Gedanken zum Mobbing und angekündigten Rücktritt des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing

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Gestern habe ich mich zu einer inner-katholischen Kontroverse geäußert; nicht im Sinne von “Katholiken-Bashing”, sondern weil mich als evangelikaler Christ die Krisen der anderen Kirchen nicht kalt lassen.

Heute möchte ich meine Gedanken zu einer inner-evangelischen Kontroverse, primär in Sachsen, aber durchaus auch relevant für den ganzen deutschsprachigen Raum, darstellen.

Am 11. Oktober 2019 hat der einzige dezidiert konservative Bischof der Evangelischen Kirche in Deutschland, der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing, seinen Rücktritt innerhalb eines Jahres angekündigt. Zuvor war er nicht nur für seine konservativen Ansichten (z.B. Ablehnung der Segnung homosexueller Paare) kritisiert worden; es war ihm auch vorgeworfen worden, Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung zu sein, vor sechs Jahren einen Vortrag in der Berliner “Bibliothek des Konservatismus” gehalten zu haben, sowie in seiner Studienzeit Anfang der 1990er Jahre, als Redakteur der sehr kurzlebigen rechtsnationalen Zeitschrift “Fragmente”, Texte veröffentlicht zu haben, die eine “antidemokratische Gesinnung” offenbaren. Insgesamt lautet der Vorwurf, daß Rentzing weder seine Mitgliedschaft in der Studentenverbindung, noch seine “Verstrickung ins rechte Milieu” vor seiner Bischofswahl bekannt gemacht hatte, und sich nach Bekanntwerden seiner Redakteurstätigkeit nicht ausdrücklich genug (d.h. zur Zufriedenheit seiner Kritiker) von dieser und den Inhalten seiner damaligen Schriften distanziert zu haben.

Der Vorstandsvorsitzende und ehemalige Geschäftsführer der Evangelischen Nachrichtenagentur IDEA, Helmut Matthies, weist in einem Kommentar auf einige Probleme mit diesen Vorwürfen hin. Zum einen ist die Mitgliedschaft in einer schlagenden Verbindung nichts grundsätzlich verwerfliches, und es gibt durchaus auch andere Theologen, die solchen Verbindungen angehören. Des weiteren wird hier eine sonderbare Einseitigkeit sowohl der Presse als auch gewisser kirchlicher Kreise deutlich, die jede Einstellung und Positionierung rechts der Mitte als “rechtsextrem” und verwerflich verdammt, während wesentlich extremere Einstellungen und Positionierungen links der Mitte als moralisch und politisch einwandfrei gesehen werden. Und schließlich gehen die Vorwürfe ob der Fragmente-Texte davon aus, daß man nach fast 30 Jahren eines Berufslebens, in dem man nicht mit “undemokratischen” Ideen aufgefallen war, anhand von Texten aus der Jugendzeit disqualifiziert wird. Daß man innerhalb dieser langen Zeit wohl gereift sein wird, und seine Meinung wahrscheinlich geändert hat, ist irrelevant. Diese Verurteilung aufgrund von problematischen Äußerungen in der Vergangenheit gilt natürlich nur für Leute rechts von der Mitte; anderen wird z.B. die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei oder eine Wahlempfehlung für diese selbstbverständlich nachgesehen oder erst gar nicht als problematisch betrachtet.

Soweit Matthies, dem ich nur zustimmen kann; mir fallen aber noch ein paar andere Dinge dazu ein. Die “Tagesschau” veröffentlicht z.B. auf ihrer Webseite ein Faksimile einer Seite aus “Fragmente”, wo “rechtsextreme” Passagen mit einem gelben Marker hervorgehoben sind. Darunter findet sich zum Beispiel diese Aussage, im Kontext der damals eben vom kommunistischen Joch befreiten osteuropäischen Staaten:

Daß für die Menschen angesichts jahrzehntelanger individueller Unterdrückung und Bevormundung sowie sozialer Mißwirtschaft die einzige, authentisch Wohlstand verheißende und äußere Freiheit (in der Regel bis zum Exzeß) gewährleistende Staatsform zum Leitbild und Wunschtraum avanciert, verwundert nicht. In der Tat dürfte es zur Zeit neben der westlichen parlamentarisch-demokratischen keine andere Herrschaftsform geben, die ihren Gliedern ein derart hohes Maß an individueller Freiheit und Sicherheit vor tyrannischer Entartung bei gleichzeitigem relativen oder auch absoluten Wohlstand bietet. Dennoch hält es der Autor für absurd, der heutigen Gleichsetzung von Demokratie und Freiheit unmittelbar zu folgen und gemeinsam mit der liberalen Staatsdoktrin eine seit Jahrtausenden anhaltende Diskussion um die beste Staatsform seit 50 Jahren für beendet und gelöst zu erklären. Tabus darf es auch und gerade in dieser Frage nicht geben. Diejenigen, die in demokratischen Staaten aufgewachsen sind, können aus einem Erfahrungsschatz schöpfen, der den nach wahrhaftiger Freiheit strebenden Völkern die Fehler des demokratischen Systems erspart.

Ich muß gestehen, daß sich mir entzieht, was an diesem Text (a) rechtsextrem oder (b) anti-demokratisch ist. Der Autor bezeichnet die westliche Demokratie als jene Staatsform, die ihren Bürgern sowohl Freiheit als auch Sicherheit vor Diktaturen bietet (jener Absatz, in dem nichts gelb hervorgehoben wurde, warum wohl?), während er gleichzeitig beklagt, daß eine Diskussion der Schwächen dieser Staatsform zu einem Tabu geworden ist. Er stimmt damit Winston Churchill zu, der gesagt hat (in einer Rede vor dem britischen Unterhaus am 11. November 1947): “Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.” War Winston Churchill ein rechtsextremer Anti-Demokrat? Andere Zitate, wie dieses hier, “Dass ein Staat, (…) in dem Feigheit vor Tapferkeit, Selbstverwirklichung vor Freiheit, Leben vor Ehre gilt, dem Untergang geweiht ist, dürfte kaum bezweifelt werden.”, sind wohl eindeutig konservativ, aber sicher nicht rechts-extrem

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