ORF-Beitrag über konservative Evangelikale in Amerika: Schlecht übersetzt und tendenziös

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Ich versuche mit wechselndem Erfolg, die aktuelle politische Situation in USA nicht zu kommentieren. Manchmal ist das leider unmöglich, so wenn z.B. der ORF in seiner typisch schlecht übersetzten und tendenziösen Weise die Rolle konservativer Christen im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zu beleuchten versucht.

Das Video ist derzeit in der ORF TVthek abrufbar, aber nur mehr bis Mittwoch, 16. 8. Der gleiche Beitrag von Sarah Fournier, in einer marginal besseren und weniger tendenziösen Übersetzung, ist auch in der ZDF TVthek zu finden, und zwar noch bis 1. September 2021.

Ich sage bewußt “versucht”, denn da ist mehr Rauch als Licht. Das fängt bei den üblichen Kleinigkeiten an wie Übersetzungsfehlern (“godly” heißt z.B. nicht “göttlich”) oder Terminologiefehlern (ein evangelikaler Gottesdienst ist keine “Messe”) und endet mit der tendenziös negativen Darstellung von Situationen, die es analog auch hier bei uns, im katholischen oder evangelischen Umfeld gibt: der Betrieb von Krankenhäusern, Schulen oder Sozialheimen als kirchliche Einrichtungen ist nicht Ausdruck des “Reichtums” einer Kirche, sondern ihres sozialen Engagements, das mit zum Wesen einer christlichen Kirche gehört. Auch die Wortwahl ist immer wieder tendenzös-spöttisch, wenn z.B. die Evangelikalen als “vermeintliche Superchristen” bezeichnet werden.

Natürlich ist die enge Verquickung von Glaube und Politik ein Problem, und wird durchaus auch von Evangelikalen in USA kritisiert; aber andererseits ist es auch eine fragwürdige Situation, wenn Politiker und ganze Parteien sich zwar zum christlichen Glauben — sei es katholisch, evangelisch, oder evangelikal — bekennen, aber in ihrer Politik davon nichts zu merken ist.

So kann man wohl kritisieren, daß konservative Evangelikale in USA die Abtreibungsfrage zum Litmustest für politische Kandidaten gemacht haben, und alles andere ignorieren, solange ein Kandidat nur gegen Abtreibung ist; aber die Situation hier bei uns ist auch nicht so unproblematisch: Wir haben eine Partei, die sich “christlich-sozial” nennt und historisch eine Nähe zur katholischen Kirche hat, die aber alles, was die Kirche zu Themen wie Abtreibung, Lebensschutz, soziale Gerechtigkeit für Randgruppen und insbesondere Flüchtlinge, usw, lehrt, geflissentlich ignoriert, so daß Kandidaten, die dazu klare Positionen haben, auch in dieser “christlich-sozialen” Partei chancenlos sind, sofern sie sich nicht mit klaren Äußerungen zurückhalten.

Aber zurück zum Video: Wenn ein Pastor mit Pistole im Hosenbund mit dem Sheriff auf Patrouille fährt, dann liegt das nicht daran, daß er evangelikaler Christ oder Pastor ist, sondern daran, daß er ein typischer Südstaaten-Amerikaner ist, in einem Bundesstaat, wo das Tragen von Waffen erlaubt und für viele Menschen ein Symbol ihrer Freiheit ist.

Wenn es in manchen evangelikalen Gemeinden üblich ist, sich mehrfach zu bekehren und auch taufen zu lassen, dann ist das eine bedauerliche theologische Schwäche; aber wenn in diesem Beitrag gesagt wird, daß die Taufe ein Weg ist, seine Sünden vergeben zu bekommen, dann ist das einfach schlecht recherchiert: denn im Gegensatz zum sakramentalen Verständnis der Taufe in der katholischen Kirche sehen Evangelikale die Taufe als reines Zeichen, ohne Gnadenwirkung und Sündenvergebung.

Daß man für die Teilnahme an einem christlichen Musikfestival zahlen muß, und die Veranstalter auch einen Prozentsatz der Umsätze von Standbetreibern kassieren, wird irgendwie negativ dargestellt; dabei ist das ein ganz normales Geschäftsmodell auch bei sekularen Festivals. Und die Spendensammlungen jeden Abend sind garantiert nicht “Profitmaximierung” sondern gehen an diverse Non-Profits, sonst hätten die Veranstalter innerhalb kürzester Zeit mit Kritik von der Presse, von christlichen Watchdog-Vereinen zu rechnen und wären sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der Steuerbehörde sicher.

