Intime Anbetung im öffentlichen Gottesdienst?

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Kürzlich wurde ich an einem Tag gleich zweimal in eine seltsame Debatte verwickelt.

Zuerst fiel in einem Gespräch über Foto- und Videoaufnahmen in öffentlichen Gottesdiensten die Aussage, es wäre unangenehm, während des Lobpreises fotografiert oder gefilmt zu werden, denn das sei eine so intime Angelegenheit, es wäre fast, als würde man beim Sex fotografiert werden.

Später kam es auf der Facebook-Timeline eines Freundes zu einer Diskussion, weil dieser ein Foto vom Gottesdienst in seiner Gemeinde gepostet hatte, wo ein Mann enthusiastisch singend zu sehen war. Ich fragte, spaßhalber, ob mein Freund eh die Erlaubnis des Mannes eingeholt hatte, wegen DSGVO usw, und daraus entwickelte sich ebenfalls eine Diskussion über die rechtlichen und ethischen Aspekte von Bildaufnahmen in Gottesdiensten. Abgesehen davon, daß diese Diskussion, wie bei FB üblich, sehr schnell rüde und aggresiv wurde, fiel dort die Aussage, daß sich jemand durch ein Foto während des Lobpreises “in der Intimität der Anbetung” verletzt fühlen würde.

Diese Diskussionen haben mich zum Nachdenken angeregt, was in Bezug auf Lobpreis und Anbetung passend ist, im Zusammenhang von öffentlichen Veranstaltungen, kleineren, intimeren Gebetstreffen, sowie im privaten “Gebetskämmerlein”.

Generell tu ich mir als Mann schwer, bestimmte, derzeit populäre Lobpreislieder zu singen. Das ist die Art von Liedern, die mit minimalen Textänderungen mit weltlichen, romantischen Liebesliedern verwechselt werden können.

Mir ist schon klar, daß eine romantische, fast schon erotische Bildsprache in Bezug auf die Gottesbeziehung das Hohe Lied als Vorbild nimmt, und daß in beiden Testamenten das Bild von Gott bzw Jesus als Bräutigam und dem Volk Gottes als Bräutigam immer wieder vorkommt. Aber bei diesem Bild ist es eben das Volk als Ganzes, welches die Braut ist, nicht der einzelne Gläubige, und ich denke, daß man auch im Hohen Lied, sofern man es als Bild für die Gottesbeziehung liest, die Braut als Gottesvolk sehen sollte.

Ich weiß auch, daß es in der Kirchengeschichte immer wieder Mystikerinnen gab, die ihre Gottesbeziehung in in einer leidenschaftlichen Sprache beschrieben haben, die teilweise fast erotisch klang; aber eben meines Wissens nach nur Frauen, keine Männer (aber da bin ich belehrbar).

Ich persönlich hätte auch deshalb große Scheu davor, Anbetung mit Sex in Verbindung zu bringen, weil diese Verbindung eher für bestimmte heidnische Religionen typisch ist, als für das Judentum und Christentum.

Aber mal angenommen, der Vergleich von Anbetung und Lobpreis mit Sex ist nicht grundätzlich und von vornherein unpassend, stellt sich die Frage, ob der Vergleich von öffentlichem Lobpreis mit Sex passend ist, bzw. vielleicht besser, ob Lobpreis, der so intim ist, daß er einen Vergleich mit Sex nahelegt, in die Öffentlichkeit gehört.

Es ist zum Beispiel klar, daß Sex zwischen Eheleuten “ehrbar und unbefleckt” ist, aber wäre es passend, wenn Eheleute diesen legitimen Aspekt ihrer Beziehung in der Öffentlichkeit ausleben würden? Ist es nicht vielmehr so, daß dieses Niveau von Intimität der Privatheit des ehelichen Schlafzimmers vorbehalten bleibt, und auch Eheleute in der Öffentlichkeit auf weniger intime Weise miteinander umgehen, und daß Paare, die sich nicht an diese Gepflogenheit halten, auch in unserer freizügigen Zeit unangenehm auffallen (“Get a room!” ist eine typische Reaktion)?

