skin.
Also said my blood pressure is very low.

So first order of the day is fighting the infection, with an antibiotic infusion and more fluid while at the same time raising and stabilizing my blood pressure. Since Tuesday they have easily added 10 litres of fluid to my system; fortunately they inserted a urine catheter which takes care of going pipi.

We seem to now (April 30) have come to the point where they will try to extract all that extra fluid again, while still supporting my blood pressure. For this I will still be in the IC Monitoring unit where I have been so far.

Here in the monitoring unit I am massively wired up:

  • a wire in the urine catheter measures the temperature;
  • a tube in an arterial port constantly reports blood pressure;
  • a wire-attached sensor on my finger reports on the blood’s oxygen saturation;
  • five wires attached to stickers on my chest supply ECG data;
  • a port on my neck provides access for fluid and medicine infusions;
  • and a tube around my neck and into the nostrils supplies increasingly reduced oxygen (currently 2ltr/hour).

All of these attachments do not like to be disturbed, making typing longer texts extremely difficult.

They also make it extremely difficult to sit up by myself, because they will always catch somewhere. Sitting itself is also a pain because my belly is now so blown up with water that I cannot sit with it hanging between my thighs; and if it sits on top of my thighs it interferes with sitting and makes it very uncomfortable.

I said to my wife the other day that this is a way of learning (a) patience because one can’t do anything for oneself, and of (b) humility because one has to abandon all shame when lying naked in a room and half a dozen of people of both sexes mill around and interfere with those body parts one normally hides from everybody.

For the next stage I will be moved to a normal ward, with most attachments except the infusion port on my neck and the urine catheter gone. There a slower diureses will begin, for the fluid deposits I brought with me, while at the same time adjusting my meds to better control my aFib (beta blocker, ace suppressor), ongoing diuresis (Lasix based), and prevent blood clots.

I have no idea how long this phase will take, nor how long before I have recovered reasonable mobility, but God knows, and he will give me the necessary patience – I think he’s already helped immensely with the humility.

I will add to this story as it progresses.

Continued Tuesday, May 3rd

Yesterday, May 2nd, I was moved to a normal ward or “Bettenstation”. This was delayed a couple of days after the IC nurses noted some suppuration from the phlegmon at the top of my right leg and a surgeon was called in to cut it open and flush and drain it. It was confirmed that this was the source of my massive infection: an instance of erisypelas; they did not want to move me right after this surgery so my move was delayed until Monday.

I am now also being treated for diabetes; it is not clear whether this is a permanent diagnosis or whether the messed up sugar values are a temporary side effect of fighting the infection.

Yesterday the doctor said I would need to stay here for at least another week; as soon as the wound at the top of my right thigh has healed a bit better we will work on increasing my mobility. This would allow me to get dressed a bit more decently and thus take advantage of the fact that since the weekend limits on number of visitors have been removed (although they still have to be vaccinated/recovered/tested and wear FFP2 masks)[1]. So at least some afternoons I should be able to look forward to some entertainment.

Continued Friday, May 6 Morning

Thanks to my dear wife bringing me my second custom pillow yesterday I woke up much more rested this morning. No longer being wired to a beeping monitor beside my bed may have helped, as well.

Now I am waiting for breakfast, which will consist of two slices stale whole grain bread, tiny portions of margarine and jam, and a small tub of yoghurt. And coffee of course.

Continued May 6 Afternoon

This afternoon a surgeon and three nurses came to thoroughly clean out the erisypelas wound at the top of my right thigh. Curious, because I had absolutely no idea what things looked like down there, I handed my phone to one of the nurses and asked him to take a photo. I will not upload the picture here, but the wound is a cavity about 1½” long and ¾” tall; I can’t tell how deep it is but I guess ½” to ¾”. In order to support healing by keeping the wound dry they inserted a silver oxyde treated sponge attached by a hose to a vacuum pump which suctions the secretions.

This sounds a lot scarier than it is; in fact the earlier dressing was more uncomfortable than this sponge.

On Monday (May 9) the physiotherapist had me sit up again, and this new dressing was a lot less in the way than the previous one, although the ongoing diuresis and loss of fluid from my tissue may also have helped. The therapist wanted me to sit for about an hour; unfortunately after half an hour I had an attack of vertigo and had to lie down again.

I asked the doctor how long my “cave” would take to heal; his answer was “Weeks!” and in all likelihood I will have to stay here in the hospital for the duration.

We shall see.

Continued May 14 

I have now definitely been diagnosed with type 2 diabetes and had a consultation with a dietologist to determine my future meal plan here in the hospital. Almost instantly the food I am served is more palatable.

My wound continues to heal, but I can tell it will take some time.

Continued May 20

Yesterday, and a bit unexpectedly, I was told I would be released from the hospital today. Since my wife was busy unil the afternoon with a volunteer job in Vienna this left only last night and this morning to get the house ready for me,

I will provide more details when I am safely settled at home; but there is one important thing to consider: If you are planning to come and visit me, don’t come to the hospital but to our house, after giving us a heads-up at +43-699-1715-0995.

(To be continued)

 

__________
  1. The vaccinated/recovered/tested requirement is referred to as “3G” here, for German geimpft/genesen/getested[]
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Olga Misiks Rede vor Gericht: “Ihr verurteilt nicht mich, ihr verurteilt euch selbst!”

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Yuly Rybakov schreibt am 2. Mai 2021: Dieses M¨ädchen wurde soben 20 Jahre alt. Olga Misik wurde bekannt nach den Protesten im Sommer 2019 rund um die Wahl zur Moskauer Stadt-Duma, wo sie die russische Verfassung laut vorlas. Ihr drohen zwei Jahre Gefängnis für diese Aktion vor dem Gebäude der Generalstaatsanwalt.
(Source: Yuly Rybakov, Facebook: ‘With children like this, Russia has a future!’)

Anmerkung des Übersetzers:

Am 11. Mai 2021 wurde Olga Misik[1] zu zwei Jahren und zwei Monaten Hausarrest verurteilt, ihre zwei Freunde Ivan Vorobievsky and Igor Basharimo erhielten ähnliche Strafen. Nachdem ich den Text von Olgas Abschlußerklärung vor Gericht nirgends in deutscher Übersetzung gefunden habe, habe ich ihn selbst übersetzt und poste ihn hier, in der Hoffnung, daß er zumindest einigen Leuten, die für Vladimir Putin und sein Regime schwärmen, die Augen öffnen wird.

Der englische Text ist z.B. hier zu finden.


Olga Misiks Abschlußerklärung vor Gericht.

Über die Angst

Ich werde oft gefragt, ob ich nicht Angst habe. Diese Frage wird vor allen von Menschen außerhalb Rußlands gestellt, weil sie die näheren Umstände unseres Lebens nicht kennen. Sie kennen die Gefangenentransporter nicht, die Festnahmen und Gefängnis ohne gutem Grund und ohne Begründung. Sie kennen das Gefühl der Verzweiflung nicht, das wir mit der Muttermilch aufgesogen haben. Und es ist dieses Gefühl der Verzweiflung, das alle Angst vertrocknen läßt und uns mit einer gelernen Hilflosigkeit infiziert. Wozu Angst haben, wenn man ohnehin keine Kontrolle über die Zukunft hat?

Ich hatte nie Angst. Ich fühlte Verzweiflung, Hilflosigkeit, Frustration, Beunruhigung, Enttäuschung und Burnout, aber weder die Politik noch der Aktivismus haben mich je mit Angst angesteckt. Ich hatte keine Angst, als bewaffnete Banditen in jener Nacht ins Haus gestürmt sind und mir mit dem Gefängnis gedroht haben. Sie wollten mich erschrecken, aber ich hatte keine Angst. Ich habe gescherzt und gelacht, weil mir klar war: in dem Moment, wo ich zu lächeln aufhöre, habe ich verloren.

