Verkörperte Gegenwart und Pandemischer Fluch

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 In einer Zeit, wo einige Gemeinden nach einer ersten Öffnung in den letzten Wochen zu Hotspots neuer CoVid-19 Ausbrüche geworden sind und ihre öffentlichen Gottesdienste wieder ausgesetzt bzw in den virtuellen Raum verlagert haben, und manche Leute sehr unpassende Vergleiche zwischen den aktuellen Einschränkungen und den Repressalien der kommunistischen Regimes Osteuropas ziehen, sind ausgeglichene Stimmen sehr wichtig.

Dies ist ein Artikel von Kenneth Tanner, dem Pfarrer der anglikanischen Erlöserkirche in Rochester Hills, Michigan, USA, von dem ich schon öfters Beiträge übersetzt und gepostet habe.


Verkörperte Gegenwart und Pandemischer Fluch

Wie wir den Ideologien widerstehen, wenn wir dran denken, uns wieder zum Gottesdienst zu versammeln

von Kenneth Tanner, Pfarrer der anglikanischen Erlöserkirche in Rochester Hills, MI, 23. Mai 2020

Die Kirchen haben es nicht nötig, daß man uns sagt, wann wir wieder unsere Tore öffnen oder geschlossen bleiben sollen, wann wir uns als Gemeinden versammeln und wann wir Abstand halten sollen.

Die große Mehrheit der Gemeindeleiter, ordiniert oder nicht, hören zu allererst auf den Geist, den Geist Christi und nicht irgendeinen Geist, der uns sagt, daß wir unsere Nächsten lieben sollen.

Dieser gleiche Geist hat die frühen Christen Jahrhunderte lang getrieben, sich der Gefahr auszusetzen, um für die Kranken, die Witwen und Waisen zu sorgen, für die Gefangenen, die Hungernden und die Fremden, weil uns Christus gesagt hat, daß wir ihm genau dort begegnen werden: in den Menschen, die Gottes Ebenbild sind. Und das, was die Liebe verlangt, wird freiwillig gegeben, nie unter Zwang oder auf gesetzliche Anweisung.

Es ist dieser Wunsch, das Angesicht Gottes in einem anderen Menschen zu sehen (denken wir an Les Misérables), das Christen in verkörperte Solidarität mit allen Menschen führt, und es ist verkörperte Gegenwart, die von Anfang an auch unseren Gottesdienst motiviert hat—die verkörperte Gegenwart des Wortes Gottes in der Eucharistie und die Gegenwart seines Leibes in uns, Gottes versammeltem Volk.

Risiko ist unweigerlich ein Teil davon, die Arme und Hände der Liebe in der Welt zu sein. Gleichzeitig versteht die große Mehrheit der Christen in Amerika und auf der ganzen Welt die einzigartige Herausforderung dieser Pandemie. Wir verstehen, daß körperliche Nähe ein Faktor in der Ausbreitung der Krankheit ist.

Dieser Virus ist nicht nur ein Feind des menschlichen Körpers, sondern ein Feind körperlicher Nähe und Versammlung, und er ist ganz besonders ein Feind der besonders Gefährdeten.

Es ist eine Gnade und sehr gut, daß es uns unsere elektronischen Geräte erlauben, als örtliche Gemeinden virtuell zusammenzukommen, als Gemeinden derer, die diesem verkörperten Gott vertrauen; aber wir täuschen uns, wenn wir glauben, daß wir diese nicht-köperliche Art der Versammlung auf Dauer aushalten können.

Dennoch ist es das Zeugnis der Mehrheit der Gemeinde in dieser Pandemie, Vernunft und Geduld zu praktizieren, und in Solidarität mit den besonders Gefährdeten von Versammlungen und körperlicher Nähe Abstand zu nehmen.

Die meisten christlichen Leiter hören auch auf die Wissenschaft und Medizin, und haben für Ersthelfer und die Verantwortlichen in der Regierung gebetet, gerade auch dadurch, daß sie ihrem Rat vertraut haben und ihm gefolgt sind.

Wir werden uns als Christi Gegenwart in der Welt versammeln, sobald wir können, aber wenn wir es tun, dann um des Leibes Christi willen und in Geschwisterlichkeit mit den Gefährdeten, auf Arten und Weisen, die sicher und durchhaltbar sind—nicht um auf unserer “Religionsfreiheit” zu bestehen, oder weil wir, so wie Geschäftsbetriebe, unsere Türen unbedingt offen halten müssen.

Laßt uns der Versuchung widerstehen, mit unseren Gemeinden Teil des ideologischen Krieges hier in Amerika* zu werden, wo wir uns aus Solidarität mit der konservativen Politik versammeln, oder aus Solidarität mit der progressiven Politik von Versammlungen absehen. Als Jünger Jesu Christi gilt unsere Solidarität den Schwachen und Armen, in denen wir das Angesicht Gottes sehen.

Laßt uns stattdessen zuhören. Laßt uns zögern, zu richten. Laßt uns stattdessen allen Empathie zeigen, besonders denen, die den Weg vorwärts anders sehen als wir selbst.

Laßt uns nicht einstimmen in den Lärm von Spaltung und Zwietracht.

Laßt uns stattdessen in die Stille des Karsamstags eintreten, indem wir uns wieder vorbereiten, in unserer gemeinsamen Anbetung das bessere und heilige Wort der Auferstehung zu verkörpern, um das es ja bei all unseren Versammlungen am Tag des Herrn geht—wo immer und wann immer wir letztlich entscheiden, uns zu versammeln.

Der Geist, den die Kirche verkörpert, ist der Geist der Demut. Sie feiert diese Kraft des verwundeten Gottes, so verkehrt in den Augen der Welt, eines Gottes, der leidet und stirbt für das Leben dieser Welt, die er liebt, damit eben diese Welt, die Gott liebt, von der Zerstörung und dem Tod errettet wird, den dieser Virus repräsentiert.

Möge die Demut und Verletzlichkeit unseres gekreuzigten Gottes unsere Gemeinden und Herzen beherrschen, damit wir in unserem Dienst an der Welt den Weg des Kreuzes verkörpern, in einer lebendigen Gemeinschaft, die dem Weg von Sünde und Tod entgegensteht.

Dies ist ein Moment voll neuer Möglichkeiten, das Evangelium weiterzusagen und zu leben, das Evangelium der Guten Nachricht, daß unser Gott die Welt überwunden hat.

Hier ist der Kern dessen, was ich eigentlich sagen will: Wenn wir als Kirche, als Gemeinde eintreten in diesen Weg, auf dem Gott immer schon als Mensch gegenwärtig ist in der Welt, wenn wir Jesus folgen, dem ewig verkörperten Gott, dann widerstehen wir politischen Ideologien wie “Freiheit” und sind stattdessen wahrhaftig frei.

In dieser Freiheit denken wir daran, daß die Kirche nie geschlossen war (lediglich unsere Gebäude sind geschlossen); daß sie auch nie geschlossen sein wird, weil sie all die Höllen überwinden wird, zu denen wir diese Welt machen, bis die Welt letztlich von Liebe verwandelt ist.

     

*Anmerkung des Übersetzers: der gleiche Krieg tobt auch, vielleicht etwas weniger heftig, in allen anderen Ländern der westlichen Welt; die Warnung ist also auch für uns relevant.

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