Ich stelle daher in den Raum, daß öffentlicher Lobpreis und Anbetung einerseits, und intimer Lobpreis und Anbetung andererseits, zwei verschiedene Dinge sind, die an jeweils unterschiedlichen Orten und bei jeweils unterschiedlichen Anlässen passend sind; und daß Anbetung, die so intim ist, daß man sie mit dem Sexakt vergleicht, in das stille Kämmerlein gehört, von dem Jesus spricht, und nicht in den Sonntagsgottesdienst der Gemeinde oder sonstige öffentliche Veranstaltungen.

Ich will damit nicht den Heiligen Geist einschränken; mir ist bewußt, daß es manchmal unter Seinem Einfluß zu extremen Gefühlsreaktionen kommt, aber generell glaube ich, gilt auch in diesem Zusamenhang die Feststellung des Apostels Paulus, “Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan,” das heißt, wir selbst bestimmen, wie wir uns, auch unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, verhalten und ausdrücken.

Zurück zum Fotografieren. Ich möchte hier nicht dem freien oder wilden Fotografieren oder Filmen im Gottesdienst das Wort reden; auch mich befremdet es manchmal, wenn bei Fernsehübertragungen, Videostreaming oder YouTube-Filmen von gottesdienstlichen Veranstaltungen die Kamera auf ekstatisch verzückte oder sichtlich gelangweilte Gesichter zoomt.

Es gibt verschiedene legitime Gründe, warum jemand nicht im Gottesdienst fotografiert oder gefilmt werden will bzw sein Foto nicht auf sozialen Medien oder in der Zeitung wiederfinden will: Menschen auf der Flucht vor Verfolgung oder vor gewalttätigen Ehepartnern fallen mir sofort ein. Auch Fotos von Kindern, vor allem denen anderer Leute, sollte man nicht ohne explizite Erlaubnis veröffentlichen; unser ehemaliger Dorfpfarrer hat in seinen Fotos von Pfarrveranstaltungen die Kindergesichter immer mit Luftballons abgedeckt, um sie unkenntlich zu machen.

Meiner Meinung nach gebietet es der Anstand, bei Fotos, wo Personen erkannt oder identifiziert werden können, vor einer Veröffentlichung (auch z.B. auf Facebook) deren Erlaubnis einzuholen. Bei Videoaufnahmen von Veranstaltungen, wo auch die Gemeinde von vorne aufgenommen wird, muß es Bereiche geben, die nicht von der Kamera erfaßt werden, wo sich Leute sicher fühlen können. Close-Ups einzelner Personen sind vielleicht bei Taufen oder Hochzeiten, von Verwandten des Täuflings oder Brautpaars, oder von diesen selbst, passend; sonst sollte man davon eher absehen.

Und was ganz wichtig ist: Alle sollen wissen, was gemacht wird. Das ist normalerweise keine Angelegenheit, wo Leute Überraschungen erleben wollen.

Nachtrag:

Gestern ist mir in einem Artikel ein Zitat untergekommen, welches meiner Meinung nach die potentielle Problematik aufzeigt, wenn man das biblische Bild von Braut und Bräutigam für die Gottesbeziehung, individuell auf den einzelnen Gläubigen bezieht, statt kollektiv auf das Volk Gottes. Das Zitat stammt von der Äbtissin der Klarissen in Münster:

“Als ich mit 24 Jahren ins Kloster eingetreten bin, habe ich mir schon überlegt, ob ich wirklich die Millionste Braut Jesu Christi sein möchte. Heute verstehe ich dieses Bild anders. Ich fühle mich tief geborgen in der Gegenwart Gottes. Er hat einen festen Platz in der Kammer meines Herzens.”

Das Problem hier ist natürlich, auch für Frauen, daß Christus nur eine Braut hat, nicht Millionen Bräute. Bei Männern kommt noch dazu, daß sie sich, als Einzelpersonen, normalerweise schwerlich als “Braut” fühlen werden.

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