Als ich mit diesen Banditen in ihrem Gefangenentransporter nach Moskau fuhr, dachte ich, ich hätte meinen letzten Sonnenaufgang für viel Jahre gesehen. Ich dachte an meinen Vater, den ich heute das erste Mal weinen sah, und an meine Mutter, die mir ins Ohr flüsterte, “Gestehe nichts,”, an meinen Bruder, der zur Dacha gelaufen kam und mich warnte, an Igor, der auf dem Boden lag und die Fragen der Agenten ignorierte. Ich war traurig und verletzt, aber ich hatte keine Angst.

Ich hatte keine Angst, als sie mich in eine Zelle steckten. Ich war besorgt um Igor, und habe den Brief von meinen Freunden immer wieder gelesen, aber mein Schicksal war die kleinste meiner Sorgen. Es ist komisch, vielleicht irgendein Abwehrmechanismus, aber ich habe im Verlauf dieser Tage kein einziges Mal Angst verspürt.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich zu diesem Protest gefahren bin. Ich versprach mir selbst, daß dies die letzte Aktion meiner Aktivistenkarriere sein würde, daß ich mich aus der Politik zurückziehen und mich auf mein Studium konzentrieren würde. Ich war besorgt und unsicher, wie es gehen würde, aber ich hatte keine Angst. Auch als ich die Straf- und Verwaltungsgesetze studierte, und all die Präzedenzfälle für ähnliche Aktionen, hatte ich keine Angst. Es war eine herrliche Nacht, und mir war klar, daß es meine letzte Nacht in Freiheit sein könnte, aber das hat mich nicht geängstigt.

Aber seit der Hausdurchsuchung, und während der letzten neun Monate, hatte ich ständig Angst. Seit dieser ersten Nacht in der Zelle habe ich kein einziges Mal normal geschlafen. Jede Nacht weckt mich das leiseste Geräusch auf, ich bilde mir ständig ein, daß ich Schritte am Gang höre, und Panik überkommt mich bei dem Geräusch von Autorädern auf dem Schotter vor meinem Fenster.

Und es scheint mir, daß all die Angst, die sich in den letzten neun Monaten in mir angesammelt hat hier und jetzt in meinem Abschlußstatement konzentriert ist, weil ich viel mehr Angst davor habe, in der Öffentlichkeit zu reden, as vor einem möglichen Urteil. Mein Puls ist gerade bei 150, und mir scheint, mein Herz würde zerreissen, und ich habe sogar unter meinen Haaren eine Gänsehaut.

Manche sagen, wenn man weiß, daß man Recht hat, kann man  keine Angst haben. Aber Rußland lehrt uns, ständig Angst zu haben. Ein Land, das jeden Tag versucht, uns umzubringen. Und wenn du außerhalb des Systems stehst, dann bist du so gut wie tot.

Und vielleicht hatte ich ja Angst, als ich zu diesem Protest fuhr. Aber ich habe verstanden, daß ich nichts anderes tun konnte. Ich habe verstanden, daß alles andere unmöglich ist. Daß, wenn ich jetzt schweigen würde, ich mir nie mehr in den Spiegel schauen könnte. Wenn mich meine Kinder einmal fragen, wo ich war, als all das passierte, und was ich dagegen getan hatte, warum ich das geschehen ließ und was ich unternommen habe, um die Situation zu reparieren, könnte ich ihnen nicht antworten. Was könnte ich schon sagen? Ich stand in einer Protestschlange außerhalb des FSB[2]? Das wäre ein Witz. Eine lustige  Selbsttäuschung, die ich mir nicht erlauben konnte.

Und wie ist es mit euren Kindern? Wenn sie euch fragen, wo ihr wart, als all das passierte, was werdet ihr ihnen sagen? Daß ihr Schuldsprüche verteilt habt?

Natürlich war ich bei dem Protest. Ich bedaure das nicht; ich bin vielmehr stolz über das, was ich getan habe. Tatsächlich hatte ich keine Wahl, ich mußte alles mir mögliche tun, und daher habe ich auch kein Recht, es zu bedauern. Und wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, würde ich es wieder tun. Wenn mir die Todesstrafe drohen würde, würde ich es wieder tun. Ich würde es wieder tun, immer wieder, ein ums andere Mal, bis es nichts mehr gäbe, das man verändern könnte. Leute sagen, immer wieder das gleiche zu tun in der Hoffnung, daß es anders ausgehen wird, ist der Wahnsinn. Ja, Hoffnung ist Wahnsinn. Aber aufzuhören, das zu tun, was man für richtig hält, nur weil es alle um dich herum für nutzlos halten, ist angelernte Hoffnungslosigkeit. Ich bin lieber in euren Augen wahnsinnig, als in meinen Augen hilflos.

Über die vermeintliche Verschwörungsgruppe “Neue Größe”

Randfiguren im Fall der “Neuen Größe”[3] haben mir diesen Sonntag gesagt, daß es nicht umsonst war. Daß es ihnen Hoffnung gegeben hat. Daß sie es schätzen. Und auch, wenn das nur zur Hälfte stimmt, heißt das, daß alles aus einem bestimmten Grund geschehen ist. Wenn nur eine einzige Person, die derzeit hinter Gittern ist, die Dinge leichter findet, weil diese Protestversammlung sie unterstützt hat, dann war es nicht umsonst. Das heißt, daß ich kein Recht habe, mich darüber zu beklagen, daß ich hinter Gitter landen könnte.

Maslov hat die an ihn gerichteten Plakate persönlich gesehen. Krasnov hat persönlich verlangt, daß ein Gerichtsverfahren gegen uns eröffnet wird. Das bedeutet, daß meine Herausforderung angenommen wurde. Daß sie mich gehört haben. Daß es nicht alles umsonst war.

Es wäre nicht nur prinzipienlos, meine eigene Teilnahme an dem Protest zu leugnen. Es würde all meine Bemühungen zunichte machen, all meine Ängste und mein Leiden, alles, was ich erreicht habe, meine Schmerzen und meinen Zorn. Ich kann mir diese Prinzipienlosigkeit nicht leisten, mit der unsere Untersuchungs- und Anklagebeamten  leben. In seinem Büro war der Leiter unserer Untersuchung so stolz über seine Prinzipientreue, wie er Fälle, die unbegründet waren, eingestellt hat; aber im Gerichtssaal hat er den Schwanz zwischen die Beine genommen wie ein Feigling und undeutlich vor sich hin gemurmelt über verbleibende Gründe. Es tut mir sehr leid, daß ich ihn nicht wiedersehen werde und ihm nicht ins Gesicht sagen kann, wie sehr ich ihn verachte. Ich verachte auch unseren jugendlichen Ankläger, der für diese Heuchelei und diese Lügen eigentlich zu jung ist. Ich kann ihn nur verachten, und ich verstehe nicht, daß er sich nicht selbst verachtet, daß er seienen Lieben in die Augen blicken kann.

Und auch ihr. Wenn ihr die Einschränkungen unserer Freiheit vor dem Gerichtsverfahren erweitert habt, die Anträge der Verteidigung ablehnt habt, und all die falschen Anschuldigungen schluckt, die euch die Staatsanwaltschaft füttert, dann wißt ihr ganz genau, welches Verbrechen ihr begeht, und ihr seid euch dessen noch viel klarer bewußt, als ich an diesem schicksalhaften Abend. Wenn ihr mir den Kontakt mit der wichtigsten Person in meinem Leben verbietet, wißt ihr ganz genau, was ihr tut. Ihr denkt, daß es menschlich ist, jemanden zu verurteilen, weil er zur falschen Zeit mit den falschen Leuten am falschen Ort war. Ihr meint, ihr könntet ein Gerichtsverfahren gegen jemanden eröffnen, nur weil ich ihn liebe, und uns dann jeden Kontakt verbieten, aber das könnt ihr nicht. Ihr könnt mir nicht verbieten, zu lieben; ihr könnt Jugend nicht verbieten, und ihr werdet niemals die Freiheit verbieten. Ihr werdet niemals die Wahrheit verbieten.

