Viele Öffnungen, viele Höhlungen

Posted on Categories Uncategorized

  • Trigger-Warnung: In diesem Beitrag werden auch Körperfunktionen erwähnt, was manche Leute vielleicht unangenehm berühren könnte. 

Vor vielen Jahren habe ich über dem Waschbecken im Toiletten-Vorraum einer betont Israel-affinen christlichen Gemeinde einen Text gefunden, über den ich zunächst geschmunzelt habe, der mir aber bei näherer Betrachtung als durchaus dem Ort angemessen erschien.

Es handelt sich dabei um diesen als Ascher Jazzar bekannten Segensspruch (Bracha oder Beracha, Mehrzahl Brachot – hebr. ברכה, jiddisch: Broche), den fromme Juden angehalten sind, nach jedem Urinieren oder Stuhlgang zu sprechen, und der auch als Teil des Morgengebets Schacharit im Siddur (jüdisches Gebetsbuch) zu finden ist:

Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt,
der den Menschen gebildet mit Weisheit
und an ihm erschaffen viele Öffnungen,
viele Höhlungen.
Offenbar und bekannt ist es
vor dem Thron deiner Herrlichkeit,
daß, wenn eine von ihnen offen
oder eine von ihnen verschlossen bliebe,
es nicht möglich wäre zu bestehen
und vor dich hinzutreten.
Gelobt seist du, Ewiger,
der da heilt alles Fleisch und wunderbar wirkt.

Momentan bin ich, zuerst wegen einer Operation in der Leistengegend, und danach wegen der daraus resultierenden Atrophie meiner Beinmuskeln, bereits seit ca. neun Monaten bettlägrig, wodurch ich es nicht auf die Toilette schaffe  — aber natürlich trotzdem meine Notdurft verrichten muß, durch einen Harnkatheter und auf eine Moltex- und Papiereinlage im Bett. Das muß dann meine Frau entsorgen und mir den Hintern reinigen — und ich bin ihr sehr dankbar, daß sie bereit ist, das ohne Murren zu tun.

Aber natürlich versuche ich, sie in der Nacht so wenig wie möglich zu belästigen, und beobachte daher das interessante, und in meiner Situation unangenehme, Zusammenspiel von Harndrang und Stuhldrang. Wenn ich einen Darmdrang habe, entweder nur durch Gas oder eben mehr, den ich aus Rücksicht auf meine Frau zurückhalte, dann hält das auch den Urin zurück, der ja eigentlich durch den Katheter abfließen sollte, und das ist wesentlich unangenehmer als der Darmdrang.

Normalerweise verschwende ich auf Urinieren und Stuhlgang kaum einen Gedanken, aber in meiner derzeitigen Situation muß ich immer wieder an Psalm 139, 14 denken:

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

Genau das drückt Ascher Jazzar mit ein paar mehr Wörtern aus, und man belächelt diese Angewohnheit, diesen Segen nach jedem dieser Toiletten-Anlässe zu rezitieren, nur solange es bei den eigenen vielen Öffnungen, vielen Höhlungen und deren Funktion zu keinen Störungen kommt.

Als freikirchliche, evangelikale Christen haben wir es nicht so mit vorgeschriebenen, vorformulierten Gebeten oder Ritualen, und das hat gute theologische Gründe; aber als Vorschlag statt als Vorschrift gesehen können z. B. gerade diese jüdischen Segenssprüche bei Allem und Jedem durchaus wertvoll sein, weil sie uns immer wieder daran erinnern, daß unser ganzes Leben, einschließlich nicht ehrenvollen [1] Aspekten, einen Gottesbezug hat, nicht nur die Stunde am Sonntagvormittag oder Mittwochabend, oder auch die tägliche Stille Zeit.

Und da stellt sich mir dann die Abschlußfrage: warum hat die eingangs erwähnte Gemeinde nicht auch den Segen zum Händewaschen (Netilat Jadajim,  hebräisch יָדַיִם נְטִילַת) über dem Waschbecken angebracht

Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns mit seinen Geboten geheiligt und uns befohlen hat, die Hände zu waschen.

Aber das war natürlich lange vor Covid-19.

__________
  1. 2. Timothäus 2, 20[]
I do not permit comments on this blog. The reason for this and further information can be found on the page Privacy Policy.