Ein christlicher Teenager in Florida findet nur christliche Bücher in ihrem Zimmer: wie schrecklich! Immer mehr Jugendliche hier bei uns in Österreich finden überhaupt keine Bücher in ihren Zimmern oder der ganzen Wohnung.

Wie schon oben erwähnt wird das soziale Engagement einer Kirchengemeinde lächerlich gemacht und charakterisiert als “alles nur, damit die Mitglieder unter sich bleiben” — aber viele dieser Einrichtungen müssen der Öffentlichkeit offen stehen, um ihre Steuerbefreiung zu behalten. Das ist somit nicht viel anders als die Situation hier bei uns, wo sowohl katholische als auch evangelische Kirche auch Krankenhäuser, Schulen, und andere Sozialeinrichtungen betreiben, teilweise mit Unterstützung des Staates. Und solche Einrichtungen kosten nur mal Geld, welches über Spenden reinkommt. Im Gegensatz zu Österreich gibt es in USA keinen gesetzlichen Kirchenbeitrag; Kirchen und ihre Einrichtungen werden ausschließlich durch freiwillige Spenden der Mitglieder finanziert, und kirchliche Schulen erhalten keinerlei staatliche Zuschüsse.

Daß ein Pastor Homosexualität als Sünde bezeichnet, ist “sehr reaktionär” – ich würde sagen, es ist wenigstens ehrlicher als Theologen und Pastoren, deren kirchliche Lehre genau dasselbe sagt, die es aber geflissentlich ignorieren. Und daß Sünder, die nicht Buße tun, die nicht von ihrem Weg umkehren, in die Hölle kommen, ist gemeinsamer Glaube aller christlichen Kirchen. Wenn man diesen “erzkonservativen Evangelikalen” also etwas vorwerfen kann, dann ist das, daß sie konsequent sind, im Gegensatz zu vielen getauften Menschen hier bei uns.

In dem Abschnitt, wo der Atheist Brian vorgestellt wird, wird in einem Atemzug behauptet, daß Evangelikale ihre abtrünnigen Familienmitglieder verstoßen — nur um dann zu berichten, daß Brian jeden Sonntag nach seiner Atheistenversammlung bei seiner Mutter zu Mittag ißt.

Auch schon oben erwähnt, und regelmäßig ein Teil der ORF-Berichterstattung zu religiösen Themen: die Bezeichnung protestantischer Gottesdienste als “Messe”. Dabei erinnert gerade bei freikirchlichen, evangelikalen Gottesdiensten so gar nichts an eine Messe, und daher hat auch die von Brian besuchte atheistische Versammlung in Houston nichts mit einer Messe zu tun. Und ein Pastor ist kein “geweihter Priester”. Das ist übrigens ein Aspekt, wo die ZDF-Version des Beitrags wesentlich besser übersetzt ist – “Gottesdienst” statt “Messe”, “ordinierter Pfarrer” statt “geweihter Priester”. Generell ist auch die Wortwahl der ZDF-Version wesentlich neutraler und weniger tendenziös.

Die ganze Frage nach Waffen und Milizen ist natürlich auch nicht primär eine Frage der Religion, sondern ist Teil der amerikanischen Kultur, besonders im ländlichen Raum und im Landesinneren. Das mit den Evangelikalen zu verbinden, geht irgendwie an der Realität vorbei.

Die Person, die mich auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht hat, hat gemeint, wir sollten an den ORF schreiben, und eine ausgeglichenere Berichterstattung über evangelikale Christen einmahnen; ich halte da für wenig zielführend. Erstens zeigt das Chaos der Berichterstattung über den Corona-Cluster in einer Linzer Pfingstgemeinde daß der ORF nicht wirklich korrigierbar ist, und zweitens reflektiert diese Art der Berichterstattung die generell sekulare und euro-zentrische Einstellung der Redaktionen im deutschsprachigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ich weise lieber hier auf einige der tendenziösen Aussagen hin in der Hoffnung, daß es der eine oder andere liest.

Ich weiß nicht, wer im November die Präsidentenwahl gewinnen wird; momentan sieht es so aus, als würde es Donald Trump nicht ein zweites Mal schaffen, auch mit der Unterstützung durch konservative Christen.

Inzwischen haben wir hier in Österreich eine Regierung, deren Seniorpartner sich “christlich-sozial” nennt, aber keinerlei Empathie und Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge im niedergebrannten Lager Moria auf Lesbos zeigt — im Gegensatz zu vielen anderen Regierungen in Europe. Wir dürfen also ruhig vor unserer eigenen Haustür kehren.

 

 

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