Und ihr wißt ganz genau, daß dieses Urteil ein Wendepunkt für euch ist, viel mehr als für mich. Denn ich habe miich vor langer Zeit für meine Seite entschieden, und ihr müßt jetzt entscheiden, in welche Richtung euer Leben weitergehen wird. Für mich bedeutet weder diese Debatte noch diese Ankündigung sehr viel, und sie werden nichts verändern. Ihr verurteilt nicht mich – ihr verurteilt euch selbst.

Ein faschistisches Regime scheint von innen nie faschistisch zu sei. Es gibt hier ein bißchen Zensur, hier eine kleine Unterdrückung, die dich vielleicht nie berühren wird.  Aber ich bin hier und heute nicht die Angeklagte. Ihr entscheidet nicht mein Schicksal, sondern euer eigenes, und ihr könnt immer noch den richtigen Pfad wählen. Ihr wißt genau, was hier los ist, und wie das heißt. Und ihr wißt, daß es gut und böse gibt, Freiheit und Faschismus, Liebe und Haß, und zu leugnen, daß diese Dinge existieren, wäre die größte Täuschung. Und diejenigen, die sich jetzt für das Böse entscheiden, haben bereits ihre Sitze auf der Anklagebank reserviert. Den Haag erwartet alle, die bei dieser Gesetzlosigkeit mitmachen.

Ich kann nicht versprechen, daß wir morgen gewinnen werden, übermorgen, in einem Jahr oder in zehn Jahren. Aber eines Tages werden wir gewinnen, weil Liebe und Jugend immer gewinnen. Ich kann nicht versprechen, daß ich das erleben werde, aber ich hoffe wirklich, daß ihr es erleben werdet. Und ihr täuscht euch selbst, wenn ihr euch einredet, daß ich wegen dieses Protests vor der Staatsanwaltschaft hier stehe. Ihr täuscht euch selbst, wenn ihr das hell leuchtende Schild mit der Aufschrift “POLITIK” ignoriert, das über diesem gesamten Verfahren hängt – dieses Verfahren wird nicht uns angetan, sondern dem gesunden Menschenverstand.

Ihr wißt, warum ich hier bin. Und ihr wißt, warum diese beiden hier sind – weil sie meine Freunde sind. Ihr wißt, warum ich vor Gericht stehe. Weil ich die Verfassung vorgelesen habe. Für meine Zivilcourage. Weil ich zur Person des Jahres gewählt wurde. Für meine Prinzipien. Für Reden. Vielleicht könnte ich mich ja von dieser ausdrücklich politischen Strafverfolgung geschmeichelt fühlen, wenn nicht inzwischen alle, die eine Meinung haben, unterdrückt worden wären.

All die Argumente der Staatsanwaltschaft sollen meine Schuld beweisen. Ich werde gar nicht darauf eingehen, daß sie das nicht sehr professionell machen – der Fingerabdruck-Befund ist gefälscht, und auf meiner Kleidung gibt es keinerlei Farbspuren, wie ihr selbst gesehen habt, als die Beweismittel vorgelegt wurden. Die Staatsanwaltschaft hat neun Monate darauf verschwendet, meine Beteiligung zu beweisen, die ich gar nicht geleugnet habe. Aber was bedeutet diese Beteiligung in einem Fall ohne Akte? Was macht es aus, ob ich dort war, wenn kein Verbrechen begangen wurde? Obwohl ich lügen würde, würde ich  sagen, daß kein Verbrechen begangen wurde, denn die Untersuchungs-  und Anklagebehörden haben sehr wohl ein Verbrechen begangen, und ich hoffe ganz ernstlich, Genosse Richter, daß Sie, Genosse Richter, nicht das gleiche Verbrechen begehen werden.

Deshalb bestehe ich auf einem vollen und bedingungslosen Freispruch ohne solch halbherzigen Entscheidungen wie Verfahrenseinstllung gegen Bezahlung einer Geldstrafe. Ich bin von meiner Unschuld überzeugt und bin bereit, sie ohne Kompromisse zu verteidigen.

Es ist uns allen klar, wie absurd dieser Fall ist: von Einschränkungen vor der Gerichtsverhandlung bis hin zu fabrizierten Beweisen, die von der Verteidigung als falsch entlarft wurden. Aber das ist noch nicht das Schlimmste.  Das Schlimmste sind vielmehr die Zeugen- und Expertenaussagen, die immer wieder unser Alter hervorgehoben und argumentiert haben, daß unser Verhalten einfach die Auswirkung von jugendlichem Überschwang sei. Aber die Wahrheit ist doch, daß jeder einzelne von uns erwachsener ist als Krasnov, der, wie Dimitry aufgezeigt hat, sich über ein paar Plakate kindisch aufgeregt hat. Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber ich kann und will es sagen, viel ehrlicher als jeder von euch, weil ihr darin gar nichts zu sagen habt. Die Wahrheit ist, daß trotz verschiedener Verbote und Einschränkungen unserer Freiheit, hier vor Gericht und in Gefängnissen, selbst mit GPS-Fesseln und einem rigiden Zeitplan, jeder von uns viel freier ist als ihr, denn diese drei Jahre werden einmal Vergangenheit sein, und selbst vorher werde ich immer noch sagen, was ich denke und tun, was ich für richtig halte, und ihr bringt es leider nicht über euch, das gleiche zu tun.

Die letzten neun Monate waren sehr schwierig, und ich möchte sie nicht nocheinmal durchleben. Ich habe die Zeit damit verbracht, Dinge zu bedauern, habe gedacht, “Was wäre geschehen, wenn …” und “Alles könnte ganz anders sein ….”. Aber da habe ich mich selbst belogen, denn die Dinge könnten gar nicht anders sein. Von dem Augenblick an, als ich die Verfassung in die Hand nahm, war meine Zukunft entschieden. Und ich habe das tapfer akzeptiert. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, und in einem totalitären Staat kommt die richtige Entscheidung immer mit schrecklichen Konsequenzen. Ich wußte immer, daß ich im Gefängnis landen würde; die Frage war nur, wann. Ich lese gerade ein Buch von Markus Zusak über das Leben unter einem faschistischen Regime(wahrscheinlich “Die Bücherdiebin“)), und er schreibt darin, “Du sagst, du hast Pech gehabt, aber du wußtest die ganze Zeit daß es so enden würde.”  Dieser Satz beschreibt meine Strafverfolgung vollkommen. Es war nicht Dummheit, oder Pech, oder ein Zufall – und es war ganz sicher kein Verbrechen. Ich wußt schon immer, daß dies geschehen würde, und war schon immer darauf vorbereitet. Nichts, was ihr tun könnt, wird mich überraschen.

Mein Anwalt hat heute Sophie Scholl erwähnt, und ihre Geschichte ähnelt meiner aufs Haar. Sie wurde vor Gericht gestellt,  weil sie Flugblätter verteilt und Graffiti gemalt hatte; ich wurde vor Gericht gestellt für Plakate und Farbe. Genaugenommen stehe ich vor Gericht für Gedankenverbrechen, so wie sie vor langer Zeit. Mein Gerichtsverfahren ist ihrem sehr ähnlich, und Rußland ist heute dem faschistischen Deutschland sehr ähnlich. Sophie hat nie ihre  Überzeugungen geleugnet, auch nicht im Angesicht des Schaffots. Ihr Beispiel hat mich ermutigt, keinen Abmachungen zuzustimmen. Sophie Scholl hat Jugend, Ernsthaftigkeit und Freiheit verkörpert, und ich hoffe, daß sie und ich einander auch darin ähnlich sind.

Das faschistische Regime in Deutschland ist letztlich gefallen, und auch das faschistische Regime in Rußland wird fallen. Ich weiß nicht, wann das geschehen wird – vielleicht in einer Woche, vielleicht in einem Jahr, vielleicht in einem Jahrzehnt – aber ich weiß, daß wir irgendwann siegen werden, weil Liebe und Jugend immer siegen.

Über das Licht

Ich möchte meine Abschlußerklärung mit Zitaten von zwei besonderen Menschen abschließen: Albus Dumbledore und Sophie Scholl. Zu viel von dem, was ich heute gesagt habe, handelte von Furcht, daher werden diese beiden Zitate vom Licht handeln. Ich habe mit Furcht begonnen, aber ich werde mit Hoffnung enden.

