Freiwillige Dystopien?

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Im heutigen profil wird in der Kolumne “#brodnig” unter dem Titel “25 $ und Ihre Daten bitte” ein Angebot des amerikanischen Lebensversicherers John Hancock kritisiert, bei dem Versicherte um $25 eine Apple Watch erhalten, die sie so lange um diesen Preis behalten können, wie sie regelmäßig, von der Watch dokumentiert, Sport betreiben. Sollten sie aufgeben, wird eine an den tatsächlichen Preis der Uhr gekoppelte Pönalezahlung fällig. Außerdem, und auch das wird kritisiert, bietet das Unternehmen schon länger günstiger Tarife für Menschen an, die entsprechend Sport betreiben und sich gesund ernähren.

Es wird in den Raum gestellt, daß man sich auf diese Weise freiwillig in eine dystopische Zukunft a la “1984” oder “Fahrenheit 451” begibt; daß solche Angebote auch unfair sind gegenüber jenen, die sich und ihren Lebensstil nicht von einer Versicherungsgesellschaft überwachen lassen wollen; daß damit problematischerweise große Unternehmen per Preisgestaltung vorgeben, was ein optimales Leben darstellt, und daß auf diese Weise die Kunden, die solche Angebote annehmen, einen hohen Preis dafür bezahlen.

Ich finde das eine absolut überzogene Reaktion und Kritik, aus folgenden Gründen:

  1. Das Schreckliche und Unerträgliche an “1984” und “Fahrenheit 451” ist die Kombination aus staatlichem Zwang und vollständiger Überwachung. Eine freiwillige, auf einen bestimmten Aspekt des Lebens beschränkte Überwachung ist etwas ganz anderes.
  2. Solche Angebote in Verbindung mit dieser Art von Überwachung sind nichts anderes, als die technische Unterstützung dessen, was z.B. die Anonymen Alkoholiker seit Jahrzehnten erfolgreich machen: Menschen zur Aufgabe schädlicher Gewohnheiten zu motivieren.
  3. Soferne eine Versicherungsgesellschaft nicht gleichzeitig mit einem solchen Angebot die Tarife für Menschen, die es nicht annehmen wollen, erhöht, erwächst diesen kein Nachteil daraus. Es ist ein Trugschluß, einen Vorteil für eine Gruppe mit einem Nachteil für eine andere Gruppe gleichzusetzen.
  4. Ich halte es auch für problematisch, einem privaten Unternehmen vorschreiben zu wollen, daß es alle Menschen gleich zu behandeln hat. Im Gegensatz zum Staat und seinen Einrichtungen sollten meiner Meinung nach Privatpersonen und -unternehmen die Freiheit haben, jedem Kunden beliebige Angebote zu machen. Ich kann mit Ausnahmen für Hautfarbe leben; aber gerade solche Gruppen-Charakteristika, die z.B. bei Versicherungen für die Risikoabschätzung relevant sind, müssen auch in die Preisgestaltung einfließen können. Nachdem es z.B. statistisch nachgewiesen ist, daß Frauen weniger Verkehrsunfälle verursachen, als Männer; daß junge Männer und sehr alte Personen mehr Verkehrsunfälle verursachen, als der Durchschnitt — ist es für mich nicht einsichtig, daß Versicherungen nicht günstigere Frauentarife anbieten dürfen, oder einen Risikozuschlag für jüngere oder wesentlich ältere Autofahrer verlangen dürfen. Genauso sollen Versicherungen günstigere Tarife anbieten dürfen für Gruppen, die aufgrund ihres Lebensstils ein geringeres Risiko für ein verfrühtes Ableben haben — also z.B. Menschen, die Sport betreiben und sich gesund ernähren, usw.
    Und ich sage das als einer, der aufgrund seines Körpergewichts und unsportlichen Lebensstils durchaus in einer höheren Risikogruppe ist.
  5. Das Unternehmen schreibt ja nicht vor, was ein optimales Leben ist, sondern lediglich, welcher Lebensstil ihr Risiko minimiert, wofür sie dann entweder einen Preisnachlass oder einen anderen Anreiz bieten.
  6. Jeder, der sich einerseits über eine Überwachung alteriert, und andererseits eine Apple-Watch als so wünschenswert betrachtet, daß er diesem Angebot nicht widerstehen kann, hat ganz andere Probleme.

Und mir ist völlig klar, daß da sehr viele nicht meiner Meinung sein werden: das steht Euch auch durchaus zu, genauso, wie mir meine Meinung zusteht 😃

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