In der Kriegszeit sagte Albus Dumbledore einmal: “Das Glück kann gefunden werden, selbst in den finstersten Zeiten, wenn man nur daran denkt, das Licht einzuschalten.”

Sophie Scholls letzte Worte vor ihrer Hinrichtung waren,  “Die Sonne scheint immer noch!”

Tatsächlich scheint die Sonne immer noch. Ich konnte sie zwar durch das Gefängnisfenster nicht sehen, aber ich wußte immer, daß sie da war. Und wenn wir jetzt, in diesen finsteren Zeiten, das Licht einschalten können, dann wird es uns vielleicht zumindest einen kleinen Schritt näher zu unserem Sieg bringen.

Aus dem Russischen ins Englische übersetzt von  Marian SchwartzAnna BowlesFriedrich Berg und Nina dePalma; vom Englischen ins Deutsche übersetzt von Wolf Paul.

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  1. Ich finde es bemerkenswert, daß es weder in der deutschen noch in der englischen Wikipedia einen Eintrag für Olga Misik gibt.[]
  2. Der FSB ist der Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation. Der russische Name Федеральная служба безопасности Российской Федерации Federalnaja sluschba besopasnosti Rossijskoi Federazii (ФСБ) bedeutet „Föderaler Dienst für Sicherheit der Russischen Föderation“.[]
  3. Diese angebliche Verschwörungsgruppe begann mit einer Gruppe russischer Teenager, die sich auf Social Media über Politik unterhalten haben. Ein Geheimagent infiltrierte die Gruppe, vermietete ihnen ein Clublokal, und ermutigte sie zu Protestaktionen. Die Polizei hat ihre Wohnungen gestürmt und die Teenager festgenommen, und sie wurden mit gefälschten Beweisen angeklagt, die Regierung stürzen zu wollen. Im August 2020 wurden die Teenager zu (teilweise bedingten) Gefängnisstrafen zwischen vier und sieben Jahren verurteilt[]
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Untersuchungsausschüsse und Korruptionsvorwürfe

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Seit Monaten laufen nun in Österreich Korruptionsermittlungen. Angefangen hat es mit dem Ibiza-Video mit den Herren Strache und Gudenus, zu dem dann, trotz des Rücktritts dieser beiden FPÖ-Politiker, auf Verlangen der Opposition ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß eingerichtet wurde. Dieser Ausschuß begann ziemlich schnell, auch andere Vorwürfe zu untersuchen, die weder mit dem Ibiza-Video noch mit der FPÖ und ihren Politikern zu tun hatten, sondern die sich vornehmlich gegen ÖVP-Politiker richteten.

Seither ermitteln sowohl der Ausschuß als auch die Korruptionsstaatsanwaltschaft gegen alle möglichen aktiven und ehemaligen ÖVP-Politiker und ihnen nahestehende Personen, wobei alle möglichen fragwürdigen Vorgänge aufgedeckt wurden, größtenteils durch SMS und andere Chatverläufe dokumentiert.

Vor Kurzem nun stellte einer meiner Facebook-Freunde die Frage, wie weit solche Untersuchungen, die ja sehr viel Geld und Zeit kosten, von Verantwortungsbewußtsein getrieben sind, und wie weit von anderen Motiven.

Es macht natürlich schon nachdenklich und betroffen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Unbekümmertheit sich unsere “Oberen” über die Regeln und Gesetze, die sie ja selbst beschlossen haben, hinwegsetzen[1], und zwar entweder ohne jedes Schuldbewußtsein, denn sonst würden sie ja diese Aktivitäten nicht schriftlich festhalten, oder aber mit beispielloser Naivität, falls ihnen nicht bewußt ist, daß auch ein elektronischer “Paper Trail” nachverfolgbar ist.

Momentan triffts die Türkisen, weil sie an der Macht und die anderen in Opposition sind; ich glaube jedoch keinen Augenblick, daß es bei umgekehrtem Vorzeichen wirklich anders aussehen würde. Es gibt ja nicht ohne Grund im Deutschen den Begriff “Parteibuchwirtschaft“, und zwar nicht erst seit sich die ÖVP von Schwarz nach Türkis umgefärbt hat.

Und genau deshalb glaube ich nicht, daß es beim Ibiza-Ausschuß und den daraus resultierenden strafrechtlichen Untersuchungen um Verantwortungsbewußtsein geht; vielmehr geht es darum, den politischen Gegner auflaufen zu lassen, und ihn, sozusagen am Pranger, vorzuführen.

Politik ist und war immer schon ein schmutziges Geschäft, auf allen Seiten, und wer sich darauf einläßt, auch mit den besten Motiven, bekommt unweigerlich einiges von dem Dreck ab, und sei es auch nur durch die unvermeidlichen Loyalitätsbezeugungen gegenüber Kollegen und Parteiführer, denen irgendwann mal Dreck am Stecken nachgewiesen wird.

Und Politik wird auch ein schmutziges Geschäft bleiben: der jugendliche Wunderwuzzi, der “eine andere Art der Politik” verspricht, bringt letztlich nur weniger Lebenserfahrung[2], mehr Unbedarftheit, und sehr viel jugendliche Arroganz zu seiner Aufgabe, wie unser kurzer Kanzler anschaulich demonstriert hat.

Christen waren ja immer schon gespalten über der Frage, ob und wie weit sich Christen politisch engagieren dürfen oder sollen. Ich glaube, daß wir uns nicht beschweren dürfen, daß unsere Gesellschaft immer weltlicher wird, wenn wir Christen uns nicht in allen Bereichen engagieren, wo ein solches Engagement nicht in sich gegen Gottes Gebote verstößt. Deshalb habe ich auch durchaus Verständnis für Christen, die sich in der Politik engagieren uns sich z.B. als Kandidaten aufstellen lassen, auf Gemeinde-, Landes- und Bundesebene, damit sie in diesen Institutionen christliche Werte vertreten und verteidigen können. Sie haben meine Sympathie, mein Verständnis, und meine Gebete.

Und ein wesentliches Gebet ist, daß solche christlichen Politiker nicht nur dem Dreck ausweichen können, den es in der Politik unweigerlich gibt, sondern daß sie auch vor jeder Versuchung bewahrt bleiben, das schmutzige Spiel nach den schmutzigen Regeln mitzuspielen. Die Wiederwahl ist nicht alles wert.

 

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  1. Das ist kein rein österreichisches Phänomen, darum geht es derzeit auch im britischen Partygate-Skandal, betreffend ranghohe Politiker und Beamte, bis hinauf zu Premierminister Boris Johnson, die sich über die Covid-19 Lockdownbestimmungen hinwegsetzten und Parties veranstalteten, für die normalsterbliche Bürger von der Polizei streng abgestraft wurden[]
  2. Mangelnde Politikerfahrung gilt ja als Vorteil[]
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Österreich, Rußlands Tunnel ins Herz Europas?

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In einem Artikel im “New Statesman” mit dem Titel “Austria is Russia’s tunnel into the heart of Europe” (“Österreich ist Rußlands Tunnel in das Herz Europas“) schreibt Liam Hoare, “The country’s attachment to neutrality has led it to cultivate obsequious relations with Russian energy and espionage,” auf Deutsch, “Das Festhalten an der Neutralität hat Österreich dazu geführt, unterwürfige Beziehungen mit Russland in den Bereichen Energie und Spionage zu kultivieren,” und beschreibt dann weiter die engen Beziehungen zwischen Österreich und zunächst der Sowjetunion und dann der Russischen Föderation.

Nachdem ich von einigen Leuten gefragt wurde, was ich davon halte, hier meine Meinung dazu:

Das österreichische Neutralitätsgesetz 1955 (ein Verfassungsgesetz) definiert Österreichs Neutralität ausschließlich militärisch, und verbietet lediglich (a) die Mitgliedschaft in Militärbündnissen sowie (b) die Errichtung ausländischer Militärstützpunkte auf österreichischem Staatsgebiet.

Auszug aus dem Bundesgesetzblatt, “Bundesverfassungsgesetz vom 26. Oktober 1955 über die Neutralität Österreichs”

Im Verlauf der Geschichte der Zweiten Republik hat Österreich immer wieder betont, daß wir nicht politisch neutral sind (und auch nicht sein müssen) sondern eindeutig zum westlichen Lager gehören – wenn es denn opportun war, also z.B. im Gespräch mit westlichen Regierungen und Politikern. Andererseits hat Österreich auch immer wieder eine wesentlich breiter verstandene Neutralität betont, wenn diese opportun war, also z.B. im Gespräch mit der Sowjetunion/Rußland und den Ländern des Ostblocks.

Österreichische Regierungen beider Couleurs (ÖVP und SPÖ) haben nach innen, dem österreichischen Volk gegenüber, immer betont, “Wir sind natürlich nicht moralisch neutral,” und russische Aggressionen wie die Einmärsche in Ungarn 1956 und Tschechoslowakei 1968, oder das angedrohte Eingreifen in Polen 1988 wurden ebenso offiziell verurteilt wie der Krieg gegen die Ukraine 2022. Es wurde auch betont, daß unsere Neutralität uns zu Vermittlern in diversen Konflikten prädestiniert. Gleichzeitig hat Österreich während und trotz dieser Aktionen profitable Geschäftsbeziehungen zur Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten unterhalten. Und wie alle anderen westlichen Staaten hat auch Österreich nach dem Zerfall der Sowjetunion russische Oligarchen und ihr Geld willkommen geheißen, obwohl jedem denkenden Menschen klar sein mußte, daß so kurz nach dem Ende der Sowjetwirtschaft solche Vermögen nur durch die korrupte Aneignung von Staatsvermögen der Nachfolgestaaten zustande gekommen sein konnten.

In einer Situation, in der es nie ein Risiko feindseliger Handlungen gegen Österreich von Seiten westlicher Staaten oder der NATO gab, wohl aber ein solches Risiko von Seiten der Sowjetunion und des Warschauer Paktes, war die offizielle Position, die den Bürgern kommuniziert wurde, daß jeder der beiden Blöcke unsere Sicherheit vor den Aggressionen des jeweils anderen Blocks garantieren würde, und daß das Bundesheer, so klein und schwach es ist, neben seiner Funktion als Katastrophenhilfsorganisation, lediglich als symbolischer Beweis für unsere Bereitschaft dient, unsere Neutralität zu verteidigen, während die eigentliche Verteidigung in den Händen der Signatarmächte des Staatsvertrags lag.

Heute ist in der österreichischen Bevölkerung die Idee weit verbreitet, daß Kritik an der russischen Invasion der Ukraine durch das offizielle Österreich unsere Neutralität verletzt und daher problematisch ist; angesichts von Meldungen, daß Finnland und Schweden angesichts der russischen Aggression bereit sind, ihre Neutralität aufzugeben und der NATO beizutreten, ist der Prozentsatz der österreichischen Bevölkerung, der davon überzeugt ist, daß eine wesentlich breiter als nur militärisch verstandene Neutralität für Österreichs Existenz und Wohlergehen unabdingbar ist, auf 91% gestiegen, und zwar quer durch das ganze politische Spektrum.

Österreichs opportunistische Einstellung zur Neutralität ist aus dem gleichen Stoff geschneidert wie die langjährige Fiktion, daß Österreich das erste Opfer der Nazis war, und nicht ein integraler Teil des Dritten Reiches oder eine Nation williger Mittäter des Nazi-Regimes. Ein Lieblingsspruch meines Vaters war, “In Österreich war Hitler ein erfolgloser Anstreicher; erst die Deutschen haben ihn zum Führer gemacht” – eine Einstellung, die den Deuschen die Schuld an Hitler und den Nazis zuschiebt und dabei ignoriert, daß Hitlers Ideen sich im fruchtbaren Boden des politischen und intellektuellen Klimas der Ersten Republik entwickelt haben, und daß ein Gutteil der österreichischen Bevölkerung den Anschluß durchaus willkommen geheißen hat.

Erst 1991 hat der damalige Bundeskanzler die Rolle der Österreicher im Terror-Regime der Nazis, sowohl im Inland als auch im Ausland, offiziell eingestanden und sich dafür entschuldigt, und damit auch die Mär von Österreich als Hitlers erstem Opfer aufgegeben – ein Eingeständnis und eine Entschuldigung, die durchaus nicht von allen Österreichern goutiert wurden.

Meiner Meinung nach beschreibt der Artikel im New Statesman also durchaus die Realität, wie sie heute und bereits seit 1955 existiert.

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Austria, Russia’s Tunnel Into the Heart of Europe?

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In an article in the “New Statesman” entitled “Austria is Russia’s tunnel into the heart of Europe Liam Hoare writes, “The country’s attachment to neutrality has led it to cultivate obsequious relations with Russian energy and espionage,” and elaborates further on the cozy relationship between Austria and first the Soviet Union and then the Russian Federation.

Some folks asked me whether I considered this a fair assessment; here is my response.

Austria’s Neutrality Law of 1955 (which has the status of a constitutional amendment) specifically defines neutrality in military terms and only forbids (a) membership in military alliances and (b) the establishment of foreign military bases on Austrian territory.

Facsimile of the “Federal Constitutional Law of 26th October 1955 concerning Austria’s Neutrality”

But throughout the history of the “Second Republic”[1] Austria has stressed that she isn’t (and isn’t required to be) politically neutral but rather is clearly part of the “West“—when it suited her purposes, i.e. in talks with Western governments. And when it suited her purposes, she has stressed her neutrality, interpreting it much more broadly, when talking to the Soviet Union/Russia and East Bloc countries.

At the same time, Austrian governments of both persuasions (ÖVP and SPÖ)[2] represented to the Austrian people that of course we are not morally neutral, voicing criticism of such Russian actions as the invasions of Hungary in 1956 and Czechoslovakia in 1968, and the threat of an invasion of Poland in 1988; and that our neutrality uniquely enabled us to act as broker and mediator between the blocs. However, at the same time as condemning Russian aggression Austria continued to maintain profitable business relationships with the Soviet Union and her client states, and then with the Russian Federation; and like all other Western countries, after the dissolution of the Soviet Union Austria welcomed Russian oligarchs and their money, even though it was obvious to every thinking person that so soon after the collapse of the Soviet economy such wealth could have been amassed only by the corrupt appropriation of the public wealth of the Soviet successor states.

In a situation where there was never any risk of hostile action by Western nations or NATO but very much a risk of hostile action by the Warsaw Pact, the official position conveyed to the citizenry was that each of the two blocs guaranteed our security vis-a-vis the other bloc, and that our military, small and ineffective as it well might be, only served to symbolically show of our willingness to defend our neutrality while leaving the heavy lifting to the signatory nations of the “State Treaty”.

In the Austrian population today the idea is widespread that criticism of Russia’s invasion of Ukraine by Austrian government figures violates our neutrality and is thus ill-advised; in the face of news that as a result of Russian aggression Finland and Sweden are prepared to abandon their neutral status and join NATO, the percentage of Austrians who believe that Austrian neutrality, perceived much more comprehensively than the text of the law, is essential to Austria’s existence and well-being, has risen to 91%. This seems to cut across the entire spectrum of political views and ideologies.

Austria’s opportunist attitude to her neutrality is cut from the same cloth as her official insistance that she was one of the first victims of Nazi Germany rather than an integral part of the Third Reich or a nation of largely willing collaborators and perpetrators of Nazi atrocities. I grew up with my father quipping, “In Austria, Hitler was a failed house painter; it took the Germans to turn him into Der Führer”, thus blaming the Germans for Hitler and Nazism while ignoring the fact that not only had Hitler’s ideology grown and thrived in the political and intellectual climate of the “First Republic”, but that a sizeable proportion of Austrians had welcomed the 1938 Anschluß.

It wasn’t until 1991 that then-Chancellor Franz Vranitzky acknowledged and apologized for Austrians’ role in the Nazi reign of terror both at home and abroad, thus abandoning the claim to have been Hitler’s first victim—and he was not universally praised for that admission and apology.

So in my view the New Statesman article describes reality as it is now and has been ever since 1955.

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  1. Austria became a republic in 1918 after the First World War and the demise of the Habsburg monarchy. That republic, which ended with Austria’s annexation by Germany in 1938 (the “Anschluß”), is typically referred to as the “First Republic“. At the end of the Second World War Austria regained her independence and became a republic once again; this is typically referred to as the “Second Republic” and continues to this day.[]
  2. During the Second Republic Austria has been governed by two parties, the Österreichische Volkspartei (ÖVP) which identifies itself as  “Christian social” and used to be characterized by alignment with the Roman Catholic Church and conservative values, and the Sozialdemokratische Partei Österreichs (formerly Sozialistische Partei Österreichs) (SPÖ). These two parties either governed alone, or in coalition with each other, or one of them in a coalition with one of the smaller parties.[]
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Christus hat den Tod überwunden. Er hat ihn nicht abgeschafft.

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von Jennifer M. Rosner

Dies ist eine Übersetzung ins Deutsche des englischen Originalartikels, der im April 2022 in Christianity Today erschienen ist.[1]. Hier veröffentlicht mit Genehmigung der Autorin.

Ich habe mir angewöhnt, jedes Jahr zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag, einen bestimmten Abschnitt aus Der Stern der Erlösung zu lesen.  Dieses Buch, das während des ersten Weltkriegs an der Balkanfront auf Postkarten geschrieben wurde, ist das wichtigste Werk des deutsch-jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig, der hier die vollständigste und einander ergänzendste Deutung von Judentum und Christentum vorgelegt hat, die je geschrieben worden ist.

In Jahr meiner Hochzeit habe ich Rosenzweigs Überlegungen zur Bedeutung von Jom Kippur gelesen — nur zwei Wochen vor meiner Hochzeit — und wurde auf ganz neue Weise getroffen. Als ich die schwierigen Nachmittagsstunden des Jom Kippur-Fastens begann, wurde ich sehr bewegt von Rosenzweigs Ausführungen über das weiße Gewand, den Kittel, der üblicherweise zu Jom Kippur von den Männern (und in manchen jüdischen Kreisen, auch von den Frauen) getragen wird.

Wie alles im Judentum ist die Bedeutung dieses Brauchs vielschichtig. Der Kittel ist das traditionelle jüdische Sterbekleid; ihn an Jom Kippur zu tragen repräsentiert die kollektive Schuld des jüdischen Volkes vor Gott – und darum geht es an diesem Tag in erster Linie. Gott kann Unheiligkeit und Unreinheit nicht tolerieren, und an Jom Kippur müssen Juden ihrer eigenen Sündhaftigkeit, ihren eigenen Fehlern ins Angesicht starren. “Vergib, verzeihe, und sühne uns!” wiederholt die Liturgie von Jom Kippur immer wieder. Der Versöhnungstag ist ein Tag des Gerichts, wo jeder einzelne Jude (und das jüdische Volk als Kollektiv) sich eingedenk werden muß, wie schwer seine Sünde vor Gott wiegt.

Aber das Tragen des Kitels repräsentiert auch das Wunder von Gottes Vergebung, einem weiteren Aspekt von Jum Kippur. Den Kittel anzuziehen macht sichtbar, daß “wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden” (Jesaja 1,18). Für Rosenzweig ist Jom Kippur daher auf tiefster Ebene sowohl ein Tag des Lebens als auch ein Tag des Todes. Anstelle des Todes als Folge der Sünde gewährt Gott dem Volk großzügig Vergebung und das Geschenk des weiteren Lebens. Es gibt das Eine nicht ohne das Andere, und sie verleihen einander gegenseitig ihre Bedeutung.

Nach der ergreifenden Beschreibung, was das Tragen des Kittels an Jom Kippur bedeutet, bezieht sich Rosenzweig auf das Hohe Lied 8,6, wo es heißt “Liebe ist stark wie der Tod.” Rosenzweig fährt fort, “Und so trägt der Einzelne einmal schon im Leben das vollständige Sterbekleid: unterm Trauhimmel, nachdem er es am Hochzeitstag aus den Händen der Braut empfangen hat.”

Das war es, was mir in diesem für mich so besonderen Jahr den Atem stocken ließ. Ich hatte diesen Satz schon oft vorher gelesen, aber er hatte nie so eine gewichtige Bedeutung. Tod und neues Leben, Sünde und Vergebung, Umkehr und Schulderlaß – dese Aspekte von Jom Kippur sind auch die täglichen Aspekte der Ehe, eine Realität, die ich in den kommenden Jahren intensiv erfahen sollte.

Und es gibt noch eine Gelegenheit im jüdischen Kalender, wo traditionell der Kittel getragen wird: während des jährlichen Pessach-Seders, vor allem von demjenigen, der den Seder leitet. An diesem herbstlichen Tag von Jom Kippur habe ich daher nicht nur über die Verbindung zwischen Jom Kippur und dem Hochzeitstag nachgedacht, sondern auch über die Verbindung zwischen Jom Kippur und Pessach.

Viele diese theologisch reichen Verbindungen sind in Vergessenheit geraten, nachdem Judentum und Christentum sich einander entfremdet haben; damit haben sie den Stoff zerrissen, der einst die bedeutungsvollen Rhytmen des liturischen Jahres zusammenhielt. Aber heuer[2] fallen Pessach und Ostern in die gleiche Woche und das erinnert uns als Christen an die jüdischen Wurzeln unseres Glaubens.

Jom Kippur wird in der Torah eingeführt (3. Mose 16; 23,26-32; 4. Mose 29,7-11) und fällt auf den zehnten Tag des siebenten Monats im jüdischen Kalender, dem Monat Tischri. Vor Tischri kommt Elul, ein Monat, in dem Umkehr, Buße betont wird. Nach der jüdischen Tradition beginnt in Elul eine vierzigtägige Fastenzeit, die bis in Tischri geht, und welche die vierzig Tage repräsentiert, die Moses nach der Sünde mit dem goldenen Kalb für das Volk Fürbitte getan hat.

In 2. Mose 32, während Moses oben auf dem Berg Sinai war und die zwei Steintafeln von Gott empfangen hat, fing das Volk an, sich Sorgen zu machen und ungeduldig zu werden, und sie schufen sich einen Götzen und beteten ihn an – ein Ereignis, das Israels schärfste Brüskierung Gottes darstellt.

Moses kommt vom Berg herunger und sieht das Volk, wie es um das goldene Kalb tanzt, und er wirft die Steintafeln auf den Boden, wo sie am Fuß des Berges zerbrechen. Es ist der Tiefpunkt in Israels Geschichte, ein Moment, wo es scheint, als könnte die Tiefe seiner Sünde und Schuld vor Gott nie behoben werden.

Aber in reiner unverdienter Gnade läßt Gott Mose neue Steintafeln herstellen, erneuert Seinen Bund mit seinem Volk und erklärt, “HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde” (2. Mose 34,6-7). Nachdem er vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berg geblieben war, steigt Mose wieder ins Lager hinab, mit leuchtendem Angesicht.

Die Rabbis sagen, das sei die Geburt von Jom Kippur, diesem Tag, der sowohl den Höhepunkt der Sünde und Bosheit des Volkes repräsentiert, als auch die Tiefe von Gottes nicht-endender Liebe und unverdienter Vergebung. Das ist die großartige Geschichte, derer das jüdische Volk jedes Jahr gedenkt, in weißen Gewändern und immer der göttlichen Barmherzigkeit und Gnade bedürftig.

Die Geschichte von Pessach steht im 2. Buch Mose, kurz vor der Ankunft des Volkes am Berg Sinai. Als Teil der göttlichen Befreiung der Israeliten aus den Ketten der Sklaverei under dem Pharao, bringt Gott zehn Plagen über die Ägypter. Bevor die zehnte Plage, der Tod der Erstgeborenen, beginnt, befiehlt Gott dem Mose, daß jede israelitische Familie ein Lamm schlachten soll und mit dessen Blut den Türrahmen ihres Hauses markieren soll. Der Engel der Zerstörung, der das Leben jedes Erstgeborenen nehmen soll, sieht das Blut am Eingang der israelitischen Häuser und geht an diesen vorbei, womit die Erstgeborenen der Israeliten gerettet sind.

Wir müssen nicht nur die Verbindungen zwischen Pessach und Ostern wiederentdecken

Und wie Gott befohlen hat, bestimmt Mose, daß Israel jedes Jahr das Pessach-Fest feiern soll, und so versammeln sich bis zum heutigen Tag die Juden am 14. Tag des ersten Monats, dem Monat Nisan, zu diesem heiligsten Festmahl (2. Mose 12). Der Tisch ist mit besonderen Dingen und Speisen gedeckt, die alle eine Rolle spielen bei dieser Erinnerung – buchstäblich, diesem Schmecken – an die Ereignisse dieser schicksalhaften Nacht und der darauffolgenden Wanderung durch die Wüste Sinai. So gedenkt Israel für immer der Tatsache, daß in dieser finstersten Nacht der Geschichte Ägyptens, das Fleisch und Blut eines Lammes die Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs gezeichnet – und gerettet – hat.

Während des Pessach-Seders erleben die Juden aufs Neue das Leid der Sklaverei, die Tränen der Verzweiflung, und auch die Schreie der Ägypter. Aber die Juden erleben auch wieder den Triumph der Befreiung, die Freude des Neuanfangs, das Geheimnis der Macht und Liebe Gottes, und die Hoffnung, auf ein richtiges Zuhause im verheißenen Land.

Die vier Evangelien machen klar, daß Jesu Einzug in Jerusalem, sein letztes Abendmahl mit seinen Jüngern, und schließlich sein Tod und seine Auferstehung, vor dem Hintergrund von Pessach geschehen. Es war Konstantin, im ersten Konzil von Nicäa, der anordnete, Ostern von Pessach abzukoppeln, eine Entscheidung, die einen langen Prozess in Bewegung gesetzt hat, mit dem die jüdischen Wurzeln der Karwoche ausgelöscht wurden.

Um diese reichen und grundlegenden Wurzeln wiederzuentdecken, müssen wir nicht nur die Verbindungen zwischen Pessach und Ostern wiederentdecken, sondern auch Jom Kippur in unser Verständnis der Karwoche einbeziehen. Im Denken Rosenzweigs, und auch generell in der jüdischen Tradition, ist der Tallit, der jüdische Gebetsschal, ein Symbol für den Kittel. Auch der Tallit ist traditionell weiß, und obwohl er normalerweise nur untertags getragen wird, gibt es eine Ausnahme: der Vorabend von Jom Kippur, wo er nach Sonnenuntergang getragen wird. Traditionell wird er an Jom Kippur sogar den ganzen Tag getragen.

Viele jüdische Männer besitzen oder tragen einen Tallit erst, nachdem sie verheiratet sind, und es ist Tradition, daß die Braut dem Bräutigam an ihrem Hochzeitstag einen Tallit (statt einem Kittel) schenkt. Mein Verlobter Yonah hat sich an diese Tradition gehalten, und bevor wir für unsere Hochzeit aus Israel in die USA zurückkehrten, besuchten wir das Ramot Einkaufszentrum außerhalb von Jerusalem und suchten einen wunderschönen Tallit aus, den ich ihm dann im Rahmen userer Hochzeitszeremonie überreichte.

“Wir wollen mit den Juden nichts gemein haben, denn der Erlöser hat uns einen anderen Weg gezeigt,” erklärte Konstantin beim ersten Konzil von Nicäa. “Insbesondere ist es unwürdig, daß dieses heiligste aller Feste den Berechnungen der Juden folgt, die ihre Hände mit dem schrecklichsten Verbrechen besudelt haben und deren Verstand verblendet wurde.” Dieser Moment in der Kirchengeschichte ist als der Osterfeststreit oder  Quartodezimanische Kontroverse bekannt, weil es um die jüdische Feier von Pessach am 14.  (lateinisch quarta decima) Nisan ging.

Die Quartodezimaner waren diejenigen, die Ostern weiterhin zeitgleich mit der jüdischen Feier von Pessach feiern wollten. Das war eine bemerkenswerte Haltung, denn es verband das christliche Kirchenjahr mit dem jüdischen Kalender. Und diese Verbindung erschien der Kirche umso unerträglicher, umso mehr sie sich vom Judentum entfremdete, und das erste Konzil von Nicäa hat diese Entfremdung zementiert.

Dadurch ging die Verbindung verloren, die in den Evangelien ganz klar und absichtlich hergestellt wird. Die Bedeutung der Karwoche kann man nur vollständig verstehen, wenn man sie im Bewußtsein von Israels Geschichte begeht. Der Tod und die Auferstehung des Messias folgen dem Muster des Auszugs aus Ägypten, jenem Ereignis, das die Geburtsstunde Israels darstellt. Und an desem grundlegenden Zeitpunkt der Entstehung der Kirche, wo sie in Israels bleibenden Bund mit Gott eingepfropft wird, wird Jesus zu dem Pessach-Lamm, durch dessen Blut das Volk Gottes gerettet wird.

Wie wir schon in anderen Zusammenhängen gesehen haben, neigt die christliche Theologie dazu, Dinge auflösen zu wollen, die in der jüdischen Theologie durchaus in Spannung nebeneinander existieren können. Diesen Unterschied sehen wir auch in der Unterscheidung von Ostern und Pessach.

Für die Kirche ist der Karfreitag für den Tod reserviert, während der Sonntag der Tag der Auferstehungsfeier, des neuen Lebens, ist. Diese zeitliche, gottesdienstliche Trennung kann zu einer Aufspaltung von Leben und Tod führen, indem sehr zuversichtlich (und dualistisch) behauptet wird, daß wir, sobald wir den Sonntag erreicht haben, den Tod vergessen können. Man sagt uns, daß wir uns am Leben festhalten sollen, und die Macht des Todes vergessen sollen, weil Jesus den Tod ein für alle mal in seinem leeren Grab zurückgelassen hat. Der Stachel des Todes ist nur mehr für diejenigen von Bedeutung, die außerhalb der Kirche sind. Das ist jedoch zutiefst desorientierend, und schlußendlich, dehumanisierend.

Wie so viele von uns erlebt haben, ist die Realität weit von der einfachen Aussage entfernt, daß der Tod durch die Auferstehung überwunden wurde. Der Tod, in all seinen heimtückischen Formen, durchdringt immer noch unser tägliches Leben. Auch nach Jesu glorreicer Auferstehung kämpfen wir weiter mit beunruhigenden Dimensionen unsere Menschlichkeit: die Traumas, die wir erleben, die Verluste, die wir erleiden, die Enttäuschungen, die wir sammeln, die Ängste, die uns lähmen. Und leider kann die Kirche dann die subtile Botschaft senden, daß es uns irgendwie an Glauben mangelt, oder wir die christliche Botschaft nicht verstanden haben, wenn wenn wir unter diesen sehr realen Kämpfen leiden.

Pessach dagegen akzeptiert die komplexe Verbindung von Leben und Tod, es stellt Leben und Tod als konvergierende, miteinander verwobene Mächte dar. Auch wenn das Leben in Israels Erzählung schlußendlich gewinnt, erinnert uns die jüdische Tradition daran, daß es nicht möglich ist, das Leben, das wir leben, von unseren individuellen und kollektiven Erinnerungen an den Tod zu trennen.

Am Pessachtisch erinnern wir uns an den Tod eines Lammes, dessen Blut unser Leben gerettet hat. Wir danken Gott für das Geschenk der Freiheit, während uns die Bitterkräuter an die bleibende Bitterkeit der Sklaverei erinnern. Wir jubeln über den Auszug aus Ägypten, während wir uns gleichzeitig bewußt sind, daß wir noch nicht im verheißenen Land angekommen und zu Hause sind. Und besonders bemerkenswert, wir vermindern unsere Freude und gedenken des Leidens der Ägypter, indem wir von dem Wein, der unsere Freude symbolisiert, Tropfen entfernen.

Aber die deutlichste Konfrontation des Judentums mit dem Tod kommt an einem anderen Tag, den die Pesachgeschichte erwartet: Jom Kippur. An Jom Kippur steht das jüdische Volk vor Gott im Todeskampf, im Sterbegewand, aber mit dem Mut zu glauben, daß Gott gegenwärtig und zugänglich ist, auch vom Grab aus.

Genauso wie bei Pessach, gibt es auch bei Jom Kippur kein Leben ohne den Tod. Auch das Leben erlaubt uns nicht, den Tod zu vergessen. Die zwei stehen in einem unmöglichen Paradox beieinander, und wir erleben sie beide, während wir auf unsere endgültige Erlösung warten.

Pessach und Jom Kippur erinnern uns daran, daß wir Leben und Tod nicht fein säuberlich auseinander sortieren oder chronologisch ordnen können

Pessach und Jom Kippur erinnern uns daran, daß wir Leben und Tod nicht fein säuberlich auseinander sortieren oder chronologisch ordnen können. Wir müssen die Spannung dieser zwei aushalten — und genau das ist der Ort, wo wir die Fülle der Liebe Gottes erfahren, in Christus unserem Pessachlamm, dessen Blut die Sünde sühnt.

Es ist ironisch, daß die Unterströme der  biblischen Auslegung, die unseren christlichen Gottesdienst zu Ostern bestimmen, den Kontext auslöschen können, der uns die Bedeutung von Jesu Tod und Auferstehung erst vollständig verstehen läßt. Indem sie das Judentum als Feindbild hingestellt hat, hat die christliche Tradition allzu oft die Einheit und den Zusammenhalt der biblischen Geschichte verstellt, in der Gottes Bund mit Israel der notwendige Zusammenhang ist für das Heilswerk Jesu und die Geburt der Kirche.

So betrachtet, sieht Golgotha immer mehr wie Sinai aus. Der zerrissene Vorhang erinnert an die zerbrochenen Steintafeln, der Tod Jesu erinnert an die Opfer von Jom Kippur, das Geheimnis des Karsamstag ruft die Fürbitte des Moses oben auf dem Berg ins Gedächtnis, und Jesu Auferstehung handelt von einem wieder erneuerten Bund, einem Zeugnis von Gottes unendlicher, nie aufhörender Liebe, für die Juden zuerst, und dann für die Nationen. (Römer 1,16)

Aus dieser Perspektive bekommt die freudige Verkündigung, “Christus ist auferstanden!”, eine völlig neue und tiefe Bedeutung. Schließlich ist der Erlöser der Welt der lang erwartete Messias Israels.


Die messianische Jüdin Jennifer M. Rosner unterrichtet Systematische Theologie am Fuller Theological Seminary in Kalifornien, wo sie mit ihrem Mann Yonah lebt. Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus ihrem Buch, “Finding Messiah“, Copyright © 2022 by Jennifer Rosner. Published by InterVarsity Press, Downers Grove, IL. www.ivpress.com.
Michael Stone hat zu diesem Artikel beigetragen.
Ins Deutsche übersetzt von Wolf Paul mit Genehmigung der Autorin.

__________
  1. Anmerkungen des Übersetzers: Ich habe generell “church” mit “Kirche” übersetzt, weil der Fokus auf der Institution, und nicht auf der “unsichtbaren Gemeinde” oder der Ortsgemeinde liegt; ich habe die Begriffe Karwoche, Karfreitag, Karsamstag gewählt, weil ich mit diesen Begriffen aufgewachsen bin (anstelle von Passionswoche usw.). Die Bibelzitate stammen aus der Lutherbibel 2017. —Wolf Paul[]
  2. im Jahr 2022[]
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Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!

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Der Osterhymnus aus der Liturgie der Anglikanischen Kirche
1. Korinther 5,7b, 8; Römer 6,9–11; 1 Korinther 15,20–22 (nach der EÜ2016)

Als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden.
Lasst uns also das Fest feiern,
  nicht mit dem alten Sauerteig,
  nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit,
  sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit!

Christus, von den Toten auferweckt, stirbt nicht mehr;
  der Tod hat keine Macht mehr über ihn.
Denn durch sein Sterben
  ist er ein für alle Mal gestorben für die Sünde,
  sein Leben aber lebt er für Gott.
So begreift auch ihr euch als Menschen,
  die für die Sünde tot sind,
  aber für Gott leben in Christus Jesus.

Christus ist von den Toten auferweckt worden
  als der Erste der Entschlafenen.
Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
  kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.
Denn wie in Adam alle sterben,
  so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn
  und dem Heiligen Geist,
  wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit
  und in Ewigkeit.
Amen.

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Christ is risen! He is risen indeed!

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The Easter Anthems from the Anglican Liturgy
1 Corinthians 5.7b, 8; Romans 6.9–11; 1 Corinthians 15.20–22 (ESV)

Christ, our Passover lamb, has been sacrificed.
Let us therefore celebrate the festival,
  not with the old leaven, the leaven of malice and evil,
  but with the unleavened bread of sincerity and truth.

Christ, being raised from the dead,
  will never die again;
  death no longer has dominion over him.
For the death he died he died to sin, once for all,
  but the life he lives he lives to God.
So you also must consider yourselves dead to sin
  and alive to God in Christ Jesus.

Christ has been raised from the dead,
  the firstfruits of those who have fallen asleep.
For as by a man came death,
  by a man has come also the resurrection of the dead.
For as in Adam all die, so also in Christ shall all be made alive.

Glory to the Father and to the Son
  and to the Holy Spirit;
  as it was in the beginning is now
  and shall be for ever. 
Amen.

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Herbert Kickls blühende Phantasie …

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Ich persönlich bin nicht sicher, was ich von BK Nehammer’s Besuchen in Kyiv und Moskau halten soll; wie weit es sich bei den Besuchen in der Ukraine um leeres “Virtue Signalling” handelt, bzw. ob und was es bringt, mit dem Wahnsinnigen im Kreml zu reden; daneben steht auch noch im Raum, daß die Besuche sehr naïv und nicht mit den EU-Partnern koordiniert waren, und daß die ukrainische Führung verärgert ist über Nehammers Besuch bei Putin.

Eines aber ist ganz sicher: Herbert Kickls Kritik an den Besuchen beim ukrainischen Präsidenten Selenskyj und dem Kyiver Bürgermeister Klitschko als “mit der Neutralität in Widerspruch stehend” ist zwar haarsträubender Unsinn, steht aber durchaus im Einklang mit dem sonderbaren Weltbild der FPÖ, deren verflossener Chef auch schon mal mit Hilfe einer vermeintlichen russischen Oligarchin die österreichische Innenpolitik beeinflussen wollte.

Wie der maßgebliche Artikel des Neutralitätsgesetzes sehr klar zum Ausdruck bringt, und wie ich bereits am 26. Februar diesen Jahres ausgeführt habe[1] , ist die österreichische Neutralität ausschließlich militärischer Art:

“Österreich wird zur Sicherung dieser Zwecke in aller Zukunft keinen militärischen Bündnissen beitreten und die Errichtung militärischer Stützpunkte fremder Staaten auf seinem Gebiete nicht zulassen.”

Bündnisfreiheit und keine fremden militärischen Stützpunkte – that’s it. Alles, was darüber hinausgeht, entspringt der blühenden Phantasie von Herbert Kickl

Österreich war auch zur Zeit des kalten Krieges zwischen Ost und West nie politisch neutral, und moralisch erst recht nicht; moralische Neutralität müßte ja richtiger “Feigheit” heißen.

https://orf.at/stories/3259243/

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  1. Damals gings um die skurrile Idee, daß humanitäre Hilfe für die ukrainische Bevölkerung im Widerspruch zur österreichischen Neutralität steht[]
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